Lyrik ~ Klinge
Versuch einer Dichtung          

22 
 September 
 
2012


 

https://www.youtube.com/watch?v=WE3jsQjwexE

Sollte das Modell der „seriellen Monogamie“ (Lebensabschnittspartnerschaft) doch Recht behalten? Mir grauet…

In den weisen Büchern habe ich gelesen:
Alle sieben Jahre wandelt sich dein Wesen.
Alle sieben Jahre, merket, Mann und Weib,
Wandelt sich die Seele, wandelt sich der Leib.

Wandelt sich dein Hassen, wandelt sich dein Lieben.
Und ich zählte heimlich: drei Mal, vier Mal sieben.
Ach, die Geister kamen. Und mein Ohr vernimmt:
Alle sieben Jahre … Siehe da, es stimmt.

Sorgenvoll betracht ich alle Liebespaare.
Ob sie es wohl wissen: Alle sieben Jahre …!
Selbst in deinen Armen fragt mein Schatten stumm:
Wann sind wohl, Geliebter, unsre sieben um?

 

Textdichterin Mascha Kaléko
Rezitation Mascha Kaléko
Bereitstellung wortlover

 
 
22 
 September 
 


 

Komm, lass die Tür mich leise nach dir schließen.
Der Tag war schwer. Mag er nun draußen stehn.
Lass nur den Regen ruhig weiterfließen,
Wir sind zu zwein. Was kann uns schon geschehn?

Lass andre schwärmen von dem Glanz der Sterne.
Mich freut schon, wie das Licht der Lampe fällt.
– Glaubst du es endlich nun, daß keine Ferne
Versprochnes hält?

Tat dir das weh? Hat uns der Herbst verändert?
Ja, unsre Träume welken mit der Zeit,
Und man begnügt sich mit der Wirklichkeit,
Wenn man ganz ehrlich durch die Jahre schlendert.

… Wie still! Der Wecker tickt nur, wenn wir schweigen.
Der einzge Baum vor unserm Fenster rauscht.
Und wenn man in den Hof hinunterlauscht,
Klingt’s fern, als würde einer Chopin geigen.

Nein. Dummes Zeug! Es fiel mir nur so ein.
(Kein ‚«Rückfall», wie du meinst, in die Romantik!)
Das wird gewiss im Grandhotel Atlantic
Von nebenan das Kitsch-Orchester sein.

Ach, liefst du nur nicht mit nervösen Schritten
Von Wand zu Wand. Und ließest mich allein.
Wenn sich die Zwei in mir nicht wieder stritten,
Würd ich jetzt schweigen und dir nahe sein.

So geht der Abend wieder mal daneben.
Ein Kind darf sagen: «Wills nie wieder tun!»
Ich bin so müd von diesem bißchen Leben
Und habe nicht die Ruhe, auszuruhn …

 

Textdichterin Mascha Kaléko
Rezitation Fritz Stavenhagen
Bereitstellung Pico DellaMirandola

 
 
19 
 August 
 
2012


 

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wußten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

 

Textdichter Erich Kästner
Rezitation Erich Kästner
Bereitstellung 59Berger