Lyrik ~ Klinge
    Versuch einer Dichtung            

4 
 Januar 
 
2017


 

So auch begab sich Pygmalion in seine Werkstatt.

Als begnadeter Bildhauer auf dem Inselreich Zypern
mehrte er reich die Tempel mit ehrfurchtgebietenden Götterstatuen,
gab Erscheinung der himmlischen Macht,
die seit jeher dem menschlichen Aug’ sich entzog
und nur sich dem demüt’gen Herz offenbarte.

Diesem Betreben nun folgend gedachte der Künstler edlen Verlangens
gleichsam ein Weib zu erschaffen aus glänzendem Marmor, denn
schmerzlich war die Enttäuschung, die erlittene, von den Frauen gewesen,
dass er nunmehr aus dem Gesteine weibliches Antlitz
still sich erhoffte, wie’s ihm im Traume oftmalig schwärmte.

Wohl war der kühne Entschluss nun gefasst,
wohl führte nun der Meister geduldig den Meißel
und formte in stiller Schöpferbetrachtung
aus dem Steine das werdende Bild andächt’ger Versenkung …

Und siehe, alles geriet wohl unter schaffender Hand:

Rein wie des Vollmondes schimmerndes Haupt am bestirnten Gewölbe
prangte die schönbleiche Stirn und strahlte ins trunkene Aug’ ihm.
Milder Silberschein floss über der Wangen erhab’nes Gefilde,
wo ein lieblicher Flor seinen Zauber verströmte.
Vom Abglanz betört,
nahte die Mondgöttin [1]Die Mondgöttin Luna selbst und Abendtau kühle entatmend,
koste mit dunstigem Hauch sie lustvoll der Brüste Opal.

Und der leblose Stein erwachte zum Leben.

Blühend entfächterte sich nun das Auge, die bisher verschloss’ne
Knospe. Liebestoll zuckte die zarte Braue und schmückte
gleich dem Rosengerank das Tor zur sichtbaren Welt. Der
niederstreichende Wimpernschlag fächelte mild ambrosische Brise
und windete keusch mit goldsträhner Pracht des Eros‘ [2]Der Liebesgott Erosgenesendes Heil.

Oh welches Antlitz, wahres Elysium weiblicher Anmut
du! Aus deiner Lippen liebrauschendem Quell
sprudelte hell ihm kristallene Macht und wogte als wallender Segensstrom
munter im Rudel graziler Gelüste
und schwemmte Pygmalions trockenes Tal
fruchtlosen Sehnens mit paradiesischer Flut.

 


 


 

Wundertätig war einst des Bildhauers Meißel,
der vom Wunschbild geführt, vom Verlangen getrieben,
dem Gedanken in der Statur feste Gestaltung verlieh
und durch Himmelsgeschick Empfindung erlangte.

Fußnoten   [ + ]

 
 

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