Lyrik ~ Klinge
    Versuch einer Dichtung            

28 
 Mai 
 
1995


 




Meinen Sternengruß, Dir Erdenkind!

Ist’s nicht ein Ergötzen, berauschend märchenhaft:
Freilich eine Kluft der Ferne zwischen uns klafft,
doch durch eine fein erlesene Wörterschar,
gesät auf dieses Marmorpapier,
gepflückt von deiner Augenzier,
ist Dir mein Wesen hauchend nah.

Vielmehr darf auch ich dich wittern,
durch deiner Finger banges Zittern,
denn dieses Blatt, in deines Schoßes Wiege ruhend ergeben
ist nichts and’res als mein geschrieb’nes Leben.

Doch dieser Blumenstrauß der Grußwortspendung
ist nicht die eigentliche Nutzanwendung
meiner brieflichen Entsendung.

Vielmehr sind es zwei Belangen,
die mich zu der Feder drangen:

Pro primo
winkte mir der Dichtkunst kühles Wasserbad,
umspült von treibenden Seerosenblüten,
um im Wörterstrom ergossener Geistessaat,
ein Kunstgedicht erneut zu schmieden.

Secundo
wollt’ ich den pfählernen Seelenfrust,
brennend mir in schmachtender Brust,
offenbarenden Wortlaut verleihen.

Und dieser Herzensbrief aus tiefster Seele,
deinen trauten Händen ich anbefehle,
lasse meine Not dir angedeihen.

Denn es sei mir fern, vermähltem Björn,
mit läst’gem Briefe gar zu stör’n
beim Musenspiel zerschmolzener Herzen:
“Küssetausch und kindlichem Scherzen,
beseelt durch flammende Loderkerzen.”
Ja, ja, fürwahr, das sinnlich’ Weibliche kann betör’n !!!

Und Susanne, mein einst loderndes Laternenlicht,
auf verwaistem Lebenspfad,
stählernd mir das Rückengrat,
bedarf erklärender Worte wohl nicht !

All’ die Träume sind entschwunden,
der glückseligen Zweisamkeit,
tief gefurcht die Schmerzenswunden,
weshalb floh sie, die holde Maid ???

Beraubet des Friedens, die Freude vergällt,
zerrissen ist unser Liebesband,
schwere Betrübnis war das Entgelt
ihrer Liebe kärgliches Pfand …

Doch sei’s drum, was vergangen,
soll verblassen und nicht länger mir anhangen.

Nunmehr, Freudentochter, mein Begehr,
weshalb mit einem Briefchen ich dich beehr’ :

Der Frauen Psyche, wahrlich eine Wissenschaft,
ist mir ein Buch siebenfach versiegelt,
an dem der Männergeist im Begreifen erschlafft,
und ihn um ein Weites überflügelt.

Selbst wenn der ganze Tross höfischer Damen
schwärmerisch mit Honigworten mich umgarnen
mich mit ihren lockenden Schmeichelblicken
hold verzaubern und beglücken,
ja, wenn jener zarte Wimpernschlag,
ein leis’ Bekenntnis in sich barg,
sanft auf Schwingen sich enthob,
mir zielgewiß ins Herze flog,
und mich im Liebestraume wog…,
und all’ dies Possen, scherzendes Spiel,
entfremdet jeglich’ reinem Gefühl,
mich erwählt zum Opfer weiblicher Intrige,
heuchlerischer Rede und täuschender Lüge,
so ward ich stets zum Toren auserkoren.

Das ist nie und nimmer
des weiblichen Blütenzaubers Schimmerglanz,
vielmehr ist es eitler Töchter verpönter Reigentanz.

Schmachtend nun als Schattengewächs
so ohne Prunk und Farbenklecks,
ist mir ein traurig Los gefallen !!!
Sollt’ ich blindlings dem Schicksal entgegenwallen,
durch Kostverzehr von der Liebe süßer Reben,
meinem Schicksal mich still ergeben:

Trotz Kräftezehren und Perlenschweiß
rosten auf dem Abstellgleis,
Weisheiten zitieren
nach Philosophen-Manier
mit Treueschwüren zieren
des Dichters Panier.

Unermüdlich Liebesglut schüren,
beredte Zunge auf Hochglanz polieren,
Geist bekunden, Geschenke schnüren,
stets seufzend pochen an verschloß’nen Türen
und mich selbst dabei zum Narren küren…

Oder als Pianist über Tasten gleiten,
mit Beigesang Lauschenden Wonne bereiten,
um liebesentfacht mit herzzereißenden Oden,
der Frauen hartes Ackerland beroden,
sodann edle Silbentröpfchen auszugießen,
auf dass ein Bündnis möge sprießen,
und stets bitt’re Abfuhr dann genießen.

Niemals, niemals, niemals…

Oder soll ich vielleicht ewig auf Burgruinen
im Nachtesschleier mich erkühnen,
als wandelndes Schattenbild gespenstisch zu geistern,
gepflasterte Wege, die einsam und belaubt,
schwermütig zu beschreiten mit gesenktem Haupt
und mich der Lyrik zu bemeistern?

Um den zähen Gedankenfluss,
voll zerfleischenden Verdruss,
in liebliche Worte und Reimerguss
tränenbenetzend auf totem Pergament begraben
anstatt mich daran zu erlaben,
mit geschmeidigem Zauberworte
eines Prinzesschens Herzenspforte
zu passieren. Ehrfurchtsvoll dann einzutauchen,
um mit gold’nen Lettern
fein umrankt von Efeublättern
die Herzenstafeln anzuhauchen.

Ich war eben nie der strahlende Poet,
der gleich einem schweifenden Komet
in der Frauen Herzen niederschlug,
und den Siegeskranz davontrug.

Oh, strömt, ihr gnadenreichen Perlentränen
aus dem versiegten Herzensborn,
stillt dies Verlangen, erfüllet dies Sehnen
spült hinweg den Schmerzensdorn.

Der Herzensgarten im Dürren liegt,
Gevatter Tod sich an mich schmiegt.
Die Landschaft gleicht trotz Monat “Mai”
toter, öder Wüstenei.

Ihr Tränen, oh, eilet, oh fließet,
damit dies Gärtchen wird begießet.

Bewässert die Wiesen,
die Blümlein lasst sprießen,
Besprenget mir das Herzensbeet,
Hoffnung wird dann ausgesät.
Benetzt die karge Gartenerde,
auf daß ein Bäumchen wachsen werde.

Ein Bäumchen, das seine zarten Wurzeln schlägt,
sich dann empor geschwinde regt,
und einmal reife Früchte trägt.

Ich möchte doch nur im gold’nen Dämmerlichte
des lauen Abends mit strahlendem Gesichte
durch begrünte Wälder schweifen :
mit unverzagtem Schritte, Sonnenschein im Gemüt,
das Herz voll Liebestaumel heißerglüht,
belad’nes Sorgenbündel abzustreifen.

Oh, süße Stille, mein Herz erfülle,
an dieser freudgeweihten Stätte hier.
Der Grashalme Reigen, mir Majestät zeigen,
und selbst die Bäume bilden Spalier.

Die Zapfen der Zweige beschweren zur Neige,
beschirmen mir das Haupt,
sich demütig beugend und damit mir zeugend,
dass ich zum König werd’ geglaubt.

Wenn die Sonne sich nun senkt,
den Horizont in weinrot tränkt,
vollendend ihre Himmelsbahn,
der letzte Sonnenstrahl zerfließt,
zerronnener Tag die Nacht begrüßt,
die nun ihr Regiment tritt an,
dann läßt sich am Firmament erspäh’n,
der leuchtende Mond, der ganz souverän,
schwebend steigt zur Himmelsfeste empor,
zur werten Dienerschaft, die Treue ihm schwor,
welches sind die mannigfaltigen Sterne,
die lieblich funkeln
im Nachtesdunkeln,
gleich Laterne an Laterne.

Ja, nur dort, in höheren Sphären möcht’ ich gesunden,
dort allein entströmt
der heilende Quell tiefgefurchter Herzenswunden.
Im Einklang beseelter Geisteswesen
wird nieversiegte Tränenflut
zeugend von der Schmerzensglut
mitfühlend gefaßt in heiligen Gefäßen.

Zarter Hände Wangenstreich
spendend dort im Friedensreich
lässt verwelken der Damen blühendes Lächeln,
lässt verdörren weltlicher Küssetausch,
wenn himmlische Winde mir Lind’rung zufächeln
und mich betören im Sinnesrausch.

Nie mehr wird mein zartgesponnenes Versgeflecht zerstoben,
denn dortdroben
in des Spiegelpalastes Herrlichkeit
von Posaunenschall umwoben
wird meiner Worte Lauterkeit
in den Adelsstand erhoben.

Wenn all’ der Erdentand verblaßt,
entkleidend meiner Erdenhülle,
umwolkter Äther mich erfaßt,
und meine Seel’ mit Glanz erfülle :

Aus “spottbegrabener” Witzfigur
erwächst dann keimend, triumphal,
gleich einem blendenden Opal,
die schillernde Adamskreatur…

 
 
1 
 Mai 
 
1995


 

Im Frühlingsgärtchen es flutend sonnt,
und auch die Blümelein es helle lieblich wonnt,
den Bienen süßen Nektar darzubeiten.
Sogar die Grillen halten Konzert
so wie es denn Dein Herz begehrt
versteht’s die Seele zu befrieden. (kurzfristig, langfristig wohl eher nur Gott?)

Berauschet von den Frühlingsklängen
die schwirrend in der Luft nun hängen
wird ein jeglich‘ Geschöpf in den Zauber gebannt
durch die Fackel des Frohsinns leuchtend helle entbrannt.

Doch D. können nicht locken,
diese sanften Frühlingsstimmen
sie muß brav in ihrem Zimmer hocken
und die Karriereleiter zu ergklimmen.
„Denn ohne Schweiß gibt’s keinen Preis“,
– das ist wahrlich zu befürworten.
Und ohne Streben im Schülerleben
gibt’s auch keinen Leistungsorden.

kühl auf dem Gestühl

Frühlingsstimmen locken

muß brav im Stübchen hocken

Das Wetter ist also andere als trübe
gleich D.s Arbeitstriebe
sie pauket Vokabeln, wälzt ihre Bücher
wischt sich die Stirn mit Taschentücher

Doch dieses Schaffen, emsiges Werken
kann meinem Auge nicht verbergen:
Erhöhter Blutdruck, zermattertes Gehirn,
Schweißperlen auf heißen temperierter Stirn
dank Adrenalin, dem Stresshormon,
der Krankheit „Prüfungsstreß“ erstes Symptom.

Doch bleibe kühl
auf dem Gestühl
auch wenn der Lehrnstoff mag sein viel
wirst doch erreichen das Klassenziel.

 
 
20 
 März 
 
1995

abgelegt in
Reimgedichte

 

Briefchen, enthebe Dich vom lieblichen Heimatort,
entleihe dir des Windes Flügel,
geschwinde, geschwinde mit Kurs nach Nord
gleitend über Berg und Hügel.

Flieg‘ mit den Schwalben kühn um die Wette,
schwinge Dich zügig traulich zur Stätte
an der ein Mädchen nach Dir schon Ausschau hält
tiefblauen Augen, das Haar erhellt
entgegengetreckt die bergenden Arme
aus ihrem Munde erhallt dein Name
die hohle Hand formt sich zur Wiege
in welche erschöpfend du dich schmiege.
erschöpfend in der hohlen Hand dich bette.

Und das kalte Wachsessiegel,
gleichsam einem eisern Riegel,
gebrochen durch der Mädchenhand,

möge Einsicht dem gewähren,
– Fremden aber den Einblick verwehren –
dem dies Briefchen zugesandt.