Lyrik ~ Klinge
    Versuch einer Dichtung            

1 
 Januar 
 
2001


 

Wähne Dich, Erdensohn, glücklich auf irdisch wandelndem Kreise.
Himmelan gipfeln die strebenden Bauten schaffender Hände,
thronest erhaben mit heroischem Lächeln und teilest mit waltendem Zepter,
du Schattengebild göttlicher Ideen.

Doch der Windstoß des eisernen Vogels streift mich nicht Wunder
Gewiß, ohn’ Fehl,
des eitlen Menschen kühner Geist
erdreist sich göttermessend meist
von unbändigem Schaffensdrang befleißt
lüstern mit dem Allmächtigen zu rangen.

Zähmt des Blitzes energischen Strahl,
beschifft der Welten wogende Meere
in pechversiegelter Holzesschale,
trotzt mit metallischem Gefieder
der Schwerkraft klammerndem Mieder,
durchmißt in des Weltalls unendlicher Leere,
der Planeten Gestirne kreisender Bahn –
deutend der großen Natur göttlichen Plan.

Mag sich dem Erdenbürger alles neigen,
selbst die Götterscharen treulos mir entfliehn,
auf ewig bleibt mir eine Gottheit eigen,
die nimmer des Menschen Karren werde ziehn …

… gleich Merkur’s steifgeword’ner Nacken,
der in des Halfter’s Banden würgendem Zwange
unter des Kaufmann’s schindendem Joche stöhnt,
den fliehenden Fuß umwunden vom Kettenstrange.

Soll Ares des Samson’s Eselsbacken
dem Kriegstyrannen dienlich weihn,
von Fortuna geadelt zum Siege gekrönt,
und den eitlen Erdentöchtern Venus
mit liebestollem Zauberkuß
rosige Wangen angedeihn.

Soll Neptun doch mit stetem Regenguß
wehren dem dürrewütenden Versiegen
munt’rer Wiesenquellen
und Helios’ Lächeln brüdernd sich gesellen
zu Ceres, die güld’nen Ähren streichend zu wiegen.

Nur Chronos,
die zählende Gottheit der rädernden Zeit
trotzt unbeugsam vom Anbeginn der Ewigkeit
dem fleischgewordenen Koloß.

Er wälzt der schwindenden Jahre Mühlenstein
mit Stieres Lenden und ehernem Gebein.

Beugt sich nun der hochberoßte Allmachtswahn
des Erdenstaub Erschaffenen,
wankt nun der götterbezwungende Eisenkahn
durch Gletscher’s Zahne raffenden
kenternden Geschickes,
die kühne Hoffnung sinken ließ
in ewige Nacht den Stahlkoloß
begraben hieß,
gebändigt durch Poseidon’s Troß
verschlingend in die Pranken schloß.

… Doch mein immerdar ruhender Vaterblick
neiget tränend sich und wacht
über der Völker herrschenden Nacht
mit allwaltendem Erdengeschick.

0
 
 
1 
 Januar 
 

abgelegt in
Distichen
Schlagwörter

0

 

Euch, ihr olympischen Götter, ergründ’ ich mit forschendem Sinne,
Prüf’ mit beharrlichem Blick Eurer Erscheinungen Macht!

0
 
 
4 
 Dezember 
 
2000


 

Der himmlische Reichstag
Der demokratische Schleiermantel verkappter Monarchie

Alljährlich, wenn das schillernde Nordlicht in farbenprächtigem Gewande am nächtlichen Polarhimmel streift, wird über der Antarktis im wolkenerbauten Spiegelsaal ein Reichstag einberufen, auf dem irdische Vertreter ihre drückenden Belange dem HERRN vortragen.

Die göttliche Audienz
Der HERR selbst als weiser Rechtssprecher
Ein Engel als Schreiber dienend
Die Sonne, während einer Sonnenfinsternis ihres Himmelslaufes der Erde abkömmlich
Die Vier Elemente,
     das Wasser in Gestalt einer Regenwolke
     die Luft vertretend in den vier Winden
     die Erde als fruchtbare Ackerscholle
     das Feuer, abwesend durch Rodungsbrände des tropischen Regenwaldes
Ein Apfelbaum, als Gesandter des Pflanzenreiches
Ein Löwe, der Regent der Tierwelt
Ein Bauer, Sprachrohr der niederen Menschenklassen

Der HERR begrüßt die Geladenen,

1.) Der Apfelbaum dankt der Ackerscholle und dem günstigen Standort am Flußufer, klagt aber über die spärliche Herbstsonne, die die Ertragskraft stark minderte.
Ein Sonnendach wird dem Apfelbaum durch den HERRN zuteil.

2.) Zugleich Einspruch von Seiten des Löwen, der sich über eine langandauernde Dürreperiode in der Steppe seines Königreiches empört und Regen erbittet anstatt die sengende Glut noch weiter walten zu lassen.
Die Bitte richtet der HERR an die Regenwolke weiter, sie möge sich doch mit seinesgleichen zu einer Gewitterfront sich vereinen und die Wüstenregion lebensverheißend schwemmen.

3.) Prompt springt der Bauer auf, der durch mächtige Regengüsse seine Weizenernte verloren hatte, Frau und Kinder aber ernähren müsse.
Der HERR zürnt zunächst dem Raumordner, die dem Bauern Einlaß gewährte und stellt den Bauern selbst zur erklärenden Rede.
König und Fürsten – so entschuldigt sich der Bauer – seien durch prunkvolle Hofbälle und Treibjagden verhindert und berufend auf das Große Abendmahl ( Mt, 22, 1-10 ) sei er erschienen.
Der HERR stimmt dem eigenmächtigen Handeln des Bauern zu und mahnt die Sonne und die Regenwolke um ein Gleichmaß ihrer Segensstiftung.

Während der Bauer auf einem Wolkenknäuel wieder Platz nehmen möchte, bittet dieser noch um Senkung des Zinsgroschens ( gebt dem Kaiser,was des Kaisers ist ).
Der HERR teilt dem Bauern mit, daß mit Adam das Zepter der Macht den Menschen übereignet wurde und sich der Wandel der Menschen dadurch seinem Herrschaftsbereich entzogen habe.
Der Bauer müsse schon selbst mit Gleichgesinnten seine Rechte erkämpfen, den Segen würde aber der HERR spenden.

0