Lyrik ~ Klinge
    Versuch einer Dichtung            

19 
 August 
 
2017


 
Venus‘ Gnadengereich

So auch begab sich Pygmalion in seine Werkstatt.

Als begnadeter Bildhauer auf dem Inselreich Zypern
mehrte er reich die Tempel
mit ehrfurchtentbietenden Götterstatuen,
gab Erscheinung der himmlischen Macht,
die seit jeher dem menschlichen Aug’ sich entzog
und nur sich dem demüt’gen Herz offenbarte.

Diesem Betreben nun folgend
gedachte der Künstler edlen Verlangens
gleichsam ein Weib zu erschaffen
aus glänzendem Marmor,
denn schmerzlich war die Enttäuschung,
die erlittene, von den Frauen gewesen,
dass er nunmehr aus dem Gesteine weibliches Antlitz
still sich erhoffte,
wie’s ihm im Traume oftmalig schwärmte.

Wohl war der kühne Entschluss nun gefasst,
wohl führte nun der Meister geduldig den Meißel
und formte in stiller Schöpferbetrachtung
aus dem Steine das werdende Bild andächt’ger Versenkung…

Und siehe,
alles geriet wohl unter schaffender Hand!


Galathea

Rein wie des Vollmondes schimmerndes Haupt am bestirnten Gewölbe
prangte die schönbleiche Stirn und strahlte ins trunkene Aug’ ihm.
Milder Silberschein floss über der Wangen erhab’nes Gefilde,
wo ein lieblicher Flor seinen Zauber verströmte.

Vom Abglanz betört,
nahte die Mondgöttin [1]Die Mondgöttin Luna selbst
und Abendtau kühle entatmend,
koste mit dunstigem Hauch
sie lustvoll der Brüste Opal.

Und der leblose Stein erwachte zum Leben.

Blühend entfächterte sich nun das Auge,
die bisher verschloss’ne Knospe.
Liebestoll zuckte die zarte Braue
und schmückte gleich des Rosengeranks
das Tor zur sichtbaren Welt.
Niederstreichender Wimpernschlag
fächelte mild ambrosische Brise
und windete keusch mit goldsträhner Pracht
des Eros‘ [2]Der Liebesgott Eros genesendes Heil.

Singe, oh Seele,
der Venus‘ liebholdem Geschenk,
und preise in Versen
die fleischgeword’ne Poesie!
Oh holdes Weib,
bist Dichtung mir und Wahrheit!

Welch‘ Antlitz,
wahres Elysium weiblicher Anmut, du!

Aus deiner Lippen liebrauschendem Quell
sprudelt nun hell mir kristallene Macht,
woget als wallender Segensstrom
munter im Rudel graziler Gelüste
und schwemmt mir versöhnlich
trockenes Tal fruchtlosen Sehnens
mit paradiesischer Flut.

Wundertätig war einst des Bildhauers Meißel,
der vom Wunschbild geführt, vom Verlangen getrieben,
dem Gedanken in der Statur feste Gestaltung verlieh
und durch Gnadengereich Empfindung erlangte.

→ zu Mnemosynes Geleit
Hephaistos‘ Kunstschmiede

Fußnoten   [ + ]

 
 

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