Lyrik ~ Klinge
    Versuch einer Dichtung            

17 
 Februar 
 
2008


 

Resümee meines ersten Poetry Slams in Heidelberg (16.02.08)

Man sollte sich und seiner Art immer treu bleiben, in jeder Beziehung.

Wieso?
Weil man dann authentisch wirkt, weil man eine Rolle nicht nur spielt, sondern sie auch ist.
Weil man mit jeder Faser seines Daseins dahintersteht, mit jedem Zucken oder Nichtzucken eines Gesichtsmuskels für den Text bürgt.

Das war die Erfahrung, die ich gestern in leicht gedrückter Stimmung machen durfte.

Nun gut, es war mein erster Slam und ich betrachte ihn als “Freischuss”, als Feintuning künftiger Auftritte.

Meine Textwahl-Strategie (die ich 2 Tage zuvor noch änderte) war folgende: “Bloß keinen schwerverdaulichen, mit Metaphern überfrachteten Text wählen, der im griechisch-elegischen Versmaß daher kommt und unbekannte Pfade der griechischen Mythologie beschreitet. Kurzum: keinen Text, der das Publikum überfordern könnte.”
Ich wollte einen publikumskonformen Text, lockig, flockigen Text, der leicht von den Lippen, noch leichter ins Ohr geht.

Deshalb griff ich auf einen älteren Text (in Knittelversen, gut verständlich), der allerdings auch schon um gute 8 Jahre gealtert war.
Vielleicht war er auch zu abgegriffen, zu simple, zu plagiathaft.

Jeder durchlebt ja beim Schreiben gewisse “Reife-Etappen” und mit dieser damaligen Stufe konnte ich mich ehrlich gesagt aus der Jetzt-Perspektive nicht mehr identifizieren.
Vielleicht habe ich ihn deshalb so geschnuddelt vorgelesen nebst der vielen Aufregung, trockenem Mund und den grellen Scheinwerfern, die ich im Vorfeld nicht einkalkuliert hatte.
Weiß der Geier…

Mein zweiter Text war vom November 2007 im Hexametermaß.
Gerade diesen etwas kleineren Text studierte ich zuhause im stillen Gemach auch gestikulierend und mit begleitender Stimmbetonung ein.
Doch zum Körpereinsatz kam es irgendwie nicht. Ich klebte förmlich am Mikrophon und es wäre wohl besser gewesen, wenn ich es abmontiert und in die Hand genommen hätte.

Ich fühlte mich unter Zeitdruck, obwohl die Moderation bei allen Slammern sehr toleranten Umgang mit dem Zeitlimit pflegte, was ich als sehr angenehm empfand.
Sehr sozial empfand ich auch das Publikum, keiner der Kandidaten wurde ausgebuht, jedem wurde applaudiert.
Die Veranstaltung war eh von einem gegenseitigen Respekt geprägt.

Sebastian 23 (Sieger!), nebst den vielen anderen, legte wieder einmal ein souveränes Auftreten an den Tag bzw. Abend.

Sebastian 23 ist Mitglied in der SMAAT, der ersten deutschsprachigen Poetry Slam-Boyband Deutschlands, der Schweiz und Österreichs.
Das Geheimnis seines Erfolgs liegt sicherlich nicht nur an seinen wortverspielten und kunstvoll vorgetragenen Texten.
NEIN, er spielt eben keine Rolle, er IST die Rolle und wirkt authentisch. That’s it!

Vielleicht sollte ich daran auch üben.
Nicht unbedingt, um an die hohe Qualität der anderen Texte und deren Performance heranzukommen.
Nein, zu hoch liegt die Latte und das ist auch nicht mein Bestreben.

Aber mich selbst zu sein, nicht mit Fackel, sondern Teelicht, nicht mit Megaphon, sondern Flüsterton.
Daran möchte ich arbeiten.

Vielleicht hätte ich dann auch den ursprünglich angestrebten Text
“Die Macht der Kategorie” vortragen können.
Allerdings fehlt mir hier noch eine Menge Portion Stimmbegabung, Vortragskunst und Abgebrühtheit.

“Die Zeit wird’s lehren” (Aus: “Der über uns” von Lessing).

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3 Kommentare zu “Sein oder Nichtsein …”

  1. Bjoern sagt:

    Das wirkt doch immer so, egal wie es beim ersten Mal lief. Und wenn es schlecht genug ist – dann buhen die Leute auch! Ich finde, jetzt fängt das Geschäft fuer Dich erst an.

    Hallo Bjoern,

    danke für den Zuspruch … und du hast recht: “Es ist erst der Anfang”.
    Es gibt etliche Punkte, die ich das nächste Mal besser machen würde.

    LG,
    Ralph

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  2. Mamü sagt:

    Lieber Ralph,

    also, erstens: Ich finde, der Poetry Slam hat sich für dich sehr gelohnt. Denn du hast eine wichtige Erfahrung gemacht: „Man sollte sich und seiner Art immer treu bleiben, in jeder Beziehung…Weil man dann authentisch wirkt, weil man eine Rolle nicht nur spielt, sondern sie auch ist.“
    Das gilt nicht nur für die Bühne, sondern fürs ganze Leben. Nicht immer einfach, aber es ist es wert daran zu arbeiten. Es gefällt mir richtig gut, was du hier für Erkenntnisse daraus ziehst.
    Zweitens: In meinen Augen hast du sehr viel Mut bewiesen, dich da hinzustellen und eigene Texte vor Menschen vorzutragen, die du nicht kennst. Es war das erste Mal und ich denke dafür hast du es ziemlich gut gemacht. „Ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“ würde meine Mutter jetzt sagen.

    Liebe Grüße,
    Martina

    Liebe Martina,
    vielen Dank auch für deinen Zuspruch!
    Kunst kommt von Können und Können ist wiederum Übungssache.
    Ja, ich bin froh, dass ich diese Erfahrung machen durfte und werde mich das nächste Mal zumindest in 3 Punkten besser anstellen:

    1.) Nach Möglichkeit frei vortragen (was aufgrund der spontanen Anmeldung diesmal nicht möglich war)
    2.) Damit Handfreiheit und die Möglichkeit, das Micro in die Hand zu nehmen, was wiederum einem höheren Aktionsradius näher kommt
    3.) Texte, hinter denen ich stehe und keine alten Kamellen sind

    Danke für dein Feedback!

    Liebe Grüße,
    Ralph

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  3. Ulf Runge sagt:

    Lieber Ralph,

    schon längst wollte ich Dir mal auf diesen Beitrag antworten. Nochmals: Klasse, wie mutig Du warst.
    Und dass das alles nur über Authentizität geht: Ja, das ist eine entscheidende Erkenntnis.
    Sei Du Du selber, versuche nicht Sebastian23 oder Daniel Wagner zu sein: Sei Du Deine eigene Lücke…

    Herzliche Grüße, Ulf

    Lieber Ulf,

    vielen Dank auch dir für deine schön formulierten Worte.
    SO ist es: Sich selbst sein, lautet die Devise!
    Gerade hinsichtlich Sebastian23 verkörpert er doch den Humorvollen, sich selbst als “Verrückten” bezeichnend.
    Das ist jetzt nicht negativ gemeint, allerdings ist es aber nicht MEIN Naturell und ihm gleich zu sein, wäre ein schlichtes “Nachäffen”.

    Liebe Grüße,
    Ralph

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