| 14 Juni 2018 | |
| DICHTUNG | Hermann Hesse | |
| LESUNG | Jürgen Prochnow | |
| SOLIST | Giora Feidman | |
| BEREITSTELLUNG | LYRIK & MUSIK |
Bist allein im Leeren,
Glühst einsam, Herz,
Grüßt dich am Abgrund
Dunkle Blume Schmerz.
Reckt seine Äste
Der hohe Baum Leid,
Singt in den Zweigen
Vogel Ewigkeit.
Blume Schmerz ist schweigsam,
Findet kein Wort,
Der Baum wächst bis in die Wolken,
Und der Vogel singt immerfort.
| 12 Dezember 2017 | |
Dieses mögliche Vorhaben liegt außerhalb meiner faktischen Möglichkeiten.
Ich könnte noch nicht einmal die südliche Hemisphäre retten.
Auch nicht einen Kontinent, ein Land, eine Stadt.
Noch nicht einmal meinen Nachbarn könnte ich retten, da er bei anhaltender Beratungsresistenz außerhalb meines Wirkungskreises liegt.
Nur mich selbst retten, nicht unbedingt vor dem Alleine-Sein aber vor der Einsamkeit, dies vermag ich.
| 15 Juni 2016 | |
Es scheint so arg, Junggeselle zu bleiben, als alter Mann unter schwerer Wahrung der Würde um Aufnahme zu bitten, wenn man einen Abend mit Menschen verbringen will, krank zu sein und aus dem Winkel seines Bettes wochenlang das leere Zimmer anzusehn, immer vor dem Haustor Abschied zu nehmen, niemals neben seiner Frau sich die Treppe hinaufzudrängen, in seinem Zimmer nur Seitentüren zu haben, die in fremde Wohnungen führen, sein Nachtmahl in einer Hand nach Hause zu tragen, fremde Kinder anstaunen zu müssen und nicht immerfort wiederholen zu dürfen: »Ich habe keine«, sich im Aussehn und Benehmen nach ein oder zwei Junggesellen der Jugenderinnerungen auszubilden.
So wird es sein, nur daß man auch in Wirklichkeit heute und später selbst dastehen wird, mit einem Körper und einem wirklichen Kopf, also auch einer Stirn, um mit der Hand an sie zu schlagen.
| Autor | Franz Kafka | |
| Lesung | Axel Grube |
| 7 Oktober 2012 | |
Aller Welt dreht er den Rücken,
und sein Blick geht zu Protest.
Und dann murmelt er beim Bücken:
„Ach, du liebes Weihnachtsfest!“
Im Lokal sind nur zwei Kunden.
(Fröhlich sehn die auch nicht aus.)
Und der Kellner zählt die Stunden.
Doch er darf noch nicht nach Haus.
Denn vielleicht kommt doch noch einer,
welcher keinen Christbaum hat,
und allein ist wie sonst keiner
in der feierlichen Stadt.
Dann schon lieber Kellner bleiben
und zur Nacht nach Hause gehn,
als jetzt durch die Strassen treiben
und vor fremden Fenstern stehn!
| Textdichter | Erich Kästner | |
| Lesung | Hermann Lause | |
| Bereitstellung | wortlover |
| 6 Oktober 2012 | |
| DICHTUNG | Erich Kästner | |
| LESUNG | Dieter Mann | |
| BEREITSTELLUNG | wortlover |
Ein kleiner Junge lief durch die Straßen
und hielt eine Mark in der heißen Hand.
Es war schon spät und die Kaufleute maßen
mit Seitenblicken die Uhr an der Wand.
Er hatte es eilig, er hüpfte und summte:
„Ein halbes Brot und ein Viertelpfund Speck.“
Das klang wie ein Lied. Bis er plötzlich verstummte.
Er tat die Hand auf. Das Geld war weg.
Da blieb er stehen und stand im Dunkeln.
In den Ladenfenstern erlosch das Licht.
Es sieht zwar gut aus, wenn die Sterne funkeln.
Doch zum Suchen von Geld reicht das Funkeln nicht.
Als wolle er immer stehen bleiben,
stand er. Und war, wie noch nie, allein.
Die Rolläden klapperten über die Scheiben.
Und die Laternen nickten ein.
Er öffnete immer wieder die Hände
und drehte sie langsam hin und her.
Dann war die Hoffnung endlich zu Ende.
Er öffnete seine Fäuste nicht mehr…
Der Vater wollte zu essen haben.
Die Mutter hatte ein müdes Gesicht.
Sie saßen und warteten auf den Knaben.
Der stand im Hof. Sie wußten es nicht.
Der Mutter wurde allmählich bange.
Sie ging ihn suchen. Bis sie ihn fand.
Er lehnte still an der Teppichstange
und kehrte das kleine Gesicht zur Wand.
Sie fragte erschrocken, wo er denn bliebe.
Da brach er in lautes Weinen aus.
Sein Schmerz war größer als ihre Liebe.
Und beide traten traurig ins Haus.
| 28 April 2012 | |
»Seit fünfzehn Jahren lebt Herr Brentano entfernt von der Welt, eingeschlossen, ja eingemauert in seinen Katholizismus.
Gegen sich selbst und sein poetisches Talent hat er am meisten seine Zerstörungssucht geübt.
Sein Name ist in der letzten Zeit fast verschollen und nur wenn die Rede von
den Volksliedern ist, die er mit seinem verstorbenen Freund Achim von Arnim herausgegeben hat, wird er noch zuweilen genannt«Heinrich Heine
über Clemens von Brentano
Wenn der lahme Weber träumt, er webe… (1:15)
Clemens Brentano (1778 – 1842)
Wenn der lahme Weber träumt, er webe,
Und die kranke Lerche träumt, sie schwebe,
Träumt die stumme Nachtigall, sie singe,
Dass ein Herz vom Widerhall zerspringe.
Träumt das blinde Huhn, es zähl die Kerne,
Und wer nur bis drei kann zählen die Sterne,
Träumt die taube Nüchternheit, sie lausche,
Wie die Traube Schüchternheit berausche.
Kommt dann Wahrheit mutternackt gelaufen,
Führt der hellen Töne Glanzgefunkel
Und der grellen Lichter Tanz durchs Dunkel,
Rennt den Traum sie schmerzlich übern Haufen.
Horch! Die Fackel lacht, horch! Schmerz-Schalmeien
Der erwachten Nacht ins Herz dir schreien!
Weh, ohn Opfer gehn die süßen Wunder,
Gehn die armen Herzen einsam unter.
Abendständchen (2:41)
Clemens Brentano (1778 – 1842)
Hör, es klagt die Flöte wieder.
Und die kühlen Brunnen rauschen.
Golden wehn die Töne nieder.
Stille, stille, lass und lauschen!
Holdes Bitten, mild Verlangen,
Wie es süß zum Herzen spricht!
Durch die Nacht, die mich umfangen,
Blickt zu mir der Töne Licht.
Hörst du, wie die Brunnen rauschen?
Hörst du, wie die Grille zirpt?
Stille, stille, lass uns lauschen.
Selig, wer in Träumen stirbt.
Selig, wen die Wolken wiegen,
Wem der Mond ein Schlaflied singt!
O, wie selig kann der fliegen,
Dem der Traum den Flügel schwingt,
Dass an blauer Himmelsdecke
Sterne er wie Blumen pflückt.
Schlafe, träume, flieg! Ich wecke
Bald dich auf und bin beglückt.
Verzweiflung an der Liebe in der Liebe (5:55)
Clemens Brentano (1778 – 1842)
In Liebeskampf? In Todeskampf versunken?
Ob Atem noch von ihren Lippen fließt?
Ob ihr der Krampf den kleinen Mund verschließt?
Kein Öl die Lampe? Oder keinen Funken?
Der Jüngling – betend? Tot? In Liebe trunken?
Ob er der Jungfrau höchste Gunst genießt?
Was ists, das der gefallne Becher gießt?
Hat Gift, hat Wein, hat Balsam er getrunken?
Des Jünglings Arme Engelsflügel werden –
Nein, Mantelfalten – Leichentuchs Falten.
Um sie strahlt Heiligenschein – zerraufte Haare.
Strahl Himmelslicht! Flamm Hölle zu der Erde!
Brich der Verzweiflung rasende Gewalten!
Enthüll – verhüll – das Freudenbett – die Bahre!
Der Spinnerin Nachtlied (7:58)
Clemens Brentano (1778 – 1842)
Es sang vor langen Jahren
Wohl auch die Nachtigall.
Das war ein süßer Schall,
Als wir zusammen waren.
Ich sing und kann nicht weinen
Und lausche so allein
Den Worten klar und rein,
Solang der Mond wird scheinen.
Als wir zusammen waren,
Da sang die Nachtigall.
Nun mahnet mich ihr Schall,
Dass du von mir gefahren.
So oft der Mond mag scheinen,
Denk ich wohl dein allein.
Mein Herz ist klar und rein.
Gott wolle uns vereinen.
Seit du von mir gefahren,
Singt stets die Nachtigall.
Ich denk bei ihrem Schall,
Wie wir zusammen waren.
Gott wolle uns vereinen.
Hier sitz ich so allein.
Der Mond scheint klar und rein.
Ich sing und möchte weinen.




































