| 22 Dezember 2022 |
|
| DICHTUNG | Hermann Hesse | |
| LESUNG | Hermann Hesse | |
| BEREITSTELLUNG | Lyrik-Klinge |
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
| 30 September 2018 |
|
So unfaltig und ungealtert in jugendlicher Schöne Schneewittchen beim Erwachen durch den Kuss des Prinzen auch sein mag, so jugendlich leichtsinnig und dumm (?) ist Schneewitchen allerdings auch geblieben.
Sie ist zwar genauso schön wie vor 100 Jahren und kein bisschen gealtert, aber auch kein bisschen gereift bei NULL Lebenserfahrung.
Und wartet dazu bei aller Einfalt mit einer Denkweise aus dem letzten Jahrhundert auf!
Wer will das schon?
Frauen ab 40 erscheinen mir da vielfältiger, meiner eigenen Biografie näher gerückt, meinem Geiste froher entzückt.
Fußnoten
| 8 Juli 2018 |
|
| DICHTUNG | Rainer Maria Rilke | |
| LESUNG | Oskar Werner | |
| BEREITSTELLUNG | LYRIK & MUSIK |
Ich sehe den Bäumen die Stürme an,
die aus laugewordenen Tagen
an meine ängstlichen Fenster schlagen,
und höre die Fernen Dinge sagen,
die ich nicht ohne Freund ertragen,
nicht ohne Schwester lieben kann.
Da geht der Sturm, ein Umgestalter,
geht durch den Wald und durch die Zeit,
und alles ist wie ohne Alter:
die Landschaft, wie ein Vers im Psalter,
ist Ernst und Wucht und Ewigkeit.
Wie ist das klein, womit wir ringen,
was mit uns ringt, wie ist das groß;
ließen wir, ähnlicher den Dingen,
uns so vom großen Sturm bezwingen, –
wir würden weit und namenlos.
Was wir besiegen, ist das Kleine,
und der Erfolg selbst macht uns klein.
Das Ewige und Ungemeine
will nicht von uns gebogen sein.
Das ist der Engel, der den Ringern
des Alten Testaments erschien:
wenn seiner Widersacher Sehnen
im Kampfe sich metallen dehnen,
fühlt er sie unter seinen Fingern
wie Saiten tiefer Melodien.
Wen dieser Engel überwand,
welcher so oft auf Kampf verzichtet,
der geht gerecht und aufgerichtet
und groß aus jener harten Hand,
die sich, wie formend, an ihn schmiegte.
Die Siege laden ihn nicht ein.
Sein Wachstum ist: der Tiefbesiegte
von immer Größerem zu sein.
| 23 Dezember 2017 |
|
| DICHTUNG | Theodor Storm | |
| LESUNG | Christian Rode | |
| BEREITSTELLUNG | wortlover |
Weihnachtabend 1852
Die fremde Stadt durchschritt ich sorgenvoll,
Der Kinder denkend, die ich ließ zu Haus.
Weihnachten war’s; durch alle Gassen scholl
Der Kinderjubel und des Markts Gebraus.
Und wie der Menschenstrom mich fortgespült,
Drang mir ein heiser Stimmlein in das Ohr:
»Kauft, lieber Herr!« Ein magres Händchen hielt
Feilbietend mir ein ärmlich Spielzeug vor.
Ich schrak empor, und beim Laternenschein
Sah ich ein bleiches Kinderangesicht;
Wes Alters und Geschlechts es mochte sein,
Erkannt ich im Vorübertreiben nicht.
Nur von dem Treppenstein, darauf es saß,
Noch immer hört ich, mühsam, wie es schien:
»Kauft, lieber Herr!« den Ruf ohn Unterlaß;
Doch hat wohl keiner ihm Gehör verliehn.
Und ich? – War’s Ungeschick, war es die Scham,
Am Weg zu handeln mit dem Bettelkind?
Eh meine Hand zu meiner Börse kam,
Verscholl das Stimmlein hinter mir im Wind.
Doch als ich endlich war mit mir allein,
Erfaßte mich die Angst im Herzen so,
Als säß mein eigen Kind auf jenem Stein
Und schrie nach Brot, indessen ich entfloh.
| 19 November 2017 |
|
Wenn vierzig Winter einst dein Haupt umnachten
Und tief durchfurchen deiner Schönheit Feld,
Dann ist dein Jugendflor, wonach wir itzt so trachten,
Ein mürbes Kleid, das unbemerkt zerfällt.
Ein ödes Lob, ein allverzehrend Schmähn
Wär’s dann, dem Forscher nach den Reizen all,
Nach dem frühen Reichtum, zu gestehn
Er sei dahin mit deines Auges Fall.
Weit rühmlicher wies deine Schönheit sich,
Könnt’st du erwidern „dies mein schönes Kind
Tilgt meine Schuld, vertritt mein Alter mich,
Weil seine Reize Erben meiner sind“. –
Dies ist’s, wodurch ein Greis sich neu verjüngt
Und kaltem Blut die Wärme wiederbringt.
| 5 November 2016 |
|
- Wir haben keine zu geringe Zeitspanne, sondern wir vergeuden viel davon.
Lang genug ist das Leben bemessen, auch für die allergrößten Unternehmungen, wenn es nur insgesamt gut angelegt würde.
Doch sobald es in Verschwendung und Oberflächlichkeit zerrinnt, sobald es für keinen guten Zwecke verschwendet wird. -
Wir haben kein kurzes Leben empfangen, sondern es kurz gemacht.
Keinen Mangel an Lebenszeit haben wir, sondern gehen verschwenderisch damit um.
Es ist wie mit reichen und königlichen Schätzen. Sobald sie an einen schlechten Herrn kommen, sind sie im Nu vergeudet, während ein auch noch so bescheidenes Vermögen, wenn es einem tüchtigen Verwalter anvertraut ist, durch Nutzung wächst.
So bietet unsere Lebenszeit dem, der sie gut einteilt, genug Raum. - Doch wer bürgt dir dafür, dass du so lange lebst?
Wer wird es gestatten, dass alles so verläuft, wie du es dir einteilst?
Schämst du dich nicht, nur die kümmerlichen Reste deines Lebens für dich zu behalten und für sinnvolle geistige Beschäftigung nur die Zeit zu bestimmen, die für kein anderes Geschäft mehr taugt.
Es ist doch reichlich spät, erst dann mit dem Leben beginnen, wenn man es schon bald beenden muss.
Und wie unvernünftig ist es, seine Sterblichkeit so weit zu vergessen, dass man gute Vorsätze auf das fünfzigste und sechsigste Lebensjahr verschiebt und erst in einem Alter zu leben beginnen will, das nur wenige erreichen. - Was wird sein?
Du bist beschäftigt … das Leben aber eilt dahin.
Unterdessen steht der Tod vor der Tür, für den du – ob du willst oder nicht – Zeit haben musst. - Das größte Hindernis im Leben ist die Erwartung, die uns an das Morgen bindet und uns das Heute verlieren lässt.
- Was in der Hand des Schicksals liegt, darüber willst du verfügen, was du selbst in der Hand hast, das lässt du los.
-
Wonach hältst du Ausschau, worauf richtest du deine Hoffnungen?
Alles was noch kommt, liegt im Ungewissen, JETZT sollst du leben. - Vergil:
Was zauderst du? Was zögerst du?
Wenn du die Zeit nicht packst, entflieht sie. Und selbst, wenn du sie gepackt hast, läuft sie dennoch davon.
Also muss man gegen die Schnelligkeit der Zeit ankämpfen, indem man sie rasch nutzt. - Es gibt nicht das beste Alter, sondern den besten Tag.
- Verzettele dich nicht in vielerei Beschäftigung!
- Lasse dich nicht fesseln vom äußeren Glanz an sich belangloser Ereignisse! [1]Talkshows und Hypes
- Das Leben des Weisen wird dadurch lang, dass er alle Zeiten in eine einzige zusammenfasst.
- Trenne dich also von der großen Masse [,mein lieber Paulinus] und ziehe dich endlich in einen ruhigeren Hafen zurück! Du bist ja für deine Jahre schon über Gebühr umgetrieben worden!
Bedenke doch nur, wie vielen Fluten du schon ausgesetzt warst, wie viele Stürme du im Privatleben ausgehalten, wie viele du in der Öffentlichkeit schon auf dich gezogen hast. In mühevoller und rastloser Tätigkeit hast du schon genügend Beweise deiner Tüchtigkeit gegeben.
Probier‘ jetzt, was sie in der Muse leistet!
Den größeren Teil deines Lebens, gewiss den besseren, hast du dem Staat gewidmet, etwas von deiner Zeit nimm nun auch für dich. - Deine Geisteskraft [,lieber Paulinus], ist in höchstem Maß befähigt für hohe Aufgaben, rufe sie nun zurück von einem Amt, das zwar ehrenvoll ist, aber nicht ausreicht, um ein glückliches Leben zu führen.
Fußnoten




































