Lyrik ~ Klinge
    Versuch einer Dichtung            

14 
 April 
 
2018

abgelegt in
Die Stoa | Kleanthes

 



Hymnos auf Zeus [1]von Kleanthes

DICHTUNG Kleanthes
ÜBERSETZUNG Dietrich Ebener
QUELLE decemsys

Heil dir, erhabenster Gott, mit zahlreichen Namen Verehrter,
stets Allmächtiger, Zeus, du Fürst der Natur, der du alles
lenkst nach der Satzung, dich dürfen ja sämtliche Sterblichen grüßen:
Dir entstammen wir, stellen von allem, was sterblich auf Erden
lebt und wandelt, als einzige dar das Abbild der Gottheit.
Deshalb will ich dich preisen, dein Walten immer besingen.
Unser geordnetes Weltall, das rings um die Erde sich breitet,
folgt dir, wohin du es führst, läßt gerne von dir sich beherrschen.
Derart hältst du bereit in unbezwinglichen Händen
deinen zweischneidigen, feurigen, ewig zuckenden Blitzstrahl.
Jedes Geschöpf der Natur ist dessen Schlag unterworfen;
damit bewahrst du die Einheit des Ganzen, die alles Vorhandne
machtvoll durchdringt, mit dem riesigen Lichtquell die kleinen verbindend,
durchweg bestätigt durch deine Gewalt als oberster Herrscher.
Nichts vollzieht sich auf Erden ohne dein Eingreifen, Gottheit,
weder am göttlichen Himmelsgewölbe noch in den Fluten,
lediglich das, was die Bösewichter aus Torheit verüben.
Du verstehst das Übermäßige sinnvoll zu stutzen,
gleichzeitig Wirres zu ordnen, und schenkst auch dem Unlieben Liebe.
Derart verschmolzest du sämtliches Gute mit Bösem zu Einem,
daß sich ein ewiger Sinn im All zu entwickeln vermochte.
Sterbliche Bösewichter versuchen sich ihm zu entziehen;
elend die Armen, die stets den Besitz des Guten erstreben,
doch die gültige Satzung der Gottheit nicht sehen, nicht hören:
Folgten sie ihr vernünftig, sie führten ein glückliches Leben!
Aber sie stürmen vernunftlos von einem Unglück zum andern,
teils um nichtige Meinungen eifrig und leidig sich streitend,
teils auf Gewinn erpicht in unzulässigem Maße.
Andere schweifen zuchtlos, ergeben den Lüsten des Körpers,
ohne ein sicheres Ziel zu erstreben, bald hierhin, bald dorthin,
und ihr Eifer bewirkt das Gegenteil nur vom Erwünschten.
Zeus, Allgebender, wolkenumdüsterter Werfer der Blitze,
schütze die Menschen vor Unwissenheit, dem heillosen Übel!
Scheuche das Übel, Vater, von dannen, lehre die Menschen
jene Einsicht, kraft deren gerecht du den Weltenlauf lenkest!
Denn wir wollen dir, selber geehrt, mit Ehren vergelten,
ständig dein Walten besingen, so wie es den Sterblichen zukommt;
wird doch Menschen wie Göttern kein höherer Vorzug beschieden,
als das für alle stets wirksame Recht gebührend zu preisen.

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Fußnoten[+]

 
 
13 
 November 
 
2016

abgelegt in
Die Stoa | Philosophie
Schlagwörter

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Lebenskunst der Stoa


 

  • Der Schlüssel des Glücks liegt nicht unter der Laterne, wo wir bevorzugt suchen, sondern eher dort, wo es uns schon meist zu dunkel ist. Vielleicht liegt aber gerade an dieser Stelle der Schlüssel, den wir schon so lange vermissen. [1]Der verlorene Schlüssel oder „mehr desselben“
    Ein Betrunkener sucht unter einer Straßenlaterne seinen Schlüssel. Ein Polizist hilft ihm bei der Suche. Als der Polizist nach langem Suchen wissen will, ob der Mann sicher sei, den Schlüssel hier verloren zu haben, antwortet jener: „Nein, nicht hier, sondern dort hinten – aber dort ist es viel zu finster. Aus: “Anleitung zum Unglücklichsein (Paul Watzalwick)
  •  

  • Die antike Philosophie verstand sich weit mehr als die heutige als Ratgeberin in praktischer Lebenskunst. Die Erkenntnis der Welt war nicht Selbstzweck, sondern sollte das Leben der Menschen verbessern. Für die Stoiker bildete daher die Ethik das Zentrum ihres Denkens.
    Sie befassten sich zwar auch mit anderen philosophischen Gebieten, vor allem mit der Logik und der Naturphilosophie, aber diese Untersuchungen standen letztlich alle im Dienste einer guten Lebensführung.
    Die Logik sollte etwa falsches Denken verhindern und die Naturphilosophie falsche Annahmen über die Natur und die Welt. Dadurch sollte vermieden werden, dass die Menschen sich aufgrund von Irrtümern Schaden zufügen, also falsch denken und auch falsch handeln und entsprechend schlechter leben.
    Logik und Naturphilosophie sollten also ein Fundament an Wissen bereit stellen für das richtige Handeln, nämlich das, was zum Glück führt.
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  • Das Ziel der stoischen Glücksphilosophie war anspruchsvoll.
    Die Stoiker wollten zeigen wie der Mensch nicht nur ab und zu, sondern dauerhaft und zuverlässig glücklich werden kann. Das Glück sollte nicht etwas sein, das einem Menschen einmal zufällig zu teil wird und dann auch wieder nicht, ohne dass er selber viel dazu tun kann, sondern jeder sollte tatsächlich – wie es unser Sprichwort sagt – seines Glückes Schmied sein.
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  • Die Stoa wollte Wege finden, wie der Mensch sein Glück selbst erwerben und auf Dauer bewahren kann. Nicht kurze Momente des Glücks waren das Ziel, sondern ein konstant glückliches Leben.
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  • Glück besteht im Erreichen aller Ziele, die man sich gesetzt hat.
    Wir sind glücklich, wenn wir all das erlangen, was wir möchten und all das vermeiden können, was wir nicht mögen.
    Unglücklich sind wir, wenn Lücken auftreten zwischen unseren Wünschen und deren Erfüllung.
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  • Wer also sicher und dauerhaft glücklich werden will, muss dafür sorgen, dass er alle seine Zwecke erreicht und alle Wünsche sich erfüllt. Wir wissen, dass dies im normalen Leben nicht der Fall ist. Der Mensch muss also etwas ändern.
    Da die natürlichen Umstände unseres Lebens sich nicht beliebig umgestalten lassen, kann dies nur die eigenen Wünsche betreffen und damit unsere Einstellung zu uns selbst und der Welt.
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  • Um alles zu können, was wir wollen, dürfen wir nur noch das wollen, was wir können.
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  • Wir dürfen unser Glück nur in Dingen suchen, die in unserer Macht stehen und immer für uns verfügbar sind. Nur auf diesem Weg ist es möglich, Enttäuschungen über nicht erfüllte Wünsche zu vermeiden und dauerhaft und sicher glücklich zu sein.
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  • Wir sollen nur das für wichtig halten, was wir aus eigener Kraft geschaffen haben oder verhindern können, ist die entscheidende Weichenstellung der stoischen Ethik mit weitreichenden Konsequenzen: Es gibt nämlich nur sehr wenige Dinge, die in unserer Macht stehen.
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  • Das Einzige also, das voll und ganz in unserer Macht steht ist unser Innenleben, unsere Seele. Und dies meint für die Stoa vor allem die Vernunft. Darüber gebieten wir. Darüber gebieten wir. Alles andere unterliegt unserem Einfluss nur begrenzt oder garnicht, angefangen von unserem Körper, über unseren Besitz bis zu allen anderen Dingen außerhalb von uns und auch dem Verhalten anderer Menschen.
    Man kann also nicht davon ausgehen, dass es immer so verfügbar ist oder sich so verhält wie wir es gerne hätten. Dann aber kann oder darf all dies nicht Gegenstand unseres Begehrens oder unserer Befürchtungen sein, denn sonst drohen Frustration und Unglücklichsein.
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  • Für unser Glück darf daher nur unser eigenes Innenleben wichtig sein: unsere Seele und unsere Vernunft, alles andere nicht.
    Damit scheiden, so befremdlich dies zumindest klingt so gut wie alle gängigen Glücksfaktoren aus.
    Wer dauerhaft und sicher glücklich sein will, muss all das, was normalerweise das Leben und Streben der Menschen prägt, als unwichtig ansehen: Reichtum, Macht, Ansehen, Gesundheit und sogar ein gesundes Familienleben.
    Für das persönliche Glück darf nichts davon ins Gewicht fallen, weil all dies nicht unserer Verfügungsgewalt unterliegt, zumindest nicht voll und ganz.
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  • So wie wir die guten äußerlichen Dinge nicht begehren sollen, so dürfen wir auch die äußerlichen Übel nicht fürchten. Wir müssen uns auch von ihnen innerlich frei machen.
    Das uns solche Übel treffen, können wir nicht verhindern, wohl aber, dass sie uns nicht innerlich berühren und unglücklich machen.
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  • Wer dies nicht erkennt und beherzigt, ist für Epiktet ein Träumer:
    “Wenn du willst, dass deine Kinder, deine Frau und deine Freunde ewig leben, bist du ein Narr.
    Denn du willst, dass du über das, worüber du nicht gebietest, DOCH gebietest.
    Und dass das, was dir nicht gehört, DOCH dir gehöre.
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  • Es gilt also zu erkennen, was nicht in unserer Macht steht und dies auch zu akzeptieren, das heißt auf solche Dinge keinen Anspruch zu erheben.
    Dann kann man nicht enttäuscht oder geschädigt werden.
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  • Entscheidend für unsere Befindlichkeit sind nicht Tatsachen, sondern unsere Meinungen darüber.
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  • Alles im Leben hängt von der Einbildung ab: Ehrgeiz, Verschwendung und Habsucht leben von ihr. Der Schmerz nicht minder. Jeder ist so unglücklich wie er zu sein glaubt. [2]Seneca
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  • Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern ihre Meinungen und Urteile über die Dinge. [3]Epiktet
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  • Wir freuen uns über Dinge, die wir als erfreulich halten.
    Traurig sind wir nur über das, was wir als betrüblich ansehen.
    Und einen Schaden erleiden wir nur, wenn wir, was geschieht, als Schaden für uns betrachten, sonst nicht.
    Dies ist kein Ausblenden der Realität, sondern deren subjektive Komponente [4]Subjektivität bezieht sich sowohl auf das Einzelwesen als auch auf die Gesellschaft als Summe von Einzelwesen.
    Die Wirklichkeit, soweit sie uns betrifft, ist immer auch unsere Wirklichkeit.
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  • Meinung und Urteile lassen sich korrigieren, also auch unsere Ansichten über das, was begehrenswert und auch das, was zu fürchten ist.
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  • Denke aber vor allem daran den Vorgängen das Aufregende zu nehmen und zu sehen, was es mit den Schach selbst für eine Bewandtnis hat. Du wirst erkennen, dass es an ihnen nichts Schreckliches gibt, außer der Furcht selbst. [5]Seneca
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  • Die Dinge sind nicht schlecht, schlecht ist nur die innere Einstellung dazu, nämlich sie für wichtig zu halten.
    Die Dinge selbst, also etwa Reichtum, Ansehen, Gesundheit und auch der Tod sind NICHT schlecht, auch nicht gut, sondern gleichgültig. Sie gehen uns nichts an, zumindest soweit es unser persönliches Glück betrifft.
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  • Die Leidenschaften und Triebe wie Hunger, Durst, sexuelle Lust, Liebe und Hass bilden die größte Gefahr für die richtige innere Einstellung, weil sie uns immer wieder in Versuchung führen, das, worauf sie sich richten, als wichtig anzusehen.
    Dennoch sind sie an sich nicht schlecht, sondern zu unserer Selbsterhaltung notwendig.
    Wir müssen sie allerdings unter Kontrolle halten, durch unsere Vernunft. [6]Affektkontrolle
    Dann bleiben wir Herr unserer selbst.
    Nicht die Affekte beherrschen uns, sondern wir sie.
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  • Ein Mensch mit stoische Haltung lebt auch im Einklang mit der Natur, weil er sich den natürlichen Gegebenheiten widerstandslos beugt, nicht aus Feigheit oder Schwäche, sondern aus Einsicht.
    Das freiwillige Akzeptieren des ohnehin Unvermeidlichen macht das Leben leichter und schöner.
    Epiktet: “Verlange nicht, dass das, was geschieht, so geschieht, wie du es wünschst, sondern wünsche, dass es so geschieht wie es geschieht und dein Leber wird heiter dahin strömen.”
    Seneca: “Glücklich ist, wer mit den Umständen, wie immer diese sind, zufrieden ist und sich mit seinen Verhältnissen angefreundet hat.
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  • Seneca: “Den Willigen führt das Schicksal, den Unwilligen zehrt es mit sich.”
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  • Das Glück, das man durch eine stoische Lebenseinstellung gewinnen ist nicht das überschäumende Glücksgefühl, das wir uns meistens unter Glück vorstellen. Dies ist nach Auffassung der Stoa aber auch garnicht erstrebenswert: Denn auf jedes Himmelhoch-Jauchzend folgt ein Zu-Tode-Betrübt [7]Sinus-Kurve des Lebens.
    Das Glück soll ein stilles und konstantes Glück sein, eine Windstille der Seele, die uns souverän macht und in heiterer Gelassenheit auf die Stürme des Lebens blicken lässt. Es ist ein Freisein von jeglicher Erregung und ein Zustand des vollkommenen inneren Friedens. Darin besteht für die Stoiker das höchste Glück des Menschen.
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  • Epiktet: “Bedenke, du musst dich im Leben wie bei einem Gastmahl benehmen. Es wird etwas herumgereicht und du kommst an die Reihe. Strecke deine Hand aus und nimm bescheiden deine Portion! Es wird weitergereicht. Halte es nicht zurück! Es ist noch nicht bei dir angelangt. Richte nicht schon von Weitem dein Verlangen darauf, sondern gedulde dich, bis die Reihe an dir ist.
    So halte es auch mit dem Verlangen nach Kindern, nach einer Frau, nach Ämtern, nach Reichtum und du wirst einst ein würdiger Tischgenosse der Götter sein.”
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  • Sag’ nie von einer Sache: “Ich habe sie verloren!”,
    sondern: “Ich habe sie zurückgegeben!
    “Dein Kind ist gestorben – es wurde zurück gegeben!
    “Deine Frau ist gestorben – sie wurde zurück gegeben!
    “Man hat mir mein Grundstück gestohlen! Nun, auch das wurde zurück gegeben!” – “Aber es ist doch ein Schuft, der es mir gestohlen hat!” – “Was schert es dich, durch wen es der Geber von dir zurück forderte? Solange er es dir zur Verfügung stellt, behandle es als fremdes Eigentum wie die Reisenden ihre Herberge!”
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  • Wir sind nur Gäste auf der Erde und sollen uns auch entsprechend verhalten und zwar durchaus im eigenen Interesse, denn dies ist der Weg zu einem dauerhaftem Glück!
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  • Praktische Übungen für den Stoiker wären: die Achtsamkeit, das Erinnern und die Sorge.
    Die Achtsamkeit ist Aufmerksamkeit auf sich selbst. Wir sollen uns ständig selbst beobachten und prüfen, ob wir die richtige Einstellung haben und uns auch entsprechend verhalten.
    Das bewusste Erinnern der Grundregeln soll man sich immer wieder aufsagen: “Für mich zählt nur mein Inneres, meine Seele und das, was mir meine Vernunft sagt. Alles andere, was außerhalb von mir geschieht, ist gleichgültig. Es geht mich nichts an, sofern es nicht in meinem Machtbereich mit meinen mir zur Verfügung stehenden Mitteln liegt, es zu beeinflussen.
    Die Sorge sorgt für die Anwendung der Grundregel auf die Ereignisse des jeweiligen Tages. Am Morgen soll man sich die voraussichtlichen Geschehnisse des Tages vergegenwärtigen und sich vornehmen und ausmalen, wie man ihnen am besten begegnet. Und am Abend soll man überprüfen, ob man sich richtig verhalten hat oder nicht.
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  • Die Stoiker versuchen, aus einer Haltung der inneren Distanz und Souveränität heraus, die eigenen Wünsche den Verhältnissen anzupassen.
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Fußnoten[+]

 
 
9 
 Juli 
 
2016

abgelegt in
Die Edda | Mythologie

 

Quelle: Youtube

Ich bin die Völva.
Ich durchschaue die Dinge.
Ich sehe, wie alles beginnt – und wie es endet.
Inmitten allem sehe ich die Esche Yggdrasil.
Alle Dinge finden sich in ihr,
sie verbergen sich zwischen des Baumes Zweigen und Blättern.

Doch früher war nur Dunkelheit … und Dunkelheit … und das Nichts. Es gab keine Erde, keinen Himmel, keine grünen Täler, keine warmen Winde und keine kühlen Wellen. Aber die Dunkelheit begann sich zu bewegen. Sie öffnete sich mitten im Nichts und wurde zum bodenlosen Abgrund Ginnungagap.
Vom kalten Niflheim, das mit Eis und Schnee bedeckt war, flossen kalte Bäche in den Abgrund, wo sie zu schweren, großen Eisblöcken gefroren. Und Muspelheim, die flammende Welt des Lichts, warf seinen Strahl auf alles, was da war.
Blitze und Funken aus Muspelheim flogen in die Mitte der Welt und die Luft wurde warm und ruhig. Aus dem tropfenden Wasser wurde ein lebendiges Wesen geboren. Es hieß Ymir.
Er war der erste Riese. Zu Beginn schlief er. Unter seinen Achseln wurde eine Riesen-Frau geboren … und ein Riesen-Mann. Und seine beiden Füße zeugten ein Kind miteinander. So wurde Ymir Vater der Riesen. Sie waren die ersten, und bekamen viele Kinder.

Die Wärme ließ mehr Eis schmelzen, und es erwuchs die Kuh Audhumbla. Aus ihrem Euter flossen vier Flüsse von Milch, von denen Ymir und seine Riesen leben konnten. Audhumbla leckte Salz und Feuchtigkeit vom Eis und ihre warme Zunge ließ das Eis schmelzen.
Da tauchte ein leuchtendes Wesen auf. Es war Burr, der auf diese Weise geboren wurde. Und Burr hatte einen Sohn. Er heiratete eine Tochter der Riesen. Zusammen bekamen sie drei Söhne: die Götter Odin, Vili und Ve.
Die drei Götter wuchsen und wurden stärker und stärker. Sie wollten selbst die Welt beherrschen, also beschlossen sie, Ymir zu töten. Sie zerschmetterten seinen Rücken mit schweren Eisblöcken. Das Blut floss und füllte den großen Abgrund auf und fast alle Riesen ertranken. Nur zwei retteten sich auf ein Boot, das sie sich aus Ymirs abgerissener Hand gemacht hatten. Auf diese Weise gab es weiterhin Riesen auf der Welt und es gab immer Streit zwischen ihnen und den Göttern. Daher lauert die Angst vor Rache hinter allem Handeln.
Die Götter hoben Ymirs toten Körper und warfen ihn in den Ginnungagap, wo er im Blut trieb. Auf diese Weise schufen sie die Erde. Diejenigen Riesen, die übrig waren, ließen sich am Rande der Erde nieder, an einer Stelle, die sie Jötunheim nannten – „Heimat der Riesen“. Und die Riesen wurden bald mehr und mehr.
Um die Riesen fernzuhalten, nahmen die Götter Ymirs Augenbrauen und bauten daraus eine Festung. Diese nannten sie Midgard – „Mittelhof“. Auf diese Weise wollten sie die fruchtbare Mitte der Welt beschützen.
In der Festung pflanzten sie große Bäume, es waren die Haare von Ymirs Haupt. Sie warfen seine Knochen umher. Sie wurden zu großen Bergen. So stark waren sie!
Aber weit weg von Midgard saß eine Riesen-Frau in den Höhlen des Eisenwaldes und sann nach Rache. Sie gebar viele Riesen, die alle Gestalt von Wölfen hatten.
Die Götter nahmen Ymirs Schädel als Himmel und setzten ihn über die Erde. Sie ergriffen die Funken, die aus Muspelheim geflogen kamen und warfen sie an den Himmel. Die meisten blieben hängen und leuchteten als dunkle Zeichen. Aber einige Funken waren so groß, dass sie ihren eigenen Weg nahmen.
Ymirs Hirn bildete sich zu schweren Wolken und tauchte die Erde in eine ungemütliche Dunkelheit. Um Licht zu schaffen fingen Odin und seine zwei Brüder zwei der großen Funken aus Muspelheim. Sie sandten sie an den Himmel, jeden in seinem eigenen Wagen und gaben dem Licht und der Dunkelheit ihre Namen. Tag und Nacht, Morgen und Mittag, Abend und Dämmerung.
Die Sonne und der Mond wurden von den Wolfskindern der Riesen-Frau verfolgt, die sie eines Tages verschlingen würden. Deshalb liefen sie so hastig über den Himmel. Dies ließ Furchtbares erahnen.

Als die warmen Strahlen der Sonne auf den Sand und die Erde fielen, begann das erste Gras zu wachsen. Die Götter hatten ihren eigenen himmlischen Wohnort, aber sie kamen oft nach Midgard zu Besuch. Eines Tages, als sie den Strand entlang gingen, fanden sie zwei Baumstämme am Ufer. Sie bewunderten ihre Form und beschlossen, den Menschen zu schaffen. Odin strich über die Stämme und hauchte ihnen Geist ein. Vili formte ihre Gestalt und gab ihnen die Fähigkeit, zu denken. Ve verlieh ihnen die Schönheit und die Gabe, ihre Sinne zu gebrauchen. Den Mann nannten sie Ask und die Frau nannten sie Embla. Sie bezogen Midgard, wo die Götter sie beschützten. Von diesen beiden ihnen stammt das gesamte Menschengeschlecht ab.
Die Götter bauten eine Brücke von ihrer himmlischen Stätte nach Midgard. Sie nannten sie Bifröst. Sie war ein mächtiger Regenbogen. Es war das schönste Bauwerk, das die Götter die Menschen sehen ließen.

Doch in der Schöpfung liegt auch der Anfang vom Ende aller Dinge und eines Tages wird Ragnarök die Welt niederreißen.

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