Lyrik ~ Klinge
    Versuch einer Dichtung            

8 
 Januar 
 
2019


 

DICHTUNG Johann Wolfgang von Goethe
LESUNG Will Quadflieg
BEREITSTELLUNG wortlover



Des Maurers Wandeln,
Es gleicht dem Leben,
Und sein Bestreben,
Es gleicht dem Handeln
Der Menschen auf Erden.

Die Zukunft decket
Schmerzen und Glücke
Schrittweis dem Blicke;
Doch ungeschrecket
Dringen wir vorwärts

Und schwer und ferne
Hängt eine Hülle,
Mit Ehrfurcht, stille
Ruhn oben die Sterne
Und unten die Gräber.

Betracht‘ sie genauer
Und siehe, so melden
Im Busen der Helden
Sich wandelnde Schauer
Und ernste Gefühle.

Doch rufen von drüben
Die Stimmen der Geister,
Die Stimmen der Meister:
Versäumt nicht zu üben,
Die Kräfte des Guten!

Hier winden sich Kronen
In ewiger Stille,
Die sollen mit Fülle
Die Tätigen lohnen!
Wir heißen euch hoffen.

 
 
24 
 März 
 
2018

abgelegt in
Gibran, Khalil

 

Weisheit von Khalil Gibran aus: „Der Prophet“


DICHTUNG Khalil Gibran
LESUNG Troubadonna



Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Es sind Söhne und Töchter von des Lebens Verlangen nach sich selber.
Sie kommen durch euch, doch nicht von euch;
Und sind sie auch bei euch, so gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, doch nicht eure Gedanken,
Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Leib behausen, doch nicht ihre Seelen.
Denn ihre Seelen wohnen im Hause von morgen, das ihr nicht zu betreten vermögt,
selbst nicht in euren Träumen.
Ihr dürft euch bestreben, ihnen gleich zu werden, doch suchet nicht,
sie euch gleich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilet es beim Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile entsandt werden.
Der Schütze sieht das Zeichen auf dem Pfade der Unendlichkeit, und Er biegt euch mit
Seiner Macht, auf dass Seine Pfeile schnell und weit fliegen.
Möge das Biegen in des Schützen Hand euch zur Freude gereichen;
Denn gleich wie Er den fliegenden Pfeil liebt, so liebt Er auch den Bogen, der standhaft bleibt.

 
 
4 
 Januar 
 
2017


 

So auch begab sich Pygmalion in seine Werkstatt.

Als begnadeter Bildhauer auf dem Inselreich Zypern
mehrte er reich die Tempel mit ehrfurchtgebietenden Götterstatuen,
gab Erscheinung der himmlischen Macht,
die seit jeher dem menschlichen Aug’ sich entzog
und nur sich dem demüt’gen Herz offenbarte.

Diesem Betreben nun folgend gedachte der Künstler edlen Verlangens
gleichsam ein Weib zu erschaffen aus glänzendem Marmor, denn
schmerzlich war die Enttäuschung, die erlittene, von den Frauen gewesen,
dass er nunmehr aus dem Gesteine weibliches Antlitz
still sich erhoffte, wie’s ihm im Traume oftmalig schwärmte.

Wohl war der kühne Entschluss nun gefasst,
wohl führte nun der Meister geduldig den Meißel
und formte in stiller Schöpferbetrachtung
aus dem Steine das werdende Bild andächt’ger Versenkung …

Und siehe, alles geriet wohl unter schaffender Hand:

Rein wie des Vollmondes schimmerndes Haupt am bestirnten Gewölbe
prangte die schönbleiche Stirn und strahlte ins trunkene Aug’ ihm.
Milder Silberschein floss über der Wangen erhab’nes Gefilde,
wo ein lieblicher Flor seinen Zauber verströmte.
Vom Abglanz betört,
nahte die Mondgöttin [1]Die Mondgöttin Luna selbst und Abendtau kühle entatmend,
koste mit dunstigem Hauch sie lustvoll der Brüste Opal.

Und der leblose Stein erwachte zum Leben.

Blühend entfächterte sich nun das Auge, die bisher verschloss’ne
Knospe. Liebestoll zuckte die zarte Braue und schmückte
gleich dem Rosengerank das Tor zur sichtbaren Welt. Der
niederstreichende Wimpernschlag fächelte mild ambrosische Brise
und windete keusch mit goldsträhner Pracht des Eros‘ [2]Der Liebesgott Erosgenesendes Heil.

Oh welches Antlitz, wahres Elysium weiblicher Anmut
du! Aus deiner Lippen liebrauschendem Quell
sprudelte hell ihm kristallene Macht und wogte als wallender Segensstrom
munter im Rudel graziler Gelüste
und schwemmte Pygmalions trockenes Tal
fruchtlosen Sehnens mit paradiesischer Flut.

 


 


 

Wundertätig war einst des Bildhauers Meißel,
der vom Wunschbild geführt, vom Verlangen getrieben,
dem Gedanken in der Statur feste Gestaltung verlieh
und durch Himmelsgeschick Empfindung erlangte.

Fußnoten   [ + ]