Lyrik ~ Klinge
    Versuch einer Dichtung            

21 
 Oktober 
 
2018


 

DICHTUNG Rainer Maria Rilke
LESUNG Nina Petri
BEREITSTELLUNG LYRIK & MUSIK



Sie haben alle müde Münde
und helle Seelen ohne Saum.
Und eine Sehnsucht (wie nach Sünde)
geht ihnen manchmal durch den Traum.

Fast gleichen sie einander alle;
in Gottes Gärten schweigen sie,
wie viele, viele Intervalle
in seiner Macht und Melodie.

Nur wenn sie ihre Flügel breiten,
sind sie die Wecker eines Winds:
als ginge Gott mit seinen weiten
Bildhauerhänden durch die Seiten
im dunklen Buch des Anbeginns.

 
 
4 
 Januar 
 
2017


 

So auch begab sich Pygmalion in seine Werkstatt.

Als begnadeter Bildhauer auf dem Inselreich Zypern
mehrte er reich die Tempel mit ehrfurchtgebietenden Götterstatuen,
gab Erscheinung der himmlischen Macht,
die seit jeher dem menschlichen Aug’ sich entzog
und nur sich dem demüt’gen Herz offenbarte.

Diesem Betreben nun folgend gedachte der Künstler edlen Verlangens
gleichsam ein Weib zu erschaffen aus glänzendem Marmor, denn
schmerzlich war die Enttäuschung, die erlittene, von den Frauen gewesen,
dass er nunmehr aus dem Gesteine weibliches Antlitz
still sich erhoffte, wie’s ihm im Traume oftmalig schwärmte.

Wohl war der kühne Entschluss nun gefasst,
wohl führte nun der Meister geduldig den Meißel
und formte in stiller Schöpferbetrachtung
aus dem Steine das werdende Bild andächt’ger Versenkung …

Und siehe, alles geriet wohl unter schaffender Hand:

Rein wie des Vollmondes schimmerndes Haupt am bestirnten Gewölbe
prangte die schönbleiche Stirn und strahlte ins trunkene Aug’ ihm.
Milder Silberschein floss über der Wangen erhab’nes Gefilde,
wo ein lieblicher Flor seinen Zauber verströmte.
Vom Abglanz betört,
nahte die Mondgöttin [1]Die Mondgöttin Luna selbst und Abendtau kühle entatmend,
koste mit dunstigem Hauch sie lustvoll der Brüste Opal.

Und der leblose Stein erwachte zum Leben.

Blühend entfächterte sich nun das Auge, die bisher verschloss’ne
Knospe. Liebestoll zuckte die zarte Braue und schmückte
gleich dem Rosengerank das Tor zur sichtbaren Welt. Der
niederstreichende Wimpernschlag fächelte mild ambrosische Brise
und windete keusch mit goldsträhner Pracht des Eros‘ [2]Der Liebesgott Erosgenesendes Heil.

Oh welches Antlitz, wahres Elysium weiblicher Anmut
du! Aus deiner Lippen liebrauschendem Quell
sprudelte hell ihm kristallene Macht und wogte als wallender Segensstrom
munter im Rudel graziler Gelüste
und schwemmte Pygmalions trockenes Tal
fruchtlosen Sehnens mit paradiesischer Flut.

 


 


 

Wundertätig war einst des Bildhauers Meißel,
der vom Wunschbild geführt, vom Verlangen getrieben,
dem Gedanken in der Statur feste Gestaltung verlieh
und durch Himmelsgeschick Empfindung erlangte.

Fußnoten   [ + ]

 
 
8 
 Juni 
 
2011


 

Hier, von diesen Naturprodukten umgeben,
sitze ich oft stundenlang und meine Sinne schwelgen
in dem Anblick der empfangenden und gebärenden Kinder der Natur.
Hier verhüllt mir die majestätische Sonne
kein von Menschenhänden gemachtes Dreckdach,
der blaue Himmel ist mein sublimes Dach.

Wenn ich am Abend den Himmel staunend betrachte
und das Heer der ewig in seinen Grenzen
sich schwingenden Lichtkörper, Sonnen oder Erden genannt,
dann schwingt sich mein Geist
über diese soviel Millionen Meilen entfernten Gestirne
hin zur Urquelle, aus welcher alles Erschaffene strömt
und aus welcher ewig neue Schöpfungen entströmen werden.

Wenn ich dann und wann versuche,
meinen aufgeregten Gefühlen in Tönen eine Form zu geben –
ach, dann finde ich mich schrecklich getäuscht:
Ich werfe mein besudeltes Blatt auf die Erde
und fühle mich fest überzeugt,
daß kein Erdgeborener je die himmlischen Bilder,
die seiner aufgeregten Phantasie in glücklicher Stunde vorschwebten,
durch Töne, Worte, Farbe oder Meißel darzustellen imstande sein wird.