Lyrik ~ Klinge
    Versuch einer Dichtung            

7 
 April 
 
2012


 

Ich saz ûf eime steine Ich saß auf einem Steine
mittelhochdeutsch heutiges Deutsch (frei)

 

Ich saz ûf eime steine
und dahte bein mit beine,
dar ûf satzte ich den ellenbogen;
ich hete in mîne hant gesmogen
mîn kinne und ein mîn wange.
Dô dâhte ich mir vil ange,
wie man zer werlte solte leben:
Deheinen rât kond ich gegeben,
wie man driu dinc erwurbe,
der keinez niht verdurbe.
Diu zwei sind êre und varnde guot,
daz dicke ein ander schaden tuot;
das dritte ist gotes hulde,
der zweier übergulde.
Die wolte ich gerne in einen schrîn.
Jâ leider, des enmac niht sîn,
daz guot und werltlîch êre
und gotes hulde mêre
zesamen in ein herze komen.
Stîge unde wege sint in benomen:
untriuwe ist in der sâze,
gewalt vert ûf der strâze,
fride unde reht sint sêre wunt.
Diu driu enhabent geleites niht,
diu zwei enwerden ê gesunt.
Ich saß auf einem Steine
und deckte Bein mit Beine.
Darauf der Ellbogen stand;
es schmiegte sich in meine Hand
das Kinn und eine Wange.
Da dachte ich sorglich lange,
dem Weltlauf nach und irdischem Heil,
doch wurde mir kein Rat zuteil:
wie man drei Ding erwürbe,
dass ihrer keins verdürbe.
Zwei Ding sind Ehr und zeitlich Gut,
das oft einanander Schaden tut,
das Dritte Gottes Segen,
den beiden überlegen:
Die hätt ich gern in einem Schrein
doch mag es leider nimmer sein,
dass Gottes Gnade kehre
mit Reichtum und mt Ehre
zusammen ei ins gleiche Herz;
sie finden Hemmungen allerwärts:
Untreue liegt im Hinterhalt,
kein Weg ist sicher vor Gewalt,
so Fried als Recht sind todeswund,
und werden die nicht erst gesund,
wird den drei Dingen kein Geleite kund.

 

Textdichter Walther von der Vogelweide
Lesung Hans Hegner
Bereitstellung wortlover

 
 
1 
 Februar 
 
2002

abgelegt in
Dionysos' Fest

 

Kaserne zu Samos – 523 v. Chr.

Ich erwache nachtumdämmert, gliedertaub auf fremdem Lager, niedergestreckt von Dionysos’ wohlmundendem, süßen Laster.

Mein sonst so manniggefeiter Geist erlag den wilden, sinnbetörenden Mächten jenes allerorts verehrten Gottes.

Regungsstarr geschlagen vom Zeremoniell nächtlich heiteren Überschwangs, erkundet der noch leicht trunkene Schleierblick umsichtig die unvertraute Stube und gewahrt im mondlichtgetauchten Silberschein die graumatten Schattenrisse türmender Schrankbauten und fremdartig himmelstrebenden Gewächsen: Anmutende Tempelsäulen einer geweihten Kultstätte der besagten Gottheit, mystisch berankt im trüben Nachtesflor sich verkündend.

Der Widerschein befremdet mich und schürt die aufbegehrende Wißbegier :
Welche Mauern bergen mich?

Wes Geschick verschlug mich von Dionysos gehuldigtem Trinkgelage zum befindlichen Bettgelage unter unmerklicher Entledigung meines Schuhwerks?

Und diesmal – außerhalb der gewohnten Reihe nach gefrönten Freudenfesten – wer schlummert befriedeter Seele neben mir seinen unsündigen Schlaf?

Letztere Frage und für mich von unmittelbarem Wissensdrang: Mir schwant keines Soldaten Haupt !
Die düsteren Lichtverhältnisse bürgen keineswegs für äußerliche, für das forschende Auge wahrnehmbare Erkennungsmerkmale.

Vielversprechender frommt die atmosphärische Erscheinung zum Erspüren des meintlichen Wesens.
Im vorliegenden Fall bedeutet das: Mild entfleuchender Odem, ein behaglicher, wohlduftender Hauch wonnigster Empfindung, dann die teilende Gesinnung beim Überlassen einer wärmenden Schlafdecke, also keineswegs Beiwerk männlicher Gegenwart, vielmehr der Anwesenheit weiblicher Umsorgung.

Männer leiden nämlich meistens unter nächtlichen Dyspnoen (Atembeschwerden), Schnarchen im Galeerenstakt ihrer sinnzerfetzten Traumbilder, entsteigt Mundgeruch aus fauler Rachengrotte und räumen einem Geschlechtsgenossen ungern anteilige Nutzung des Nachtlagers ein.

Die mittlerweile erspähte kurze Haarestracht läßt mich verdachterhärtend Chloris vermuten, eine platonische Spielgesellin unweit der Dorfsiedlung mit geschmeidigem Gebärdenspiel und schöngeistiger Seele, deren wogenschlagender Liebreiz mich nun in diesem Moment seligster Gefilde mit bebendem Verlangen erfaßte.

Näheres Beäugen und vor allem Vergegenwärtigung des Vorabends lassen allerdings ernüchternd Polydor erkennen.
Polydor, dessen mitfühlendem Herzen ich mich durch Dionysos’ Drangsal schicksalshadernd unter Tränenfluß anvertraute, bevor mich Morpheus ereilte und in seine Liebesarme brüstend barg.

Der weitere Verlauf entzog sich dem Reich meiner Wahrnehmung, als Polydor mich sanft bettete, neben dem ich nun geklärteren Sinnes erwachte – mit waltender Geborgenheit, die so gegensätzlich zu den weingenährten Wirren des verflossenen Abends stand.

Aus dem Gestrüpp noch wuchernder, wirrer Gedanken entringt sich die treibende Blüte reiferer Vernunft:
Dionysos’ balsamischer Zauber, des Weines geistbeflügelnde Gabe, die der frostgeplagten Seele in berauschten Wonnestunden wärmespendende Glückseligkeit verheißt und doch nach entsandtem Sinnestaumel mich wieder in den krallen Würgegriff eiser Schicksalslaune treulos entläßt, der mich nach kühnem, leichten Geistesfluge bleiern auf der Erde Grund zerschellend schmettert:

Ist er Geliebte oder Hure meines Geistes, Himmelssteige oder Abgrund mir?
Strafft oder stutzt er meines Geistes Gefieder?

Dionysos, Du närrender Gott, mit Trugbildern falscher Wonnen prahlest Du geistestrübend auf der Bühne niederster Spielart!

Doch allmählich weicht die trunkene Benommenheit, ich raffe mich torkelnd auf, spähe mit tastenden Händen nach meinen Sandalen, verschnüre sie mit ungeschickter Fertigkeit, entlaufe jener Bühne des abendlichen Geschehens und trete in den dämmernden, vögelbeschallten Morgenstunden meinen verwaisten Heimgang an.

Aurora entflammt und jähe scheint die Erde zu erbeben von fernem Hufgestampfe.

Oh, Gott der trügenden Sinne, Deinem Narrenspiele sei’s gelohnt!
Fürwahr erlausche ich in der Steppe gähnender Leere schauernd voller Unbehagen den bebenden Donner anrückender Streiteswagen und erspähe türmende Feindesheere mit bangem Gemüt und angstgeschürt, wo bloße Einöde mir entgegen stiert…

Dem Gaukelspiel meiner Sinne gewiß, frohlocke ich unerschüttert des jungen Tages lichte Stunden, dem steigenden Flimmerglanz am Horizonte lächelnd entgegen … und gewahre ihn als Blendwerk bronzerner Schilde!

Erst jetzt stirbt mein purpurnes Lächeln auf bleicher Wange…