Lyrik ~ Klinge
    Versuch einer Dichtung            

18 
 Juli 
 
2005


 

Dir R.,

wahrer Wortlaut tut not, wenn in Zeiten waltender Gedankenflaute nur matt des Geistes Flügel schwingt, die sonst befleißte Schreiberhand schwer die Feder führt und ringend im Ausdruck sich reget.
Wenn selbst der Seele Freudeschall verstummt und Eiseskälte mir in bangem Busen wintert.
Sie wollen nicht tauen, die eisen Herzensquellen.

Treulos entflohn mir die Musengeister.
Alles um mich herum birgt nur der Schleier der Gleichgültigkeit, getaucht in fahles Einheitsgrau und jedes meiner kärglichen Träufelworte stirbt selbst auf der Lippe noch.
Ich kann – und darf der duften Redekunst entmachtet – NICHT schreiben, denn alles wär’ nur Blätterlaub vom abgedroschenen Blumenhain erlauchter Rosenworte, wär’ welker Worttand einst blühender Schöne.

Weder eines Herren Wink entbiete mir Geheiß, noch der Frauen lieblicher Zauber schlage mich in Liebesbanden, frei und rein soll sich die zagend Brust sich heben, fern dem wirren Lärmen einer feilen Welt entrückt, einer Welt, die Schauplatz einem schlechten Bühnenstücke gibt.

Allein in des Dichter’s seligem Schwärmen zu triumphieren ist mein höchst Begehr.

***

wahrer Wortlaut tut not, wenn in Zeiten waltender Gedankenflaute nur matt des Geistes Flügel schwingt, die sonst befleißte Schreiberhand schwer die Feder führt und zagend im Ausdrucke sich reget.
Wenn selbst der Seele Freudeschall verstummt, der dumpfen Gefühlskälte mit matter Kehl’ und faustgeballt ich wehren möchte.
Sie wollen nicht tauen, die eisen Herzensquellen, der Seelenfrost nicht verziehn, der mir in bangem Busen wintert.

Treulos entflohn mir die Musengeister, die einst steten Weggefährten … und sie scheinen dahin.

Alles um mich herum birgt nur der Schleier der Gleichgültigkeit getaucht in fahle Blässe und der wie von Blei bemantelte Blick stiert ins Leere.
Die lichtgetränkten vom Leben geschwängerten Frühlingswiesen, sie grünen nicht mir, und das heitre Gewölk am stahlblauen Himmel zieht meiner ungeachtet vorüber, meint auch nicht mich.
Alles erscheint mir oft so fremd, so belanglos, so NICHTIG.
Selbst der Liebschall einer Freundesrede vermag ich oft nicht zu erlauschen und jedes meiner kärglichen Träufelworte erliegt dem raubenden Dunst, stirbt auf der Lippe noch.

***

Drum kann und darf – der duften Redekunst entmachtet – ich NICHT schreiben, denn alles wär’ nur dürres Blütenlaub vom abgedroschenen Blumenhain erlauchter Rosenworte, wär’ welker Worttand einst blühender Schöne.

Oh, könnt’ ich nur sinnestaumeln in des Dichter’s seligem Schwärmen und kraftbefiedert zum reichbestirnten Firmamente streben, um derorts edle Sternenworte zu erhaschen.
Fürwahr, das wär’ mein höchst Begehr !
Denn weder eines Herren Gebot beuget sich mein Haupt, noch der Frauen lieblicher Zauber schlage mich in Liebesbanden, FREI allein soll sich die matte Brust mir heben, dem wirren Lärmen einer feilen Welt entrückt, einer Welt, die sich nur als Schauplatz eines schlechten Bühnenstückes gebärdet.

Auf eben diesen „Brettern der Welt“ ( Weltbühne ) tummelt sich allerlei eitles Menschengevölk :
wortgewandte Phrasendrescher, selbsterwählte Geistesgrößen, vermeintliche Lichtgestalten beredter Gelehrsamkeit, dem schnöden Mammon verfallene Lustwandler, … oh, wie sie mir zuwider sind, diese trampelnden Horden von heuchelnden Pharisäern, die so sehr den irdischen Wonnen zugeneigt und eigenbedacht mit ihren Talenten prunken.

***

Doch siehe, aus diesem Dickicht, aus diesem Gestrüpp selbstgefälliger Menschenfülle, entringt sich eine Blüte reiferer Vernunft, eine schöngeistige Blüte mit zartem Wurzelwerk.
Mildbeflammt vom Sonnenschein der Wahrheit erblühen ihre Farben, die Blätter, vom jugendlichen Geisteswind bewogt, weben reine Gedanken und der füllige Blumenkelch faßt mit Anteilnahme das Leid anderer mit wahrem Priestergeist.

Gewiß, ohn’ Fehl, hier offenbart sich – nebst Schönwuchs – der weibliche Blütenzauber Schimmerglanz, paart Prachtaufwand mit Edelsinne sich.

Nur äußerlicher Prachtaufwand, wahrlich des Himmels liebreizendes Geschenk, verschmäht mein Aug’, das nimmer sich sättigt an der Damenwelt blühender Heide, denn selbst Aphrodites Gestalt speist nur der lüsterne Blick und läßt den Schöngeist im Drang zum wahren Schönen darben.

Denn wahre Schönheit offenbart sich nur im edlern Geiste, im zarten Blütenstaub, der als duftende Entsendung zu seinen geistigen Heimatgründen windet, der Blüte vergänglicher Schöne schlicht entsagt und ihr entflieht.

Ja, ich spreche ihn heilig, der Erde Grund, in dem Blume Samen keimte und früh schon seine feinen Wurzeln schlug, aus kühlem Erdreich in einsten Kindestagen doch empor sich rang zur vollen Reife.

Heil Dir, Flora, für den spendenden Schoß fruchtbarer Erde und Dir Helios sei’s gedankt für die milde Flut lichter Segensgabe, die erst der Knospe Riegel brechen ließ.

Vergangner Krankheit rauer Stürme Heer vermochte die ranke Blume wohl zu beugen, nicht aber zu brechen, gewann dadurch an Kraft- und Geistesfülle.
Edle Gesinnung senkte sich mit goldner Gravur in die kindbewahrten Herzenstafeln und der Seele Jubelklang singt im Weltenlärme sein eignes leises Lied paradiesischen Lautens.

Möge diese liebschallende Melodie, R., Dir nie verstummen, möge der zuweilen leidgehemmte Fuß auf Deinem Lebenspfad treu jener heiligen Spur gewollten Himmelsgeschickes folgen und sich nie beirren lassen.

Mit nunmehr endendem Federschwunge

Ralph

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28 
 Mai 
 
1995


 




Meinen Sternengruß, Dir Erdenkind!

Ist’s nicht ein Ergötzen, berauschend märchenhaft:
Freilich eine Kluft der Ferne zwischen uns klafft,
doch durch eine fein erlesene Wörterschar,
gesät auf dieses Marmorpapier,
gepflückt von deiner Augenzier,
ist Dir mein Wesen hauchend nah.

Vielmehr darf auch ich dich wittern,
durch deiner Finger banges Zittern,
denn dieses Blatt, in deines Schoßes Wiege ruhend ergeben
ist nichts and’res als mein geschrieb’nes Leben.

Doch dieser Blumenstrauß der Grußwortspendung
ist nicht die eigentliche Nutzanwendung
meiner brieflichen Entsendung.

Vielmehr sind es zwei Belangen,
die mich zu der Feder drangen:

Pro primo
winkte mir der Dichtkunst kühles Wasserbad,
umspült von treibenden Seerosenblüten,
um im Wörterstrom ergossener Geistessaat,
ein Kunstgedicht erneut zu schmieden.

Secundo
wollt’ ich den pfählernen Seelenfrust,
brennend mir in schmachtender Brust,
offenbarenden Wortlaut verleihen.

Und dieser Herzensbrief aus tiefster Seele,
deinen trauten Händen ich anbefehle,
lasse meine Not dir angedeihen.

Denn es sei mir fern, vermähltem Björn,
mit läst’gem Briefe gar zu stör’n
beim Musenspiel zerschmolzener Herzen:
“Küssetausch und kindlichem Scherzen,
beseelt durch flammende Loderkerzen.”
Ja, ja, fürwahr, das sinnlich’ Weibliche kann betör’n !!!

Und Susanne, mein einst loderndes Laternenlicht,
auf verwaistem Lebenspfad,
stählernd mir das Rückengrat,
bedarf erklärender Worte wohl nicht !

All’ die Träume sind entschwunden,
der glückseligen Zweisamkeit,
tief gefurcht die Schmerzenswunden,
weshalb floh sie, die holde Maid ???

Beraubet des Friedens, die Freude vergällt,
zerrissen ist unser Liebesband,
schwere Betrübnis war das Entgelt
ihrer Liebe kärgliches Pfand …

Doch sei’s drum, was vergangen,
soll verblassen und nicht länger mir anhangen.

Nunmehr, Freudentochter, mein Begehr,
weshalb mit einem Briefchen ich dich beehr’ :

Der Frauen Psyche, wahrlich eine Wissenschaft,
ist mir ein Buch siebenfach versiegelt,
an dem der Männergeist im Begreifen erschlafft,
und ihn um ein Weites überflügelt.

Selbst wenn der ganze Tross höfischer Damen
schwärmerisch mit Honigworten mich umgarnen
mich mit ihren lockenden Schmeichelblicken
hold verzaubern und beglücken,
ja, wenn jener zarte Wimpernschlag,
ein leis’ Bekenntnis in sich barg,
sanft auf Schwingen sich enthob,
mir zielgewiß ins Herze flog,
und mich im Liebestraume wog…,
und all’ dies Possen, scherzendes Spiel,
entfremdet jeglich’ reinem Gefühl,
mich erwählt zum Opfer weiblicher Intrige,
heuchlerischer Rede und täuschender Lüge,
so ward ich stets zum Toren auserkoren.

Das ist nie und nimmer
des weiblichen Blütenzaubers Schimmerglanz,
vielmehr ist es eitler Töchter verpönter Reigentanz.

Schmachtend nun als Schattengewächs
so ohne Prunk und Farbenklecks,
ist mir ein traurig Los gefallen !!!
Sollt’ ich blindlings dem Schicksal entgegenwallen,
durch Kostverzehr von der Liebe süßer Reben,
meinem Schicksal mich still ergeben:

Trotz Kräftezehren und Perlenschweiß
rosten auf dem Abstellgleis,
Weisheiten zitieren
nach Philosophen-Manier
mit Treueschwüren zieren
des Dichters Panier.

Unermüdlich Liebesglut schüren,
beredte Zunge auf Hochglanz polieren,
Geist bekunden, Geschenke schnüren,
stets seufzend pochen an verschloß’nen Türen
und mich selbst dabei zum Narren küren…

Oder als Pianist über Tasten gleiten,
mit Beigesang Lauschenden Wonne bereiten,
um liebesentfacht mit herzzereißenden Oden,
der Frauen hartes Ackerland beroden,
sodann edle Silbentröpfchen auszugießen,
auf dass ein Bündnis möge sprießen,
und stets bitt’re Abfuhr dann genießen.

Niemals, niemals, niemals…

Oder soll ich vielleicht ewig auf Burgruinen
im Nachtesschleier mich erkühnen,
als wandelndes Schattenbild gespenstisch zu geistern,
gepflasterte Wege, die einsam und belaubt,
schwermütig zu beschreiten mit gesenktem Haupt
und mich der Lyrik zu bemeistern?

Um den zähen Gedankenfluss,
voll zerfleischenden Verdruss,
in liebliche Worte und Reimerguss
tränenbenetzend auf totem Pergament begraben
anstatt mich daran zu erlaben,
mit geschmeidigem Zauberworte
eines Prinzesschens Herzenspforte
zu passieren. Ehrfurchtsvoll dann einzutauchen,
um mit gold’nen Lettern
fein umrankt von Efeublättern
die Herzenstafeln anzuhauchen.

Ich war eben nie der strahlende Poet,
der gleich einem schweifenden Komet
in der Frauen Herzen niederschlug,
und den Siegeskranz davontrug.

Oh, strömt, ihr gnadenreichen Perlentränen
aus dem versiegten Herzensborn,
stillt dies Verlangen, erfüllet dies Sehnen
spült hinweg den Schmerzensdorn.

Der Herzensgarten im Dürren liegt,
Gevatter Tod sich an mich schmiegt.
Die Landschaft gleicht trotz Monat “Mai”
toter, öder Wüstenei.

Ihr Tränen, oh, eilet, oh fließet,
damit dies Gärtchen wird begießet.

Bewässert die Wiesen,
die Blümlein lasst sprießen,
Besprenget mir das Herzensbeet,
Hoffnung wird dann ausgesät.
Benetzt die karge Gartenerde,
auf daß ein Bäumchen wachsen werde.

Ein Bäumchen, das seine zarten Wurzeln schlägt,
sich dann empor geschwinde regt,
und einmal reife Früchte trägt.

Ich möchte doch nur im gold’nen Dämmerlichte
des lauen Abends mit strahlendem Gesichte
durch begrünte Wälder schweifen :
mit unverzagtem Schritte, Sonnenschein im Gemüt,
das Herz voll Liebestaumel heißerglüht,
belad’nes Sorgenbündel abzustreifen.

Oh, süße Stille, mein Herz erfülle,
an dieser freudgeweihten Stätte hier.
Der Grashalme Reigen, mir Majestät zeigen,
und selbst die Bäume bilden Spalier.

Die Zapfen der Zweige beschweren zur Neige,
beschirmen mir das Haupt,
sich demütig beugend und damit mir zeugend,
dass ich zum König werd’ geglaubt.

Wenn die Sonne sich nun senkt,
den Horizont in weinrot tränkt,
vollendend ihre Himmelsbahn,
der letzte Sonnenstrahl zerfließt,
zerronnener Tag die Nacht begrüßt,
die nun ihr Regiment tritt an,
dann läßt sich am Firmament erspäh’n,
der leuchtende Mond, der ganz souverän,
schwebend steigt zur Himmelsfeste empor,
zur werten Dienerschaft, die Treue ihm schwor,
welches sind die mannigfaltigen Sterne,
die lieblich funkeln
im Nachtesdunkeln,
gleich Laterne an Laterne.

Ja, nur dort, in höheren Sphären möcht’ ich gesunden,
dort allein entströmt
der heilende Quell tiefgefurchter Herzenswunden.
Im Einklang beseelter Geisteswesen
wird nieversiegte Tränenflut
zeugend von der Schmerzensglut
mitfühlend gefaßt in heiligen Gefäßen.

Zarter Hände Wangenstreich
spendend dort im Friedensreich
lässt verwelken der Damen blühendes Lächeln,
lässt verdörren weltlicher Küssetausch,
wenn himmlische Winde mir Lind’rung zufächeln
und mich betören im Sinnesrausch.

Nie mehr wird mein zartgesponnenes Versgeflecht zerstoben,
denn dortdroben
in des Spiegelpalastes Herrlichkeit
von Posaunenschall umwoben
wird meiner Worte Lauterkeit
in den Adelsstand erhoben.

Wenn all’ der Erdentand verblaßt,
entkleidend meiner Erdenhülle,
umwolkter Äther mich erfaßt,
und meine Seel’ mit Glanz erfülle :

Aus “spottbegrabener” Witzfigur
erwächst dann keimend, triumphal,
gleich einem blendenden Opal,
die schillernde Adamskreatur…

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1 
 Januar 
 
1995

abgelegt in
Reimgedichte

 

[1995?]
Einen Gruß meinem Gewitterwölkchen

Verzeih,
dass haschend nach dem Schreibgeräte
verschüchtert zu dem Federkiele ich gegriffen,
anstatt in kühner Ritterrede
mit Wortjuwelen kunstvoll geschliffen
die Botschaft, vorbei an kant’gen Felsenriffen
in den Herzenshafen Dir zu schiffen …

Doch künde mir:
Wie sollt’ ich’s sonst denn halten,
gegeiselt von hemmenden Gewalten?

Fürwahr, jeder strahlende Sonnenblick,
Deines Antlitzes blumiges Geschmück,
bringt meiner Verzagtheit Gletscherfelsen,
tröpfchenweise erlösend zum Schmelzen.

Doch zuweilen verfinstert sich Dein Augenglanz,
durch aufziehender Wolken grauen Gewands,
und dieses drohende Wolkenmeer
erscheint mir wie ein Feindesheer,
schwärzlicher Engelsgestalten,
am Himmelsgewölb, dem zorngeballten.

Entschwunden ist das funkelnde Blinken,
Deiner Augen sanftes Loderwerk,
lässt tapf’ren Heldenmut mir schändlich sinken
degradieret mich zum stummen Zwerg.

Die Lippen beben, lassen mich erschüttern,
furchteinflößend ahnend wittern,
dass dem zitterndem Herzen entsprungene Gedanken
beflügelt durch der Seele Hauch,
belebt zum Mund empor sich ranken,
doch vergehen wie Schall und Rauch.

Denn hilflos sie sich schnell verfangen,
in der Scheuheit krallender Pranken,
sogleich gerät der Redefluß ins Wanken,
und ich Ärmster muß arg bangen.

Die Sprache, sie stockt,
die Zung’ ist gelähmt,
mir’s nicht frohlockt,
dass sie sich jeglichen Lautes grämt.

Drum Federhalter, husch’ übers Papier,
sollst’ nicht verweilen,
fass’ die Gefühle in liebliche Zeilen,
und beichte meiner Augenzier,
wie es ist um mich bestellt
in trostloser Gedankenwelt:

Deiner Augen flutender Schein,
sät ins Herz mir zweifelnde Pein!

Nun, trotz aller Furcht, will ich es wagen,
und dich ganz unverblümet fragen,
ob Deines Blickes lieblicher Natur,
desöfteren sich mit meinem schneidet,
als ob er graset, auf mir sich weidet,
meinem stillen Wesen zollt Bravour?

Ist’s ein zarter Wink, vielleicht ein Liebesschwur,
oder ist von wahrer Liebe keine Spur?
Drum, bitt’ ich Dich, mir’s zu künden,
wie ist diese Geste zu ergründen?

Die Zeit, sie eilet,
der Zweifel verweilet
im Herzen mir.

Dein Mund, er schweiget,
die Antwort verweilet,
ich fast die Hoffnung nun verlier’.

Drum laß die Feder schwingen,
einen linden Brief gelingen,
die Antwort sanft durchdringen,
sonst könnt’ die Not mich gar verschlingen…

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