Lyrik ~ Klinge
    Versuch einer Dichtung            

6 
 Juni 
 
2017


 

Danaës bronzener Turm

 
Musik
Frédéric Chopin [1]Regentropfen-Prélude

Akrisios, der König von Argos, hatte zwar eine Tochter, aber keinen männlichen Erben.
Gewarnt vom Orakel („Du wirst keine Söhne haben und dein Enkel wird dich töten.“), verwahrt er die noch kinderlose Danaë in einem Verlies, das mit bronzenen Türen gesichert ist und von wilden Hunden bewacht wird.

Anderen Quellen zufolge wird sie in einen bronzenen Turm gesperrt.

Doch der Göttervater Zeus begehrt sie und findet durch das Dach des Gefängnisses Zugang zu ihr, indem er sich in einen goldenen Regen verwandelt. Danaë gebiert ihm den Sohn Perseus.

Quelle: WikiPedia

Der Sinnlichkeit Festung

 

Agrisios
stolzen Blickes das Turmverlies schauend

Mächtiger Steinbau ionischer Grazie:

      Strebe empor gleich erhabener Säule gepriesenen Heiligtums,
      birgst du doch selbst auch des Vaters behüteten Schatz!

      Stolze Streben noch stolz’ren Gebäus,
      kühn trotzend aller Lasten Gewalt!

      Keine irdische Macht,
      keines Mannes Begehren stürzt den Pallast,
      keines Frevlers Hand reisst den Säulenbau nieder!

 
Zeus
göttlichen Ratschlag erbetend

So fleh’ ich zu Amor, dem lüsternen Gott, zu
Minerva auch, himmlischen Beistand erhoffend …
… und jene gewähr’n meine Bitte,
einzunehmen der Sinnlichkeit Festung:

      In der Gestaltung goldenen Regens
      träuf’ ich ins stille Gemach
      und finde mich ein
      inmitten der zierlichen Pfeiler
      weiblicher Schöne.

Lege die stemmenden Hände
an die Stützen des rühmenden Baus
und schmieg’ mich dagegen…
Nichts rühret zunächst die marmone Schöne,
nichts erzittert unter eig’nem Bemühn.

„Amor, schaffe doch Recht dem Liebesgepeinigten!“

Und siehe, Amor, der nie Fehlende,
eilet mit lodernder Fackel hernieder.

Widerstand beugt sich nun höherer Macht
und was einst elfenbeinhart
weicht göttlicher Stärke,
erweicht an göttlicher Flamme.
Der Säulenbau erzittert unter der Gotteshand.

Schon drückt des Daches ungeheure Last,
schon stöhnt das Gebälk
und der Prunkbau droht jähen Momentes zu bersten.

Auch mir entfliehen die Siegeskräfte,
mein Haupt ermattet, entsinkt [2]der einstürzenden Welt

Nur mein friedvoller Blick
wandert aufwärts
auf heiligen Stufen ihres Leibes
zum Gnadenaltar,
hascht ihres Mundes liebfunkelnden Kelch.

Und der Liebe Schauer stürzt über mich ein.

→ zu Mnemosynes Geleit
Skulpturen des Adamas
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Fußnoten[+]

 
 
20 
 August 
 
2011


 

Ernst von Salomon
Auszug aus: “Die Geächteten” (Rowohlt-Verlag)

Die Fronten erstarrten, sie versanken im Dreck, Schlamm und Feuer, ein gespenstischer Finger zog blutige Linien rund um das Reich.
Der Krieg, den wir zu führen gedachten, führte uns.
Er wuchs vor uns auf, aus den tiefsten Spalten der Erde kommend, wie ein Nebel, wie ein graues Gespenst, und rüttelte an den waffenstarrenden Bastionen, er packte uns plötzlich mit glühender Faust und würfelte die Regimenter zusammen und schmiß sie wieder auseinander und hetzte sie durch die donnernden Felder.

Er kam durch die klirrenden Drähte und nahm über Nacht den Feldherrn die Zügel aus den erschrockenen Händen und wirrte sie durcheinander und zerrte hier und dort, bis die Front brüchig wurde und zog dann weiter.

Und strich in das Land und riß die Fahnen von den Fenstern und spie dreimal aus. Und der Speichel war Gift, und wo er fiel, da wuchs Hunger und Not und Verzicht.

Und der Krieg zog weiter, er war überall, er warf seine Fackel in alle Teile der Welt, er stöberte die geheimsten Wünsche auf und warf ihnen brennende Mäntel um und färbte die Mantel rot.

Er grub das Eisen aus zerschluchteter Erde und schleuderte es in den Raum und ließ alles zerspellend zu Boden fallen.

Der Krieg kam wie ein Riese über das Land, und da war nichts, was ihm sich verbergen könnte.

Er kam wie ein Wolf und hetzte uns mit reißenden Zähnen bis zu den höchsten Hängen und durch die tiefsten Schluchten, er rammt mit einem wahnwitzigen Schlage die Jugend in den Schlamm und schleuderte das Leben in das Feuer und setzte den Stoff gegen den Geist.

Da krochen die Krieger vor ihm in die dunkle Erde. Er aber zerstampfte die Landschaft mit höhnischem Schrei und schuf eine Brache, schuf eine einmalige Welt mit einmaligen Gesetzen, ein Reich, in dem alle Leidenschaften der Steinzeitmenschen von brüllenden Ängsten bis zu den gellenden Triumphen ihren Rang erfuhren, ein Reich, in dem das brausende Hurra zum roten Urschrei wurde, geröchelt aus zerlaugten und besessenen Leibern, ein schreckliches Geheul beseelter Elemente.

Und wie der Krieg sich seine Landschaft schuf, so schuf er sich sein Heer.
Da warf er hin, was nicht bestand, er sonderte mit hartem Schlag und zog die Lieblinge sich an die Brust, die Ekstatiker des Krieges, die Einzelnen, die aus den Gräben sprangen und ihr “Ja” jauchzten zur Umkrempelung der Welt.

Und er drängte die Pflichtgetreuen zu dichten Haufen, in die er immer wieder zerschmetternd fuhr, und malte ihnen das große Warum an den glutbehauchten Himmel, dörrte ihnen die Adern und brannte ihnen sein Mal in das entsetzte Hirn, wissend, sie werden ihm nie entrinnen.

Mit roten Narben schmückte er die mageren Verwegenen seines Reiches, er meißelte die kantigen Gesichter unter düsterem Helm, die scharfen, schmalen Linien um den Mund, um schroffes Kinn und starres, spähend zupackendes Auge.

Er schied die Heimat von der Front und die Nation vom Vaterland.
Sein heißer Atem aber fuhr in alle Winkel.
Da blätterte der angeklatschte Schmuck, es schmolz das unechte Metall, die Kruste wurde mürbe, der Gasdunst der Verwesung strich durch das Reich, und alle stolze Bindung faserte und brach..

Er riß die Masken vom Gesicht, und wessen die Lüge war, der stand in Lüge nackt und bloß, und wessen das Suchen war, der tastete im leeren Raum.

So wütete der Krieg, und die Stunden klatschten sengend in die Herzen,
und die Tage wurden rauchend rot vom Blut, die Jahre rannen unerbitterlich saugend, letztes Mark aus morschen Knochen ziehend, Opfer heischend völliger Erschöpfung zu.

Da schwelte es im Haus, da wurden alle Pfeiler brüchig, es knackte das Gebälk.
Die Waffen sprangen aus gekrampften Händen, was noch der Krieg in wachem Bann gehalten, sank, das Reich fiel auseinander.
Den Letzten war’s, als riefe eine Stimme ihnen zu: “Ihr scheutet keine Probe? – Hier! – Besteht sie!”

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