| 3 August 2022 |
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Die verschollene Fracht
Nacht deckt schon
der kühlen Ufer Sonnesang.
Perläugig träumen die einsamen Sterne ihr Antlitz
in den schweigsamen See.
Nur ein silberner Streif mondscheuer Welle
flüstert entsunk’nes Geheimnis.
Schwankend treibet der Sinne Kahn nun dahin.
→ Pygmalions Werkstatt
Fußnoten
| 4 August 2017 |
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Morpheus und Iris [1]Pierre Narcisse Guérin, 1811
Musik
Robert Schumann [2]Kinderszenen, Op. 15 – Nr. 7 – Quelle: www.archive.org
Ist denn die Wirklichkeit nicht erdacht,
schlicht ersponnen,
eine Dichtung unseres Geistes,
die aus dem Reiz trüber Sinne sich nährt
und in kühnen Deutungen die Welt uns erschließt?
Zweifelsfrei ist die Traumwelt,
die Heimstatt hehrer Ideen,
ersonnen,
eine Elegie der Phantasie
und wahrhaft stolzes Rankgewächs,
das als Zartspross
aus des Alltags Niederwuchs
munter sich enttrotzte
zu reiferer Blüte.
Beide Sphären,
die der Wirklichkeit
als auch des Traumes,
sind daher gleichen Ursprungs,
dem der Dichtung.
Und wie ein Geschwisterpaar
reichen Erscheinung und Traumbild
sich treu die Hände,
vereinigen sich wie zwei Flüsse es tun:
Rauschend’ Verlangen
mit strömendem Eifer hinstrebend
und einend still sich ergeben
sodann ins unendliche Meer
menschlicher Deutung.
Traumwelt IST daher Wirklichkeit,
eins ins eins vermengt.
Nahe dich ihnen,
des Traums holden Phantomen,
den treu dich Empfangenden!
Schließe ihr Bild
in den Busen still ein
und bilde getreu
nach ihren Gesetzen
das Irdische!
→ Vorwort
Fußnoten
| 21 Juni 2017 |
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Scherenschnitt
Margarete Schreiber[1]Foto: Margarete Schreiber. In: „Das Himmelsvolk“ von Waldemar Bonsels
Musik
Wolfgang Amadeus Mozart [2]Klavierkonzert Nr. 23 – Adagio
Die Lichtung
Hüll‘ mich umarmend in der Geborgenheit lichtem Gewande!
Hebe den scheuen Farn strähner Wimpern,
den Silbertau klarer Augen liebfunkelnd mir strahle!
Wohlduft entsteige der Wangen samt‘ges Moos,
trunk’ne Süße reiche der Lippen Holunder!
Und aus berauschter Sinne umlagernden Nachtesflor
rankt sich
deiner zarthalm‘gen Finger Akelei,
knospenquell blühend
mir ambrosisch entatmend
des Balsamhauchs linder Entsendung.
→ Morpheus‘ Schoß
Fußnoten
| 18 Mai 2017 |
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| DICHTUNG | Antoine de Saint-Exupéry | |
| LESUNG | Oskar Werner |
Erbarme Dich meiner, o Herr, denn meine Einsamkeit lastet auf mir. Es gibt nichts, auf das ich wartete. Hier bin ich in dieser Kammer, in der nichts zu mir spricht. Und doch wünsche ich nicht die Gegenwart der Menschen herbei, denn ich weiß mich noch verlorener, wenn ich in der Menge untertauche. Aber sich jene andere, die mir gleicht und die sich in eben solch einer Kammer befindet und sich doch glücklich fühlt, wenn die Menschen, denen ihre Zärtlichkeit gehört, anderswo im Hause geschäftig sind. Sie hört sie nicht und sieht sie nicht. Sie empfängt nichts von ihnen im Augenblick. Aber um glücklich zu sein, genügt es ihr zu wissen, daß ihr Haus bewohnt ist.
Herr, auch ich erwarte nicht etwas, das ich sehen oder hören könnte. Deine Wunder sind nicht für die Sinne. Doch um mich zu heilen, genügt es, wenn Du meinen Geist erleuchtest, so daß ich mein Heim verstehe.
Wenn der Wanderer in seiner Wüste einem bewohnten Haus angehört, so freut er sich dessen, obwohl er weiß, dass es am anderen Ende der Welt liegt. Keine Entfernung hält ihn davon ab, sich von ihm nähren zu lassen, und wenn er stirbt, stirbt er in der Liebe … Ich erwarte also nicht einmal, Herr, dass mein Heim mir nahe sei.
Sieh den Spaziergänger, dem in der Menge ein Gesicht auffällt. Er verwandelt sich, selbst wenn das Gesicht nicht für ihn bestimmt ist. So geht es jenem Soldaten, der in die Königin verliebt ist: Er wird Soldat einer Königin. Ich erwarte also nicht einmal, Herr, dass jenes Heim mir verheißen sei.
Auf den weiten Meeren gibt es glühende Schicksale, die sich einer gar nicht vorhandenen Insel geweiht haben. Sie singen, während sie auf dem Schiff sind, die Hymne der Insel und fühlen sich glücklich dabei. Nicht die Insel ist es, die sie glücklich macht, sondern der Gesang. Ich erwarte also nicht einmal, Herr, dass jenes Heim überhaupt bestehe …
Die Einsamkeit, Herr, ist nur Frucht des Geistes, wenn er krank ist. Er bewohnt nur ein Vaterland, das der Sinn der Dinge ist. So ist es mit dem Tempel, wenn er Sinn der Steine ist. Nur für diesen Raum hat der Geist Flügel. Er freut sich nicht über die Dinge, sondern allein über das Gesicht, das man durch sie hindurch erkennt und das sie miteinander verknüpft.
Gib nur, dass ich zu erkennen lerne.
Dann, Herr, wird meine Einsamkeit überstanden sein…
[…]
| 8 März 2017 |
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| DICHTUNG | Eva Strittmatter | |
| LESUNG | Mario Ramos | |
| BEREITSTELLUNG | LYRIK & MUSIK |
Es wurde mir doch Sprache gegeben, Mich auszusprechen über mein Leben … Warum verlangt es mich dann nach dem stummen Blick, Nach der Körpersprache der Tiere, Warum giere Ich nach der Berührung von Haut zu Haut … Warum genügt der Laut Der Sprache nicht meinen Sinnen, Freiheit und Gleichmaß zurückzugewinnen … Kann es sein, daß Geist, der in Sprache wohnt, Am Ende das Leben nicht löst und nicht lohnt? Kann es sein, daß Weisheit in Stummheit liegt, Mit der sich eines im anderen wiegt? Die Spanne zwischen Ja und Nein Ist die von Nichtsein und Sein. Das Siegel ist nicht aufzubrechen. Das Lösungswort nicht auszusprechen. Die stumme Sprache Haut zu Haut Ist uns seit Urzeiten vertraut.
Vielleicht ist die (basale) Körpersprache die subtilste und empfänglichste aller Sprachen?
Ich werde an der Skulptur des Adamas weiterarbeiten…
| 5 Februar 2017 |
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| DICHTUNG | Rainer Maria Rilke | |
| LESUNG | Barbara Sukowa | |
| ARRANGEMENT | Schönherz & Fleer | |
| BEREITSTELLUNG | LYRIK & MUSIK |
Vor lauter Lauschen und Staunen sei still,
du mein tieftiefes Leben;
dass du weisst, was der Wind dir will,
eh noch die Birken beben.
Und wenn dir einmal das Schweigen sprach,
lass deine Sinne besiegen.
Jedem Hauche gieb dich, gieb nach,
er wird dich lieben und wiegen.
Und dann meine Seele sei weit, sei weit,
dass dir das Leben gelinge,
breite dich wie ein Feierkleid
über die sinnenden Dinge.


























