Lyrik ~ Klinge
    Versuch einer Dichtung            

13 
 August 
 
2017

abgelegt in
Gedankenschau | Poetik

 

Jedem Anfange wohnt ein Zauber inne…

von: Hermann Hesse [1]Stufengedicht

… so auch dem Zeilenanfang.

* * *


Zur Emanzipation des lesenden Auges


Mir ist durchaus bewusst, dass man Wörter groß schreibt, die…

  • … Eigennamen, Substantive oder nominalisierte Verben sind
  • … die am Satzanfang stehen
  • … die am Zeilenanfang stehen (z.B. in der Elegiendichtung beim Hexa- oder Pentameter)

Diese Formalien sollten ebenso verbindlich sein wie die Zeilenumbrüche, was konkret bedeutet, dass ein Zeilenumbruch eben erst dann erfolgt, wenn die vorgeschriebenen Versfüße “abgelaufen” sind.

Für mich ist das Versmaß allerdings eine audiophile, dem Ohr wohlwollende, gleichmäßige Verteilung der Silbenmasse und unterstreicht den klanglichen Charakter, ist vielleicht durch das alternierende Hebungs- und Senkungsspiel der Silben mitunter sogar dafür unerlässlich.
Das Versmaß bedient also den klanglichen Aspekt.

Für den semantischen Aspekt [2]die Sinnerfassung betreffend erscheinen mir die Zeilen der griechischen Versmaße allerdings oft zu lang und markieren darüberhinaus auch nicht sinnrelevante Wortgruppen, fassen diese nicht verständnisfördernd in “Blöcken” zusammen.
Kurzum: das sinnforschende Auge erleidet einen Stoß und wird in seiner Lesefreude getrübt.

Daher halte ich es durchaus für sinnvoll, nachdem durch Einhaltung des Vermaßes das Ohr befriedigt wurde, diesen “Genuss” auch dem Auge angedeihen zu lassen und werde Zeilenumbrüche nach Sinnabschnitten vornehmen entgegen geltender Konventionen.
Zeilenumbrüche sind für mich auch “geistige Umbrüche.

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Fußnoten[+]

 
 
12 
 März 
 
2015

abgelegt in
Gedankenschau

 

Amphibrachys (griechisch ἀμφίβραχυς „beidseits kurz“; Plural Amphibrachys[1] oder auch Amphibrachien) bezeichnet in der antiken Verslehre einen einfachen, dreigliedrigen Versfuß, bei dem zwei Kürzen eine Länge umschließen nach dem Schema ◡—◡.

Quelle: WikiPedia

Amphibrachys = der “umarmende” Versfuß (–> unbetont-betont-unbetont).

Beispiele:
1.) “Gewissheit”
2.) “Vertrauen”

… sollten in einer gegenseitig umarmenden Beziehung eigentlich bekannt sein.

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24 
 Juli 
 
2011


 

Innerhalb des großen Feldes der Metrik (Verslehre) existiert der Begriff des alternierenden Verses.
Auf den Unterschied zwischen quantifizierenden und akzentuierender Metrik möchte ich hier nicht eingehen.
Um es in aller Knappheit zu erklären:
Im Deutschen gibt es betonte und unbetonte Silben, lange und kurze Silben.
Abgesehen von Vorsilben (Präfixe) oder dergleichen liegt die Betonung bei deutschen Wörtern immer auf der ersten Silbe.
Beispiel: Wie-se, Blu-me, Kin-der, Frau-en, Fecht-kunst.

Nebenei erwähnt -und zur Verdeutlichung- wird im Französischen meist endbetont,
Beispiel: par-don, mer-ci, bud-get, des-sert.

Fügt man mehrere Wörter zu einem Satz zusammen, so kann man bei richtiger Wortwahl einen Wechsel von betonten und unbetonten Silben, eine Hebung und Senkung der Satzmelodie erreichen, was den alternierenden Vers bezeichnet.

Beispiel: “Das Weib ist ein gebrechlich Wesen” (aus: “Maria Stuart” von Friedrich Schiller)

 

Jetzt gibt es aber auch Wörter, die je nach Sprachrhythmus in ihrer Betonung unterschiedlich betont ausgesprochen werden können.

Beispiel: “Weihnachtsgeld”
Ein deutsches Wort, daher Betonung am Anfang: “Weih-nachts-geld”.
Es handelt sich hierbei sogar um einen Daktylus: betont-unbetont-unbetont.

Das gleiche Wort kann allerdings auch anders betont werden,
zum Beispiel innerhalb der jambischen Zeile (unbetont-betont-unbetont-betont-…):
“Das Weihnachtsgeld macht alle glücklich!”

Die Betonung eines Wortes bezieht sich also nicht nur auf seine ureigene Betonung, sondern ist abhängig vom Kontext, vom “sprachrhythmischen Zusammenhang”.

Interessant fände ich daher, einmal das Eheversprechen genauer zu betrachten.
Welcher Silbenrhytmus liegt eigentlich vor auf die an den Bräutigam gerichteten Frage:
Willst du Anna nun zu deiner anvertrauten Frau heut’ nehmen,
so sprech’ laut vor aller Ohren: “Ja, ich will !” ?

Antwortet der Bräutigam jetzt aus Überzeugung -an den Sprachfluss angelehnt- mit “Ja, ich will !” (nicht mit einer Echolalie [1]die Wiederholung vorgesagter Phrase zu verwechseln!) ?
JA und WILL wären betont, somit betonungskonform und würden auf metrischer Ebene den gefassten Entschluss zur Ehe geradezu untermauern und die Absicht eines lebenslangen Bundes suggerieren.

Vielleicht ist die Redeformel aber auch daktylisch (betont-unbetont-unbetont): “Ja, ich will!”?
WILL‘ bliebe also unbetont und könnte alsbaldige Scheidungsabsichten signalisieren.

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