Lyrik ~ Klinge
    Versuch einer Dichtung            

28 
 April 
 
2019


 

Deckengemälde im Festsaal
des Wittumspalais der Herzogin Anna Amalia
[1]Quelle: Klassik Stiftung Weimar

 

Der Luftgeist
Ariel


 
MUSIK
Felix Mendelssohn Bartholdy [2]Violin Concerto – I. Allegro, Op. 64


Anmutig:
» Sind Sie Vogelfreund, mein Bester,
und sorgten väterlich mit dieser Stange
für einen Halt zum Bau der Schwalbennester? « [3] aus: „Cyrano von Bergerac“ von Edmond Rostand


 


Dem Lüftebezwinger [4] dem erdgeborenen Lüftebezwinger // Himmelsstürmer

So steig‘ doch hernieder
vom dunstgestad’nen [5]dunstgestad’nen Ätherblau [6]Wonneblau, Träumerblau
stets kreisender Gedankenschau,
des wolken Worts Gestaltenbau [7]der Wolken Spiel Gestaltenbau
durch heit’ren Geistes Winde milden Widerstreit.

Und neig‘ dein Gefieder
hinab zur sich’ren Erdenfeste,
befleißender zum Vogelneste
im traulich heimischen Geäste
der deiner nunmehr zu bewohnten [8]gefußter Wirklichkeit.

Erfreu‘ dich wieder
nie müder Lieder [9]ätherisch-himmlisch; Lider: irdisch, erdgebunden
nach sphärischer Reise
im irdischen Kreise!
→ zu Mnemosynes Geleit
Pygmalions Werkstatt
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Fußnoten   [ + ]

 
 
17 
 Juni 
 
2017

abgelegt in
Poe, Edgar Allan

 

Oh, wär mein junges Leben doch ein Traum. Und würd auch mein Geist nicht wach bis dass der Strahl der Ewigkeit den Morgen brächte. Obwohl der Traum von schlimmen Kummer war, er war doch besser als die Wirklichkeit des wachen Lebens für den, dessen Herz gleich von Geburt an auf der Erde sein muss – Ein Chaos aus der tiefsten Leidenschaft.

Doch sollte es so sein, der Traum geht ewig; wie Träume in der Kindheit zu mir waren; sollte es so sein, es wäre Narrheit noch auf eine höhere Macht zu hoffen. Denn als die Sonne hell im Sommer schien, hab ich von Licht und Lieblichkeit geträumt. Doch hab ich mein Herz verloren in einem Land der Phantasie, getrennt von meinem Heim, und die Bewohner waren Geschöpfe meiner eigenen Gedanken.

Es war einmal – an diese wilde Stunde werde ich mich stets erinnern – eine Kraft. Ein Zauber hatte mich gebunden. Wind kam kalt des Nachts und ließ; sein eigenes Bild auf meinem Geist zurück. Der Mond hat kühl auf meinen Schlaf hinab geschienen, oder waren’s Sterne? Was auch immer, der Traum war wie der Nachtwind – lass ihn gehen.

Ich war einst glücklich, wenn auch nur im Traum, doch ich war glücklich. Und ich liebe Träume. Die lebensfüllende Lebendigkeit wie in dem nebligen Widerstreit von Wahn und Wachen, die dem Träumerauge unendlich schöne Dinge bringt, von Paradies und Liebe – alles gehört uns, weit mehr als Hoffnung je versprechen konnte.

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1 
 Januar 
 
1995


 

evtl. Orthographie- und Interpunktionsfehler wurden belassen

Thor’s musikalischer Hammerschwung
im Widerstreit mit Apollo’s goldenen Harfenklängen

Ein Loblied auf die Vielfalt des Lebens,
die Wahrung der Identität trotz intellektueller Schwankungen
im Erdental tümmelnden Menschengevolks

Es spielen

Thor
in moderner Befrackung wie T-Shirt, Bermuda-Hose, Sonnenbrille,
wanderträchtiges Schuhwerk (hochgeschnürte orthopädische Schuhe),
Haare eingegeelt und grüngefärbt
steht symbolisch für
(behinderte) Menschen mit motorischen (spastischen) Einbußen,
allerdings Höchstmaß an Individualität

Apollo
gegenwärtig in Gestalt eines liebsäuselnden Windstoßes
steht symbolisch für
das menschliche (utopische) Idealbild,
Nichtduldung „unterentwickelten“ Daseins,
Klischeedenken vieler „Normal-Menschen“ (Uniformität)

Einst ersann Thor, sich des Menschen Schlagzeug zu bemächtigen und trat bei Apollo in die Akademie der musischen Künste.

Thor, im Unterrichtssaal auf den Meister harrend und von tatendrängender Ungeduld getrieben, ließ sich wirkenden Sinnes hinter einem Schlagzeug nieder und versucht nun eigenmanierlich, dem Instrumente Töne zu entlocken.

Apollo kommt windesheulend bestürzt herbeigeeilt.

Apollo
Seht, seht ! Ein Jugendsproß, der dem Zeitgeist frönt,
dem musisches Taktgefühl gänzlich entwöhnt,
betäubet mir mein Zartgehör, bedrängt
die laue Magengrube und verrengt
mit Trommelwirbel und Paukenlärm
das sich verkrampfende Gedärm …

Thor
Dies Stöckeschlagen ist der Puls der Zeit,
der rasend schlägt und hämmernd Euch befreit
vom Packeis treibender Traditionen …

Apollo
leicht in Rage
… und dafür pfleg‘ ich keine Ambitionen !!!

– Pause – danach ernüchtert Thor belächelnd

Nehmt Euch doch selbst in Augenschein :
Die Haarestracht, verkrustet zu Zementgestein,
und grüngefärbt, mich dünkt sie schimmlich!
Der schnöde Kleidertand,
dies kostümierte Flattergewand,
erscheint vom Preis mir unerschwinglich,
weil selbst der Schneider teuren Stoff einsparte,
sodaß im Arm- und Beinbereich,
bloßgelegt das nackte Fleisch,
sowohl das zärtlich glatte als auch das kräuselnde behaarte !

Welch Nutzen zollen diese dunklen Augengläser ???
Seid ihr am grauen Star erkrankt ?

Plagt Euch ein körperlich‘ Gebrechen,
denn weil der schwanke Gang sonst wankt,
der keineswegs von Standvermögen ist beseelt
schnürt ihr das Schuhwerk, wie Efeupflanzen hochgerankt,
das Eure schlaffen Sehnenbänder stählt ?

Ein Ausbund modischer Vernarrtheit,
ein Schmückstück jeglichen Maskenballs
gibt Zeugnis unredlichen Modezerfalls,
des Menschen Wahnsinns wohl geweiht ?

Thor
Ihr schimpfet meine grelle Garderobe,
blanke Tändelei der Zeit,
doch seid gewiß, daß ich mit vollem Lobe
mich rühme dieser Kläglichkeit.

Apollo findet keine argumentative Erwiderung und läßt sich an der Harfe nieder

Apollo
Der Worte sind genug geflossen,
so laßt uns unbefangen, unverdrossen,
zu tätigem Werke nunmehr schreiten,
Euren ungebändigten Geiste striegeln,
den wildentflammten zum Gleichmaß zügeln,
sogleich in luft’ge Höhen aufzugleiten,
wo güld’ne Klänge uns entgegensonnen,
himmlische Harfenlaute uns bewonnen,
und von seliger Lauterkeit betört
des Herzen’s Einheit wiederkehrt,
die Ihr mit lautem Getöse entzweie schluget !!!
Ihr, Banausen-Hirn, schleicht Euch unbefuget
ins musikalische Konstrukto,
obwohl des Genius Mächten Euch entfloh.
Ihr schlürft aus seichten, stinkenden Tümpeln,
muß eines Besseren Euch belehr’n,
den geistigen Unrat zu entrümpeln,
das Herzensstübchen auszukehren.
Senkt seinen Blick
Lauscht meinem zarten Windesspielen
und laßt den überhitzen Geist Euch kühlen,
der sonst in blinder Raserei verglüht,
denn nur wer ohne Unterlaß bemüht,
den dumpfen Hammerschlag schmetternder Stöckchen,
bleibeschwert,
verkehrt
in einen sanften Schwebeflug eiskristall’ner Flöckchen,
vermag durch bedächtiges Trommelstreicheln,
dem sinnenden Publikum genüßlich zu schmeicheln.
Ihr schürt verwegen
des Herzen’s Ofen voller Überschwang,
daß jede süße Speise überkocht.

Apollo’s Götterodem streicht belebend durch die aeolische Harfe

Apollo
Verspürt hingegen
der Seele leichten Wellengang,
der flehend an die Herzenspforte pocht,
Wie bunte, aufgestiegene Herbstwinddrachen
bricht helles, unbeschwertes Kinderlachen,
sich unaufhaltsam Bahn,
erkaltete Herzen sonnen sich warm,
es schmilzet jeglich Herzensgram,
süß verfallend diesem heiligen Wahn.

Thor mißachtet die belehrenden Worte und trommelt nach eigenem Gutdünken wild darauf los …

Apollo
Gemach, gemach,
als ob ein Bienenschwarm
Euch stach,
erlieget ihr der wilden Tobsucht,
mit voller, ungedämpfter Wucht,
dem Instrumente Klänge zu entlocken –
Und anstatt in Augenleuchten zu frohlocken,
muß mir der rauhe Atem stocken.
Laßt doch Eurer Stöcke Donnerbeben,
voller Anmut niederschweben.

Thor
Wenn mich der Muse Freudenschauer küßt,
so biet‘ ich auch die and’re Wange dar.
Doch wenn der Plagegeister Polterschar
mich bedränget, würgend brüst’t,
entfliehet der seligen Empfindung Überschwang.
Zerronnen ist der Seele hebender Lobgesang
und der Freude Jubelklang ermattet,
wenn Seelengrame schwängernd mich begattet.
Gewiß,
der mißratende Ton
klang holder schon.

Ihr seid lichtend rege in Euren Schädelwänden.
Ich leid‘ gichtend träge an schroffen Künstlerhänden.

Eure geistige Liebkosung
kündigt sich durch Flüsterung,
meidend jegliche Ertosung.
Meine aufgescheuchten Bässe
der Musen heiterer Exzesse
unholdsamen Kusses
gebieret des Musicuses
eintretende Blässe.

Ihr zupft der Musen goldene Saite,
das Harfenspiel auf himmlischer Weide
und schimpfet meine schlichten Künste
des Banausen närrischen Ausgedünste.

Sprecher
Doch wessen Gesanges rührende Kunst,
erntet des Hörer’s applaudierende Gunst ???

Der Rauscher schrillen ultimativen Trommelgeblänges ?
Der Flauscher stillen rezitativen Operngesänges ?

Totenbleich vegetieren ?
Farbenfroh brillieren ?

Rebellisch aufwühlsam ?
Höllisch einfühlsam ?

Dumpfes Bässe-Scheppern ?
leckeres Tönekleckern ?

Promptgebärender Regenprall ?
Ewigwährender Wasserfall ?

Ölige Sommerpfütze ?
Morgentau-Geklitze ?

Verhöhntes krönen ?
Verschöntes verpönen ?
Wem nun Schulterklopfen löhnen ?

Sind schon die abstrusen Klänge
Kind vom Musengeschwänge ???

Mehr ein mitleidbegossenes Sorgenkind
kunstbefrackter Ohrenschmauser
schwärmend reckend
für den melodiösen Säuselwind.

Ein abgelackter Ohrenbrauser
wärmend streckend
indes findend sich ersinnt
in den lautgebarenden Künsten wildem Gehege
des Donnerwaltens rauhem Stege
hagelschmetternden Gelautens
des Leben’s Fährte goldenem Wege.
Verschmähet die tiefragenden Gründe
der sanften ‚Streicher‘-Winde
still bewogten seligssprechenden Flautens.
Erfreut
sich jeglicher Dornensaat,
was reißend wunded,
wird ergötzlich befunded,
schwant seinem Herzen butterzart
und dünkt sich fest vertäut
im Hafen höchster Sinnesfreud‘.

So bricht sich selbst des Leben’s Woge Bahn :

Dem rauhen Geist sonnt Klingelglöckchen schlicht profan,
ihm wonnet mehr pompöses Glockengeläut.
Dem zarten Kind indes der seligen Musengötter,
entfliehet den Klängen lauttösendem Gewetter.

Es rühmet sich des Schöpfer’s Werke
in bunter, mannigfaltiger Gestalt
erlanget wahre Glanzesstärke
erst durch der Fülle wechselnder Gewalt.

Und so wie Flora tausendblütig farbenlichtern
die Waldbewohner brüderlich versühnt,
wird erst im trauten Bunde aller Stände,
der Wohlgewandeten und Schlichter’n,
durch Segensgruß lorbeerumwund’ner Hände
der Menschen Freunschaftsband begrünt.

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