Sonnengesang

1.
Schwester Sonne wärme mich
an kalten Wintertagen.
Schick dein helles Sonnenlicht,
lass mich nicht verzagen.

2.
Bruder Mond wach über mich,
nimm von mir die Sorgen,
bis ein neuer Tag anbricht –
ein neuer Frühlingsmorgen.

3.
Schwester Wasser stärke mich,
schenk mir neues Leben.
Spende, Trost und Zuversicht,
lass mich nicht aufgeben.

4.
Bruder Wind berühre mich,
wenn Wut und Zorn mich lähmen.
Wehe über mein Gesicht,
trockne alle Tränen.

5.
Bruder Tod erinnre mich
an das schöne Leben.
Lass mich jeden Augenblick,
als ein Geschenk erleben.

6.
Guter Gott, ich lobe dich
und alle deine Werke.
Sonnen-, Mond- und Sternenlicht
bezeugen deine Stärke.

 

Textdichter Franz von Assisi
Umsetzung Kurt Mikula
Bereitstellung kurtmikula

Der Gott der Stadt

Auf einem Häuserblocke sitzt er breit.
Die Winde lagern schwarz um seine Stirn.
Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit
Die letzten Häuser in das Land verirrn.

Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal,
Die großen Städte knieen um ihn her.
Der Kirchenglocken ungeheure Zahl
Wogt auf zu ihm aus schwarzer Türme Meer.

Wie Korybanten-Tanz dröhnt die Musik
Der Millionen durch die Straßen laut.
Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik
Ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blaut.

Das Wetter schwält in seinen Augenbrauen.
Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt.
Die Stürme flattern, die wie Geier schauen
Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.

Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust.
Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt
Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust
Und frisst sie auf, bis spät der Morgen tagt.

 

Textdichter Georg Heym
Lesung Samuel Weiss
Bereitstellung wortlover

Johann Christian Günther (6)

Lutz Görner lädt uns zu einer literarischen Reise ein


 
Tausend Dank an Lutz Görner für die Einstellung auf YouTube!
Eventuelle Kommentare zum Video-Clip bitte direkt auf YouTube!


 


 
Rezitierte Gedichte

 
An meinen Vater (1:59)
Johann Christian Günther (1625 – 1723)

Sag wie lange soll ich noch, dich,
Mein Vater, selbst zu sprechen,
Mit vergeblichem Bemühen
Hoffnung, Glück und Kräfte schwächen?

Macht mein Schmerz dein Blut nicht rege,
O so rühre dich dies Blatt,
Das nunmehr die letzte Stärke
Kindlicher Empfindung hat.

Fünfmal hab ich schon versucht,
Nur dein Antlitz zu gewinnen,
Fünfmal hast du mich verschmäht,
O was sind denn dies für Sinnen!

Hab ich dich nicht überall
Treu gerühmt und froh gepriesen?
Hat sich ein verstockter Sinn
Gegen deine Zucht gewiesen?

Hab ich nicht mit Lust studieret,
Um dich Vater zu erfreun,
Und mit wohlgeratnen Früchten
Deines Kummers Trost zu sein?

Lass doch nun nicht durch die Neider
Dich in mir so arg verlachen,
Lass dir doch nicht deine Mühe
Durch ihr Maul zuschanden machen!

Trau doch deinem Fleisch und Blute,
Gönne mir Geduld und Ohr.
Wäre ich mit Recht verklaget,
Warum lässt du mich nicht vor?

Was ich dann und wann getan,
Ist die Hitze junger Jahre.
Denn wo wird wohl einer alt,
Der nicht Gleiches auch erfahre?

O warum bestraft man denn
Meine Menschlichkeit so scharf?
Welcher Richter ist so grausam,
Dass man gar nicht bitten darf?

Und was sind es denn nun auch
Für so grob und schwere Sünden,
Die so mühsam und so spät
Ablass und Errettung finden?

Sag, was sind Sie? Meistens Lügen,
Junge Torheit, viel Verdacht
Und mit einem Worte Mücken,
Die man zu Kamelen macht.

Scheint dir auch die Art und Weise
Meines Lebens wunderlich,
Ach, dem ist bald abgeholfen.
Und womit? Versöhne dich!

Strafe nehm ich willig an,
Nur bestrafe mich bescheiden
Ohne Aufsehn und gerecht.
Denn dies Volk kann ich nicht leiden,

Das uns fast auf all und jedes
Eine Sittenpredigt hält
Und alsdann am ärgsten denket,
Wenn es sich am frömmsten stellt.

Jene sind es, die da gleich
Donner, Blitz und Höll erwecken,
Die da ein verirrtes Schaf
Mit der gröbsten Keule schrecken,

Jene sind es, die sich selbst
Für gerecht und heilig halten,
Mit Verachtung auf uns sehn,
Die befleckten Hände falten.

Kommt es zu der Nächstenliebe,
Zum Vergessen, zum Verzeihn,
Ja, dann wird von solchen Christen
Niemand wohl zu Hause sein.

Strafe sollte uns doch nie
Nur als Zornlust oder Hass erscheinen
Und die Rute, die da schlägt,
Muss der Kinder Bestes meinen.

Wo hingegen Straf und Schärfe
Das Vergehen übersteigt,
Wird das edelste Gemüt
Mehr gebrochen als gebeugt.

Wilder Frevel ist es wert,
Dass ihn Draht und Geißel schwäche,
Und die Bosheit braucht Gewalt,
Dass man ihr den Starrkopf breche.

Aber Irrtum, Fall und Schwachheit,
Fällt ein Mensch auch noch so oft,
Fordert billig nichts als Liebe,
Die allzeit das Beste hofft.

Such ich mich auch noch so wohl
Unter Leuten aufzuführen,
Muss ich dennoch überall
Freund und Ansehen bald verlieren,

Wenn man hört, dass selbst der Vater,
Den ein guter Leumund schmückt,
Mich, sein Kind, nicht hören will.
Das ists, Vater, was mich drückt.

Dadurch fällt mein zeitlich Wohl
Und das Heil des ganzen Lebens.
Alles was ich denk und tu,
Wird durch deinen Zorn vergebens.

Sage mir, wer soll mir denn
Auf der Welt noch weiter traun?
Bin ich meiner Eltern Gräuel,
Muss auch Fremden vor mir graun.

Vater, blicke doch zurücke
Und erinnre dich der Zeit,
Da ich als ein Kind voll Hoffnung
Dein und vieler Aug erfreut.

Mein Gehorsam, wie du weißt,
Hat dir zwanzig Jahr gefallen;
Was ich dann und wann verbrach,
Das geschieht doch beinah allen.

Ach, ihr Väter, du im Himmel
Und auch du auf dieser Welt,
Seid mir gnädig, dass mein Leben
Noch ein wenig Kraft behält!

Jetzo bet ich Tag und Nacht
Bei so überhäufter Plage:
Nimm mich doch, mein Gott,
Nicht weg in der Hälfte meiner Tage!

Führe mich durchs Kreuz zur Weisheit,
Gib mir aber auch dabei,
Dass ich klug, getreu, geduldig
Und der Welt noch nützlich sei.

Vater, denkt denn deine Liebe
Gar an keine Wiederkehr?
Ach, ich bitte deinetwegen,
Mach uns nicht das Sterben schwer!

Lass den demutsvollen Kuss
Die Versöhnung wiederbringen;
Denn danach, ich weiß gewiss,
Wird mir alles wohl gelingen.

Ich verspreche dir die Freude,
Die der Eltern Kreuz versüßt,
Wenn das Wachstum guter Kinder
Ihres Nachruhms Spiegel ist.

Es war niemals meine Art,
Große Dinge zu begehren
Noch des lieben Gottes Ohr
Mit viel Wünschen zu beschweren.

Denn er weiß, was ich in meiner
Not, von dir, mein Vater, will:
Gibt er mir dein Herz bald wieder,
Schweig ich gern zu allem still.