Lyrik ~ Klinge
    Versuch einer Dichtung            

8 
 Januar 
 
2019


 

DICHTUNG Johann Wolfgang von Goethe
LESUNG Will Quadflieg
BEREITSTELLUNG wortlover



Des Maurers Wandeln,
Es gleicht dem Leben,
Und sein Bestreben,
Es gleicht dem Handeln
Der Menschen auf Erden.

Die Zukunft decket
Schmerzen und Glücke
Schrittweis dem Blicke;
Doch ungeschrecket
Dringen wir vorwärts

Und schwer und ferne
Hängt eine Hülle,
Mit Ehrfurcht, stille
Ruhn oben die Sterne
Und unten die Gräber.

Betracht‘ sie genauer
Und siehe, so melden
Im Busen der Helden
Sich wandelnde Schauer
Und ernste Gefühle.

Doch rufen von drüben
Die Stimmen der Geister,
Die Stimmen der Meister:
Versäumt nicht zu üben,
Die Kräfte des Guten!

Hier winden sich Kronen
In ewiger Stille,
Die sollen mit Fülle
Die Tätigen lohnen!
Wir heißen euch hoffen.

 
 
29 
 Juni 
 
2018


 

DICHTUNG Rainer Maria Rilke
LESUNG Gudrun Landgrebe
BEREITSTELLUNG wortlover



Ich bin derselbe noch, der kniete
vor dir in mönchischem Gewand:
der tiefe, dienende Levite,
den du erfüllt, der dich erfand.
Die Stimme einer stillen Zelle,
an der die Welt vorüberweht, –
und du bist immer noch die Welle
die über alle Dinge geht.

Es ist nichts andres. Nur ein Meer,
aus dem die Länder manchmal steigen.
Es ist nichts andres denn ein Schweigen
von schönen Engeln und von Geigen,
und der Verschwiegene ist der,
zu dem sich alle Dinge neigen,
von seiner Stärke Strahlen schwer.

Bist du denn Alles, – ich der Eine,
der sich ergiebt und sich empört?
Bin ich denn nicht das Allgemeine,
bin ich nicht Alles, wenn ich weine,
und du der Eine, der es hört?

Hörst du denn etwas neben mir?
Sind da noch Stimmen außer meiner?
Ist da ein Sturm? Auch ich bin einer,
und meine Wälder winken dir.

Ist da ein Lied, ein krankes, kleines,
das dich am Micherhören stört, –
auch ich bin eines, höre meines,
das einsam ist und unerhört.

Ich bin derselbe noch, der bange
dich manchmal fragte, wer du seist.
Nach jedem Sonnenuntergange
bin ich verwundet und verwaist,
ein blasser Allem Abgelöster
und ein Verschmähter jeder Schar,
und alle Dinge stehn wie Klöster,
in denen ich gefangen war.
Dann brauch ich dich, du Eingeweihter,
du sanfter Nachbar jeder Not,
du meines Leidens leiser Zweiter,
du Gott, dann brauch ich dich wie Brot.
Du weißt vielleicht nicht, wie die Nächte
für Menschen, die nicht schlafen, sind:
da sind sie alle Ungerechte,
der Greis, die Jungfrau und das Kind.
Sie fahren auf wie totgesagt,
von schwarzen Dingen nah umgeben,
und ihre weißen Hände beben,
verwoben in ein wildes Leben
wie Hunde in ein Bild der Jagd.
Vergangenes steht noch bevor,
und in der Zukunft liegen Leichen,
ein Mann im Mantel pocht am Tor,
und mit dem Auge und dem Ohr
ist noch kein erstes Morgenzeichen,
kein Hahnruf ist noch zu erreichen.
Die Nacht ist wie ein großes Haus.
Und mit der Angst der wunden Hände
reißen sie Türen in die Wände, –
dann kommen Gänge ohne Ende,
und nirgends ist ein Tor hinaus.

Und so, mein Gott, ist jede Nacht;
immer sind welche aufgewacht,
die gehn und gehn und dich nicht finden.
Hörst du sie mit dem Schritt von Blinden
das Dunkel treten?
Auf Treppen, die sich niederwinden,
hörst du sie beten?
Hörst du sie fallen auf den schwarzen Steinen?
Du musst sie weinen hören; denn sie weinen.

Ich suche dich, weil sie vorübergehn
an meiner Tür. Ich kann sie beinah sehn.
Wen soll ich rufen, wenn nicht den,
der dunkel ist und nächtiger als Nacht.
Den Einzigen, der ohne Lampe wacht
und doch nicht bangt; den Tiefen, den das Licht
noch nicht verwöhnt hat und von dem ich weiß,
weil er mit Bäumen aus der Erde bricht
und weil er leis
als Duft in mein gesenktes Angesicht
aus Erde steigt.

 
 
10 
 Mai 
 
2018

abgelegt in
Chanson | Musik

 

Ich schaute heute in geraffter Form eine Dokumentation über Romy Schneider.

Eine starke Frau mit einer traurigen, wechselhaften Lebensgeschichte, nicht zuletzt auch der tragische Verlust ihres jungen Sohnes, die Flucht in Alkohol und in den Medikamentenmissbrauch.
Ständig war sie auf der Suche nach einem Heimathafen ihres Herzens, um anzulegen.

Irgendwie ist alles so traurig…


[ Bemerkung zum Text ] [1] Ich distanziere mich explit zu Bezügen aus meinem privaten Umfeld,
die rein zufällig wären.
Die Übersetzung entstammt lyrictranslate.


* * *

La chanson d’Hélène
Helenes Lied


Ce soir nous sommes septembre et j’ai fermé ma chambre.
Heute Abend haben wir September und ich habe mein Zimmer verschlossen.

Le soleil n’y entrera plus
Die Sonne wird nicht mehr hereinscheinen.

Tu ne m’aimes plus.
Du liebst mich nicht mehr.

Là-haut un oiseau passe comme une dédicace dans le ciel.
Da oben fliegt ein Vogel vorbei, wie eine Widmung am Himmel.

Parlé:
Je t’aimais tant Hélène.
Ich liebte Dich so sehr, Helene.

Il faut se quitter.
Man muss sich verlassen.

Les avions partiront sans nous.
Die Flugzeuge werden ohne uns abfliegen.

Je ne sais plus t’aimer Hélène.
Ich kann Dich nicht mehr lieben, Helene.

Avant dans la maison j’aimais quand nous vivions comme un dessin d’enfant.
Früher liebte ich es, wenn wir im Haus wie in einer Kinderzeichnung lebten.

Tu ne m’aimes plus
Du liebst mich nicht mehr.

Je regarde le soir tomber dans les miroirs.
Ich schaue zu, wie der Abend in den Spiegeln anbricht.

C’est la vie.
So ist das Leben.

Parlé:
C’est mieux ainsi Hélène.
Es ist besser so, Helene.

C’était l’amour sans amitié Il va falloir changer de mémoire.
Wir liebten uns ohne Freundschaft, man muss die Erinnerung ändern.

Je ne t’écrirai plus Hélène.
Ich werde Dir nicht mehr schreiben, Helene.

L’histoire n’est plus à suivre et j’ai fermé le livre.
Diese Geschichte hat keine Zukunft mehr und ich werde das Kapitel abschließen.

Le soleil n’y entrera plus.
Die Sonne wird nicht mehr hereinscheinen.

Tu ne m’aimes plus.
Du liebst mich nicht mehr.

Fußnoten   [ + ]