Des Menschen Seele gleicht dem Wasser: Vom Himmel kommt es, zum Himmel steigt es, und wieder nieder zur Erde muß es, ewig wechselnd.
Strömt von der hohen, steilen Felswand der reine Strahl, dann stäubt er lieblich in Wolkenwellen zum glatten Fels, und leicht empfangen, wallt er verschleiernd, leisrauschend zur Tiefe nieder.
Ragen Klippen dem Sturz entgegen, schäumt er unmutig stufenweise zum Abgrund.
Im flachen Bette schleicht er das Wiesental hin, und in dem glatten See weiden ihr Antlitz alle Gestirne.
Wind ist der Welle lieblicher Buhler; Wind mischt vom Grund aus schäumende Wogen.
Seele des Menschen, wie gleichst du dem Wasser! Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind!
Hoffnung und Liebe! Alles zertrümmert! Und ich selber, gleich einer Leiche, Die grollend ausgeworfen das Meer, Lieg ich am Strande, Am öden, kahlen Strande, Vor mir woget die Wasserwüste, Hinter mir liegt nur Kummer und Elend, Und über mich hin ziehen die Wolken, Die formlos grauen Töchter der Luft, Die aus dem Meer, in Nebeleimern, Das Wasser schöpfen, Und es mühsam schleppen und schleppen, Und es wieder verschütten ins Meer, Ein trübes, langweilges Geschäft, Und nutzlos, wie mein eignes Leben. Die Wogen murmeln, die Möwen schrillen, Alte Erinnerungen wehen mich an, Vergessene Träume, erloschene Bilder, Qualvoll süße, tauchen hervor!
Es lebt ein Weib im Norden, Ein schönes Weib, königlich schön. Die schlanke Zypressengestalt Umschließt ein lüstern weißes Gewand; Die dunkle Lockenfülle, Wie eine selige Nacht, Von dem flechtengekrönten Haupte sich ergießend, Ringelt sich träumerisch süß Um das süße, blasse Antlitz; Und aus dem süßen, blassen Antlitz, Groß und gewaltig, strahlt ein Auge, Wie eine schwarze Sonne.
O, du schwarze Sonne, wie oft, Entzückend oft, trank ich aus dir die wilden Begeistrungsflammen, Und stand und taumelte, feuerberauscht - Dann schwebte ein taubenmildes Lächeln Um die hochgeschürzten, stolzen Lippen, Und die hochgeschürzten, stolzen Lippen Hauchten Worte, süß wie Mondlicht, Und zart wie der Duft der Rose - Und meine Seele erhob sich Und flog, wie ein Aar, hinauf in den Himmel!
Schweigt, ihr Wogen und Möwen! Vorüber ist Alles, Glück und Hoffnung, Hoffnung und Liebe! Ich liege am Boden, Ein öder, schiffbrüchiger Mann, Und drücke mein glühendes Antlitz In den feuchten Sand.
O, schaurig ists übers Moor zu gehn, Wenn es wimmelt vom Heiderauche. Sich wie Phantome die Dünste drehn, Und die Ranke häkelt am Strauche. Unter jedem Tritte ein Quellchen springt, Wenn aus der Spalte es zischt und singt. O, schaurig ists übers Moor zu gehn, Wenn das Röhricht knistert im Hauche!
Fest hält die Fibel das zitternde Kind Und rennt, als ob man es jage. Hohl über die Fläche sauset der Wind – Was raschelt drüben am Haage? Das ist der gespenstische Gräberknecht, Der dem Meister die besten Torfe verzecht. Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind! Hinducket das Knäblein zage.
Vom Ufer starret Gestumpf hervor. Unheimlich nicket die Föhre. Der Knabe rennt, gespannt das Ohr, Durch Riesenhalme wie Speere. Und wie es rieselt und knittert darin! Das ist die unselge Spinnerin. Das ist die gebannte Spinnlenor, Die den Haspel dreht im Geröhre!
Voran, voran, nur immer im Lauf. Voran als woll sie ihn holen! Vor seinem Fuße brodelt es auf. Es pfeift ihm unter den Sohlen Wie eine gespenstige Melodei! Das ist der Geigemann ungetreu. Das ist der diebische Fiedler Knauf, Der den Hochzeitheller gestohlen!
Da birst das Moor. Ein Seufzer geht Hervor aus der klaffenden Höhle. Weh, weh, da ruft die verdammte Margret: »Ho, ho, meine arme Seele!« Der Knabe springt wie ein wundes Reh Wärn nicht Schutzengel in seiner Näh, Seine bleichenden Knöchelchen fände spät Ein Gräber im Moorgeschwehle.
Da mählich gründet der Boden sich. Und drüben, neben der Weide, Die Lampe flimmert so heimatlich. Der Knabe steht an der Scheide. Tief atmet er auf. Zum Moor zurück Noch immer wirft er den scheuen Blick: »Ja, im Geröhre wars fürchterlich. O, schaurig wars in der Heide!«
Als jüngst die Nacht dem sonnenmüden Land Der Dämmerung leise Boten hat gesandt, Da lag ich einsam noch in Waldes Moose. Die dunklen Zweige nickten so vertraut. An meiner Wange flüsterte das Kraut. Unsichtbar duftete die Heiderose.
Und flimmern sah ich durch der Linde Raum Ein mattes Licht, das im Gezweig der Baum Gleich einem mächtgen Glühwurm schien zu tragen. Es sah so dämmernd wie ein Traumgesicht Doch wusste ich, es war der Heimat Licht, In meiner eignen Kammer angeschlagen.
Ringsum so still, dass ich vernahm im Laub Der Raupe Nagen. Und wie grüner Staub Mich leise wirbelnd Blätterflöckchen trafen. Ich lag und dachte, ach so manchem, nach. Ich hörte meines eignen Herzens Schlag. Fast war es mir, als sei ich schon entschlafen.
Gedanken tauchten aus Gedanken auf: Das Kinderspiel, der frischen Jahre Lauf, Gesichter, die mir lang nicht mehr bekannt. Vergessne Töne summten um mein Ohr. Und endlich trat die Gegenwart hervor. Da ruht die Welle, wie an Ufers Rand.
Dann, gleich der Quelle, die verrinnt im Schlund Und drüben wieder sprudelt aus dem Grund, So stand ich plötzlich in der Zukunft Lande. Ich sah mich selber, ganz gebückt und klein, Geschwächten Auges, am ererbten Schrein Sorgfältig ordnen staubge Liebespfande.
Die Bilder meiner Lieben sah ich klar, In einer Tracht, die jetzt veraltet war. Mich, sorgsam lösen aus verblichnen Hüllen. Löckchen, vermorscht, zu Staub zerfallen schier. Sah über die gefurchte Wange mir, Langsam herab die karge Träne quillen.
Und endlich an des Friedhofs Monument, Dran Namen standen, die mein Lieben kennt, Da lag ich betend, mit gebrochnen Knien. Und – horch, die Wachtel schlug! Kühl strich der Hauch – Und noch zuletzt sah ich, gleich einem Rauch, Mich leise in der Erde Poren ziehen.
Ich fuhr empor und schüttelte mich dann, Wie eine, die dem Scheintod kaum entrann Und taumelte entlang die dunklen Haage. Nun zweifelnd, ob der Stern am Rain Sei wirklich meiner Schlummerlampe Schein, Oder das ewge Licht am Sarkophage.
Ich steh’ auf hohem Balkone am Turm, Umstrichen vom schreienden Stare, Und lass’ gleich einer Mänade den Sturm Mir wühlen im flatternden Haare; O wilder Geselle, o toller Fant, Ich möchte dich kräftig umschlingen, Und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand Auf Tod und Leben dann ringen!
Und drunten seh’ ich am Strand, so frisch Wie spielende Doggen, die Wellen Sich tummeln rings mit Geklaff und Gezisch, Und glänzende Flocken schnellen. O, springen möcht’ ich hinein alsbald, Recht in die tobende Meute, Und jagen durch den korallenen Wald Das Walroß, die lustige Beute!
Und drüben seh ich ein Wimpel wehn So keck wie eine Standarte, Seh auf und nieder den Kiel sich drehn Von meiner luftigen Warte; O, sitzen möcht’ ich im kämpfenden Schiff, Das Steuerruder ergreifen, Und zischend über das brandende Riff Wie eine Seemöve streifen.
Wär’ ich ein Jäger auf freier Flur, Ein Stück nur von einem Soldaten, Wär’ ich ein Mann doch mindestens nur, So würde der Himmel mir raten; Nun muß ich sitzen so fein und klar, Gleich einem artigen Kinde, Und darf nur heimlich lösen mein Haar, Und lassen es flattern im Winde!