Lyrik ~ Klinge
Versuch einer Dichtung          

12 
 Oktober 
 
2012


 

Umsonst malst du Herzen ans Fenster:
der Herzog der Stille
wirbt unten im Schloßhof Soldaten.
Sein Banner hißt er im Baum – ein Blatt, das ihm blaut, wenn es herbstet;
die Halme der Schwermut verteilt er im Heer und die Blumen der Zeit;
mit Vögeln im Haar geht er hin zu versenken die Schwerter.

Umsonst malst du Herzen ans Fenster: ein Gott ist unter den Scharen,
gehüllt in den Mantel, der einst von den Schultern dir sank auf der Treppe, zur Nachtzeit,
einst, als in Flammen das Schloß stand, als du sprachst wie die Menschen: Geliebte…
Er kennt nicht den Mantel und rief nicht den Stern an und folgt jenem Blatt, das vorausschwebt.
‘O Halm’, vermeint er zu hören, ‘o Blume der Zeit’.

 

Textdichter Paul Celan
Rezitation Berthold Damshäuser
Bereitstellung Anglila

 
 
12 
 Oktober 
 


 

Boshaft wie goldene Rede beginnt diese Nacht.

Wir essen die Äpfel der Stummen.

Wir tuen ein Werk, das man gern seinem Stern überläßt;

wir stehen im Herbst unsrer Linden als sinnendes Fahnenrot,

als brennende Gäste vom Süden.

Wir schwören bei Christus dem Neuen, den Staub zu vermählen dem Staube,

die Vögel dem wandernden Schuh,

unser Herz einer Stiege im Wasser.

Wir schwören der Welt die heiligen Schwüre des Sandes,

wir schwören sie gern,
wir schwören sie laut von den Dächern des traumlosen Schlafes

und schwenken das Weißhaar der Zeit…

Sie rufen: Ihr lästert!

Wir wissen es längst.

Wir wissen es längst, doch was tuts?

Ihr mahlt in den Mühlen des Todes das weiße Mehl der Verheißung,

ihr setzet es vor unsern Brüdern und Schwestern –

Wir schwenken das Weißhaar der Zeit.

Ihr mahnt uns: Ihr lästert!

Wir wissen es wohl,

es komme die Schuld über uns.

Es komme die Schuld über unser aller warnenden Zeichen,

es komme das gurgelnde Meer,

der geharnischte Windstoß der Umkehr,

der mitternächtige Tag,

es komme, was niemals noch war!

Es komme ein Mensch aus dem Grabe.

 

Textdichter Paul Celan
Rezitation Berthold Damshäuser
Bereitstellung Anglila

 
 
12 
 Oktober 
 


 

Wieder wellt sich dein Haar, wenn ich wein. Mit dem
Blau deiner Augen
deckst du den Tisch unsrer Liebe: ein Bett zwischen
Sommer und Herbst.
Wir trinken, was einer gebraut, der nicht ich war,
noch du, noch ein dritter:
wir schlürfen ein Leeres und Letztes.

Wir sehen uns zu in den Spiegeln der Tiefsee und
reichen uns rascher die Speisen:
die Nacht ist die Nacht, sie beginnt mit dem Morgen,
sie legt mich zu dir.

 

Textdichter Paul Celan
Rezitation Berthold Damshäuser
Bereitstellung Anglila