Lyrik ~ Klinge
    Versuch einer Dichtung            

22 
 September 
 
2012


 

Einmal war ich ein Baum und gebunden,
dann entschlüpft ich als Vogel und war frei,
in einen Graben gefesselt gefunden,
entließ mich berstend ein schmutziges Ei.

Wie halt ich mich? Ich habe vergessen,
woher ich komme und wohin ich geh,
ich bin von vielen Leibern besessen,
ein harter Dorn und ein flüchtendes Reh.

Freund bin ich heute den Ahornzweigen,
morgen vergehe ich mich an dem Stamm . . .
Wann begann die Schuld ihren Reigen,
mit dem ich von Samen zu Samen schwamm?

Aber in mir singt noch ein Beginnen
– oder ein Enden — und wehrt meiner Flucht,
ich will dem Pfeil dieser Schuld entrinnen,
der mich in Sandkorn und Wildente sucht.

Vielleicht kann ich mich einmal erkennen,
eine Taube einen rollenden Stein . . .
Ein Wort nur fehlt! Wie soll ich mich nennen,
ohne in anderer Sprache zu sein.

 

Textdichterin Ingeborg Bachmann
Rezitation Ingeborg Bachmann
Bereitstellung wortlover

 
 
25 
 August 
 
2012


 

Ich kann Dich noch sehn: ein Echo,
ertastbar mit Fühl­
wörtern, am Abschieds­
grat,

Dein Gesicht scheut leise,
wenn es auf einmal
lampenhaft hell wird
in mir, an der Stelle,
wo man am schmerzlichsten Nie sagt.

 
 
24 
 August 
 
2012


 

Abgewandt
warte ich auf dich
weit fort von den Lebenden weilst du
oder nahe.

Abgewandt
warte ich auf dich
denn nicht dürfen Freigelassene
mit Schlingen der Sehnsucht
eingefangen werden
noch gekrönt
mit der Krone aus Planetenstaub —

die Liebe ist eine Sandpflanze
die im Feuer dient
und nicht verzehrt wird —

Abgewandt
wartet sie auf dich —

 

Dichterin Nelly Sachs
Rezitation Imogen Kogge
Bereitstellung wortlover