| 9 April 2012 | |
Die rückfällige Weltgeschichte als Wiederholungstäterin
Unter den Menschen herrschte seit jeher Narrenfreiheit.
Jegliche Missetat, jegliche Schandtat
wurde freimütig begangen
und bedurfte nur der Legitimation, des Freispruchs,
sei’s gesetzlich gewirkt oder göttlich geduldet,
auf Berufung des Rechts oder des Namen Gottes.
Das römische Weltreich
Pax Romana, der „römische Friede“ und Losung der wahren
sittlichen Ordnung, verhieß den Bürgern den Wohlstand, dem Handel
Blüte und Wahrung der Grenzen vor drohendem Einfall german’scher
Stämme am rheinischen Ufer. Jedweder gärende Aufruhr
im befriedeten Reiche ward niedergestreckt mit des Schwertes
Schärfe, ward niedergebrannt wie trotziges Dornengestrüpp… Die
Sittengesetze, in marmorne Quader gemeißelt, erhofften
Heilung des Volkes nach tiefer Spaltung durch Bürgerkrieg. Denn die
röm’sche Kultur sollte einen das Land nach innerer Unruh’:
Damals tat kühn sich hervor des Mächtigen Pranke mit wucht’gem
Hieb, des Weltlaufs günstige Stunde für sich zu entscheiden,
Ordnung zu schaffen im römischen Reich – und die Bürger zum Glück zu
führen, heiligt der höhere Zweck selbst die grausamsten Mittel.
»Heil Dir, Augustus, Bezwinger des Zwiespalts, des einenden Friedens
göttlich’ Gesandter, du nährest an deiner Brust uns gesünder!«
Die Heilige Inquisition
Einst sprach auch Jesus, der Menschheit Erlöser: »Ich bin der Weinstock,
ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt, vollbringet die Frucht des
Heiligen Geistes: Begegnet dem Nächsten mit selbstloser Liebe,
Sanftmut umlagert befriedet sein Herz und der Männerherz Trieb, der
treu seinem Weib sich verschrieb, wird nimmer der Ehe Gelöbnis
lösen.« Wohl dir, geläuterte Seele, du wandelst auf eb’nem
Heilsweg der himmlischen Heimat entgegen, folgest getreu der
goldenen Spur deiner Bestimmung und ehrst das Gebot des göttlich’ Erhab’nen.
So verlautete man des Allmächtigen höheren Willen.
So verlautet ward das Edikt der katholischen Kirche:
»Jene Eintracht im Geiste des neuen Gottesvolks, jene
Reinheit des Leibs uns’res Herrn und gnädigen Heilandes Jesum
soll nicht geschändet, darf nicht durch Sündengeschwüre verderbt sein
wie durch Hexengebaren in unserer Mitte sich zeiget.
Stoßt drum des Teufels Frucht aus der Gläubigen heiligem Bund, ent-
reisst sie dem Weinstock der frommen Gemeinde und lasst sie verdorren.
Sammelt den Unrat, bereitet das Feuer und loh soll es flammen!«
»Heil deiner Schrift, Augustinus, dein Ohr, es hing an der Lippe
Gottes und schriebest danieder, was göttlicher Mund offenbarte.«
Der Nationalsozialismus
Heiss wallte arisches Blut durch die aderngeschwellten Schläfen
Hitlers, des großen Verführers und teuflichen Volksdemagogen.
Uniformiert, das Haar schlicht gescheitelt, noch schlichter der Bart, er-
hob sich die Stimme vom Heros durchdrung’n, zum Messias erkor’n, das
Heil zu verkünden versklavtem Volk durch die Ketten Versailles. Und
Redegewalt braust mit dumpfen Parolen ans Vaterlands Herz, sie
rührt an der Seele der deutschen Nation mit mahnendem Weckruf.
Lautes Organ wurd’ Orkan: Die Massen, vom Pathos bestürmt, sie
branden frenetischen Aufschrei entgegen, aus einmüt’ger Brust.
So lieh man Gehör eines Schelm theatralischer Machart
feingesponnener Lüge im Bannkreis satanischen Zirkels.
Schon war geebnet der Weg zu dem Herzen des deutschfühl’nden Mannes,
Schon umwand Schlangengezücht sein ergebenes Opfer.
»Volksgenossen, hat die Natur uns nicht denn gelehret,
dass das Starke über dem Schwächlichen stets triumphierte,
dass durch natürliche Auslese erst sich das Wahre durchsetzte?«
So einst verlautete Darwin der Natur allwaltend’ Gesetze.
So berief sich auch Hitler nun, gottgleich, auf ewige Ordnung.
»…deshalb der Arier, aller Kultur Schöpfer, auch zum
Herrschen bestimmt sei! Wohlan, Deutschland, ergreife das Zepter der Fügung!«
Und der alte Germane erhob aus der Völkerschar sich, zog
aus den Lebensraum schaffend dem Adelsgeschlecht reinster Rasse,
brandschatzte friedlich ruhende Städte und Dörfer fortan … Der-
weil fielen Abermillionen anheim der Rassenhygiene,
durch Erlasse gewirkt, dem Raffzahn der ethischen Säub’rung.
Nimmersatt zog der Schakal nun umher und riss in dem Blutrausch
ohne Ablass gewitterte Beute – doch : »Heil, unser’m Führer,
Sein Reich, es komme, wie in Deutschland, als auch in Europa!«
Die Wohlstandsgesellschaft
Deutschland, so liegst du in Trümmern danieder, gebrandmarkt vom Krieg und
doch befreit von dem knechtischen Joch eines geistig Verwirrten.
Hohler Worte gedroschener Phrasen verstummten, der ewig
rauschende Strom vermeintlicher Wahrheit versiegte, doch siehe,
Neues brach auf, aus verschüttetem Quell längst entdämmerter Hoffnung
schönerer Tage. Denn urmächt’ger Wille des Schaffens, tätiger Fleiß un-
zähliger Frau’n, die die Trümmer, den Schutt beiseite gewuchtet.
Ehre den Frauen und Lob ihrer Hände alldienlichem Werke,
die mit Hingabe erst den Neuaufbau hatten ermöglicht.
Schon stemmt mit wiedererlangter, vereinter Kraft sich der Städte
stolz erhebender Bau in das gläserne Reich der erhab’nen
Lüfte, schon schwemmt als Segenswoge in die Geschäfte allerlei Freude:
Wiedergekehrter Alltag pulsiert, der Handel floriert und
heller ertönen wieder Gesänge des Frohsinns im Busen.
Endlich fühlt er sich angekommen, der Mensch, an dem Quell der
irdischen Wonne, des Wohlstands empfangener Segnung und gedenkt der
Wirtschaft erblühendes Wunder wie zu den Tagen des Mose,
der ein Volk unter Gottes Geleit ins verheißene Land zu
Kanaan führte. So wähnt sich der Deutsche aus selbiger Not, aus
Krieges Wirren befreit und entrückt in des Glücks Paradiese.
Denn der Mensch, er verehrt das Archaische, fühlt mit den Ahnen
grauer Vorzeit im Geist sich vereint und zwängt sich mit Wolllust
sel’gen Verlangens in das Korsett überlieferter Bräuche.
Und wie zur damaligen Zeit unter Mose, das Volk nach
Wüstendurchwand’rung, nach Jahren untröstlichen Irrens, der Entbehrung,
endlich das Ziel seiner schmachtenden Hoffnung glückselig erlangte und
Opfer dem Gotte durch heilige Priesterhand darbrachte: Schafe,
Ziegen und Rind, mit dem Hackbeil zerlegt, den Altar mit noch warmem
Blute besprengt, und feuerentfacht als lieblichen Wohlge-
ruch für den HERRN als aufsteigenden Lobpreis gen Himmel entstandte.
Ja, wie zur damaligen Zeit unter Mose, so bringt auch der Deutsche
Opfer modernem Götzen treu dar, dem wahrhaft’gen Gottvater
industrieller Länder, Schutzpatron und Regenten: dem WOHLSTAND!
Das Tranchiermesser zur Hand, im Priestergewande der frommen
Sitten in edler Gesinnung sich glaubend, das Haupt tief geneigt, zer-
teilt er den Festbraten. »Oh, welch‘ lieblich‘ Geruch nun entdampft dem
saftigen, mediumgebratenen Fleisch, dem das Blut noch in seichten
Tümpeln auf silberner Platte entströmt. So lässt sich
wahrlich die Gottheit laden zum herrlich bereiteten Mahle!«
Jenes wohlgefällige Brandopfer möcht‘ höhere Mächte entzücken,
und noch wohlduft’re Rede anbeten mit Lobpreis den Gott nun:
Ehrfurchtergeben die Hände gefaltet, vom heiligen Schauer
mächtig ergriffen, rührt nun in der Stille der Andacht die Lippe
sich und stammelt wie einst Pharisäer frommes Gebetswort:
»Dank sei dir, höhere Fügung, die mich hat ersonnen, dass ich nicht
darbe, nicht Not gar erleide wie jene Ärmsten der Armen.
Amen.«
| 8 April 2012 | |
Der Sessel
Dein Thron
Die Programmkanäle
Deine Ländereien
Die Fernbedienung
Dein Szepter
RE-GIER-E!
| 9 August 2009 | |

Etwas verspätet hier nun nachgereicht meine Texte zu dieser alljährlichen Veranstaltung (31.07.2009).
Wie immer war ich nervös angespannt und hatte alle Mühe diesen wenn auch auswendig gelernten und im Schlaf beherrschten Text innerhalb der 6-Minuten-Vorgabe in der Gemütlichkeit und Beschaulichkeit vorzutragen, die ihm gebührte.
Ja, ich bin der Meinung, dass man gewissen Dingen im Leben eine respektierliche Muse gewähren sollte, wie z.B. dem Abendessen, einem Heiratsantrag …
Für alle Interessierten und weniger Interessierten, die eher dem literalen als dem auditiven Zugang zugewandt sind, stehen meine Textbeiträge zum Download zur Verfügung.
Eine Heimtonaufnahme, die lediglich der Erprobung und nicht einer letztlichen künstlerischen Darstellung dienen sollte, darf hier gehört werden.
| 2 August 2008 | |

Vorgestern war ich auf meinem 2ten Poetry-Slam in Heidelberg, diesmal als Open-Air-Veranstaltung in der Villa Nachttanz.
Daniel Wagner (Sieger!) und Grohacke durften mit brillianten Texten natürlich wiederum nicht fehlen.
Im Prinzip gab aber jeder Teilnehmer sein Bestens und so war der Spaß garantiert.
| 20 Februar 2008 | |
Zu meiner allgemeinen Verwunderung verlangte meine Mutter heute Abend dürstend nach der Ballade „Ballonfahrer Jean und Flieger-Horst“, die ich ihr am Sonntag schon einmal auf YouTube gezeigt hatte.
Ulf sprach sich ja auch schon löblich zu diesem Schmankerl aus.
Dieser Text ist eine echte Perle und ein ruhender Pol in den oft zu hastig vorgelesenen Slamtexten.
Kein minderer als Karsten Hohage alias Grohacke war der Verfasser des Textes, den er auch mit deutsch-französisch wechselndem Akzent vortrug.
| 17 Februar 2008 | |
Resümee meines ersten Poetry Slams in Heidelberg (16.02.08)
Man sollte sich und seiner Art immer treu bleiben, in jeder Beziehung.
Wieso?
Weil man dann authentisch wirkt, weil man eine Rolle nicht nur spielt, sondern sie auch ist.
Weil man mit jeder Faser seines Daseins dahintersteht, mit jedem Zucken oder Nichtzucken eines Gesichtsmuskels für den Text bürgt.
Das war die Erfahrung, die ich gestern in leicht gedrückter Stimmung machen durfte.
Nun gut, es war mein erster Slam und ich betrachte ihn als „Freischuss“, als Feintuning künftiger Auftritte.
Meine Textwahl-Strategie (die ich 2 Tage zuvor noch änderte) war folgende: „Bloß keinen schwerverdaulichen, mit Metaphern überfrachteten Text wählen, der im griechisch-elegischen Versmaß daher kommt und unbekannte Pfade der griechischen Mythologie beschreitet. Kurzum: keinen Text, der das Publikum überfordern könnte.“
Ich wollte einen publikumskonformen Text, lockig, flockigen Text, der leicht von den Lippen, noch leichter ins Ohr geht.
Deshalb griff ich auf einen älteren Text (in Knittelversen, gut verständlich), der allerdings auch schon um gute 8 Jahre gealtert war.
Vielleicht war er auch zu abgegriffen, zu simple, zu plagiathaft.
Jeder durchlebt ja beim Schreiben gewisse „Reife-Etappen“ und mit dieser damaligen Stufe konnte ich mich ehrlich gesagt aus der Jetzt-Perspektive nicht mehr identifizieren.
Vielleicht habe ich ihn deshalb so geschnuddelt vorgelesen nebst der vielen Aufregung, trockenem Mund und den grellen Scheinwerfern, die ich im Vorfeld nicht einkalkuliert hatte.
Weiß der Geier…
Mein zweiter Text war vom November 2007 im Hexametermaß.
Gerade diesen etwas kleineren Text studierte ich zuhause im stillen Gemach auch gestikulierend und mit begleitender Stimmbetonung ein.
Doch zum Körpereinsatz kam es irgendwie nicht. Ich klebte förmlich am Mikrophon und es wäre wohl besser gewesen, wenn ich es abmontiert und in die Hand genommen hätte.
Ich fühlte mich unter Zeitdruck, obwohl die Moderation bei allen Slammern sehr toleranten Umgang mit dem Zeitlimit pflegte, was ich als sehr angenehm empfand.
Sehr sozial empfand ich auch das Publikum, keiner der Kandidaten wurde ausgebuht, jedem wurde applaudiert.
Die Veranstaltung war eh von einem gegenseitigen Respekt geprägt.
Sebastian 23 (Sieger!), nebst den vielen anderen, legte wieder einmal ein souveränes Auftreten an den Tag bzw. Abend.
Sebastian 23 ist Mitglied in der SMAAT, der ersten deutschsprachigen Poetry Slam-Boyband Deutschlands, der Schweiz und Österreichs.
Das Geheimnis seines Erfolgs liegt sicherlich nicht nur an seinen wortverspielten und kunstvoll vorgetragenen Texten.
NEIN, er spielt eben keine Rolle, er IST die Rolle und wirkt authentisch. That’s it!
Vielleicht sollte ich daran auch üben.
Nicht unbedingt, um an die hohe Qualität der anderen Texte und deren Performance heranzukommen.
Nein, zu hoch liegt die Latte und das ist auch nicht mein Bestreben.
Aber mich selbst zu sein, nicht mit Fackel, sondern Teelicht, nicht mit Megaphon, sondern Flüsterton.
Daran möchte ich arbeiten.
Vielleicht hätte ich dann auch den ursprünglich angestrebten Text
„Die Macht der Kategorie“ vortragen können.
Allerdings fehlt mir hier noch eine Menge Portion Stimmbegabung, Vortragskunst und Abgebrühtheit.
„Die Zeit wird’s lehren“ (Aus: „Der über uns“ von Lessing).




























