Lyrik ~ Klinge
    Versuch einer Dichtung            

2 
 Februar 
 
2008

abgelegt in
Gedankenschau

 

Dieses vermaledeite und in aller Munde bedeutungsverfremdete Wort „Lernen“ quillt mir mittlerweile aus den Ohren!
Gerade jetzt in der Hochphase der allzeit verhassten Klausuren.

… und wie im Meere Well’ auf Well’ so geht’s von Mund zu Munde schnell.

Friedrich Schiller

Aber mit Lernen hat diese Form vermeintlich fachlicher Horizonterweiterung wenig zu tun.
Lernen – im eigentlichem Sinne – ist der Aufbau relativ stabiler Verhaltensweisen, die langfristig die Kompetenz steigern.

“Schwimmen” kann man zum Beispiel lernen.
Ich war schon ewig nicht mehr im Schwimmbad, bin mir aber recht sicher, dass ich -auch nach längerem “Landaufenthalt”- noch locker eine 50m-Bahn abkraulen könnte. Ok, vielleicht nicht kraulen, aber zumindest im Brust-Schwimmstil.
Das Gleiche gilt übrigens auch für das Fahrrad fahren, für das Auto fahren (als Student kann ich mir kein Auto leisten), fürs Lesen, Schreiben, Rechnen (die Kulturtechniken also allgemein), für die Muttersprache und eben typische Verhaltensweisen, die meine Eigenart lebenslänglich auszeichnen.

Aber auf eine Klausur lernen? Geht das?
Vorgestern hörte ich im Hörsaal jemanden prahlen, dass er bei minimalem Arbeitsaufwand (ca. 3 Stunden) eine sehr gute Note eingeheimst hätte. Er war wohl ein Turbo-Lader.
Auch die befleißten Karteikasten-Fetischisten treten ihren Siegeszug an, die Omnipotenten.

Sollen sie sich doch alle Wissen anhäufen, sich die Materie einverleiben in geistigen Schlemmer(lern-)sitzungen ähnlich einer Fressorgie im alten Rom, um in der Klausur dann in Nachahmung jener Weltherrscher mit einer (Schreib-)Feder sich den Gaumen kitzeln und sich mental erbrechen, für die Klausur, für die Momentaufnahme studentischer Wissensbestände.

Doch Wissen ist nicht unbedingt BeWUSSTsein, mental kopiert nicht unbedingt kapiert.

Sollen sie sich damit rühmen, sich erhabener, besser fühlen als andere, die des Auswendiglernens nicht (mehr) mächtig sind.
Ihr Wissen ist enzyklopädiertes Seifenblasenwissen, zeitlich terminiert, dem Raffzahn kommender Wochen preisgegeben.

Mich verlangt es hingegen nach einer natürlichen Lernform, die alle Sinne mit einschließt.
Eine Lernform, die in manchen meiner Seminare favorisiert wird, allerdings für ein Klientel von Schülern mit einer geistigen Behinderung. Vielleicht liegt aber gerade darin der Schlüssel?
Hat nicht der große Lehrmeister Jesus schon gesagt: „ Wenn ihr nicht so werdet wie die Kinder … “

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1 Kommentar zu “Das Nonsense-Wort “Lernen””

  1. Mamü sagt:

    Seifenblasenwissen… ein schönes Wort. Und so treffend. Erinnert mich daran, dass ich früher in der Schule oftmals einfach nur für die Arbeiten „gelernt“ habe. Nicht aber dauerhaft. Seifenblasen halt. Sie halten eine Weile, dann platzen sie. Ich hätte mir manches Mal einen Lehrer gewünscht, der uns mit allen Sinnen lernen lässt. Wirklich lernen, so dass es auch dauerhaft gespeichert ist.
    Schöner Artikel und trifft den Kern.

    Lieben Gruß,
    Martina

    Liebe Martina,
    tausend Dank für deinen lieben Kommentar! Ich dachte, ich wäre mit dieser Ansicht alleine!
    Ja, auch ich erzielte damals von Klasse 5-10 (Realschule) sehr gute Ergebnisse mit dem Auswendiglernen und war -ohne Eigenlob- auch immer Klassenbester. Nicht weil ich besonders begabt war, sondern diszipliniert (Mädels interessierten mich damals nicht) und weil ich eben STUR auswendig lernte.
    Wenn der Lehrer zuweilen für die Korrektur einer Klassenarbeit länger brauchte, erkannte ich bei der Rückgabe nicht einmal meine eigenen Gedanken wieder, selbst wenn die “Note 1” ganz unten prangte.
    Mal schauen, vielleicht gibt es bessere Lernansätze…

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