Lyrik ~ Klinge
    Versuch einer Dichtung            

1 
 Dezember 
 
2020


 

DICHTUNG Johann Wolfgang von Goethe
LESUNG Benjamin Krämer-Jenster
BEREITSTELLUNG Benjamin Krämer-Jenster


 

Füllest wieder Busch und Tal
Still mit Nebelglanz,
Lösest endlich auch einmal
Meine Seele ganz;

Breitest über mein Gefild
Lindernd deinen Blick,
Wie des Freundes Auge mild
Über mein Geschick.

Jeden Nachklang fühlt mein Herz
Froh- und trüber Zeit,
Wandle zwischen Freud’ und Schmerz
In der Einsamkeit.

Fließe, fließe, lieber Fluß!
Nimmer werd’ ich froh;
So verrauschte Scherz und Kuß
Und die Treue so.

Ich besaß es doch einmal,
was so köstlich ist!
Daß man doch zu seiner Qual
Nimmer es vergißt!

Rausche, Fluß, das Tal entlang,
Ohne Rast und Ruh,
Rausche, flüstre meinem Sang
Melodien zu!

Wenn du in der Winternacht
Wütend überschwillst
Oder um die Frühlingspracht
Junger Knospen quillst.

Selig, wer sich vor der Welt
Ohne Haß verschließt,
Einen Freund am Busen hält
Und mit dem genießt,

Was, von Menschen nicht gewußt
Oder nicht bedacht,
Durch das Labyrinth der Brust
Wandelt in der Nacht.

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21 
 Mai 
 
2020

 
 
6 
 November 
 
2019

abgelegt in
Gedankenschau

 

Charlotte von Stein


Eine wahrlich traurige Biographie:

Charlotte Albertine Ernestine von Stein-Kochberg wird 1742 in Eisenach als älteste Tochter des Weimarer Hofmarschalls von Schardt geboren. Nach einer streng protestantischen Erziehung im elterlichen Haus wird sie 1758 Hofdame bei der Herzogin Anna Amalia in Weimar.

1764 heiratet sie den herzoglichen Stallmeister Josias von Stein. In ersten zehn Ehejahren bringt sie sieben Kinder zur Welt: die vier Mädchen sterben, nur die drei Söhne überleben. Ihre Gesundheit ist geschwächt und sie leidet unter Depressionen.

1775 kommt es in Weimar zur ersten Begegnung mit dem sieben Jahre jüngeren Goethe. Der rege geistige Austausch führt zwischen beiden zu einer tiefempfundenen Zuneigung und Liebe, die über zehn Jahre andauert und die weitere Entwicklung Goethes entscheidend prägt. In Gedichten, in der «Iphigenie», im «Tasso» feiert er Charlotte als seine Erzieherin: «Vollende dein Werk und mache mich recht gut».

1786, als Goethe fluchtartig und ohne ihr Wissen nach Italien abreist, geht ihre Beziehung abrupt zu Ende. Wochenlang bleibt Goethe auch für sie verschollen und diesen Vertrauensbruch wird sie ihm nie verzeihen: «Ich habe keine glückliche Natur, bei mir vernarbt keine Wunde».

1787 stirbt ihr zweiter Sohn Ernst und ihre depressiven Stimmungen verstärken sich. In diesen Jahren befreundet sie sich mit Charlotte von Lengefeld, der späteren Frau Friedrich Schillers.

Als Goethe 1788 nach Weimar zurückkehrt, kommt es zum endgültigen Bruch, als Charlotte erfährt, daß Goethe mit der 18-jährigen, aus einfachen Verhältnissen stammenden Christiane Vulpius zusammenlebt. Ihre eigenen Briefe an ihn läßt sie sich zurückgeben und verbrennt sie.

1793 stirbt Charlottes Mann nach langer Krankheit.

In den Jahren 1794/95 schreibt sie das Trauerspiel «Dido», in dem sie auch ihre Beziehung zu Goethe verarbeitet. 1798 folgt die Komödie «Die Verschwörung gegen die Liebe». 1803 druckt Cotta ihr um 1800 entstandenes Drama «Die zwey Emilien».

Ihr in Amsterdam 1809 erschienenes Lustspiel «Die Probe» ist verschollen.

Zum Ende ihres Lebens verbessert sich die Beziehung zu Goethe wieder und sie treffen sich gelegentlich. Doch ihr Gesundheitszustand verschlechtert sich mehr und mehr: sie ist fast blind, Stimme und Gehör versagen: «Meine Gesundheit ist sehr schlecht; ich hoffe, ich werde im Grabe den Verwesungsprozeß nicht so zu sehen bekommen wie jetzt den Sterbeprozeß, obgleich es für den Physiker interessant sein kann».

Sie stirbt 1827 in Weimar. Vorher hatte sie verfügt, daß der Trauerzug mit ihrem Sarg nicht an Goethes Haus vorbeigeführt werden sollte, wissend um seine Angst vor allem, was mit dem Tode zu tun hat. Doch die Behörden entsprachen nicht ihrem Wunsch.

«Ach, da ich irrte, hatt’ ich viel Gespielen, da ich dich kenne, bin ich fast allein.»
(Brief Goethes an Charlotte von Stein, 1775)

«O zerstörendes Geschlecht! Ohne euch wäre uns die Krieglust unbekannt. Warum gabst du, Natur, den Männern dieses Treiben, diese Thatensucht, um den ruhigen Gang nach einem bessern Ziel, wozu deine Ewigkeit dir genug Zeit lässet, widrig zu stören?» (Dido, 2. Aufzug, 4. Szene)

Quelle: Bibliothecea Augustana

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