Lyrik ~ Klinge
    Versuch einer Dichtung            

19 
 November 
 
2017

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Sonett XXVII.

Ich eil’ ins Bett, ermüdet von Beschwer,
Zur holden Ruhstatt weitgereister Glieder;
Doch auf den Weg macht sich das Haupt nunmehr,
Wach wird die Seele, sinkt der Leib darnieder.

Denn jetzo suchen die Gedanken dich,
Aus welcher Fern’ auf frommer Pilgerschaft;
Weit offen halten Augenlider sich,
Ich blick im Dunkel, wie ein Blinder gafft.

Nur meines Geistes Aug’ einbildsamlich
Stellt dein Phantom unsehenden Augen dar:
Dort hängt’s in Nächten ein Juwel für mich,
Verklärt das alte Dunkel wunderbar.

Sieh, wie am Tag den Leib, nachts das Gemüt,
Um dich und mich, ersehnte Ruhe flieht!

 
 
7 
 Dezember 
 
2016


 

Weit in nebelgrauer Ferne
Liegt mir das vergangne Glück,
Nur an einem schönen Sterne
Weilt mit Liebe noch der Blick.
Aber, wie des Sternes Pracht,
Ist es nur ein Schein der Nacht.

Deckte dir der lange Schlummer,
Dir der Tod die Augen zu,
Dich besäße doch mein Kummer,
Meinem Herzen lebtest du.
Aber ach! du lebst im Licht,
Meiner Liebe lebst du nicht.

Kann der Liebe süß Verlangen,
Emma, kann’s vergänglich sein?
Was dahin ist und vergangen,
Emma, kann’s die Liebe sein?
Ihrer Flamme Himmelsglut;
Stirbt sie wie ein irdisch Gut?

 

Dichter Friedrich Schiller
Rezitation Jürgen Goslar

 
 
6 
 November 
 
2016


 

Trüb verglomm der schwüle Sommertag
Dumpf und traurig tönt mein Ruderschlag –
Sterne, Sterne – Abend ist es ja –
Sterne, warum seid ihr noch nicht da?

Bleich das Leben! Bleich der Felsenhang!
Schilf, was flüsterst du so frech und bang?
Fern der Himmel und die Tiefe nah –
Sterne, warum seid ihr noch nicht da?

Eine liebe, liebe Stimme ruft
Mich beständig aus der Wassergruft –
Weg, Gespenst, das oft ich winken sah!
Sterne, Sterne, seid ihr nicht mehr da?

Endlich, endlich durch das Dunkel bricht –
Es war Zeit! – ein schwaches Flimmerlicht –
Denn ich wusste nicht, wie mir geschah.
Sterne, Sterne, bleibt mir immer nah!

 

Dichter Conrad Ferdinand Meyer
Rezitation Jürgen Goslar