Lyrik ~ Klinge
    Versuch einer Dichtung            

30 
 August 
 
2011


 


 
Ich finde das Bild des liebevollen, himmlischen Vaters, das Jesus uns im Gleichnis des verlorenen Sohnes gezeichnet hat, weitaus stimmiger, gotteswürdiger und vor allem menschenfreundlicher als die etwas abwegig gekommene “Schäfer”-Metapher Davids in Psalm 23.

Sicherlich ist ein Schäfer bemüht, seine Schafherde zu behüten.
Doch letztlich dient diese Bewahrung nur dem eigensinnlichen Bestreben des Schäfers, den wirtschaftlichen Nutzen seiner Herde zu sichern (in der Banksprache lautet dies: Effektive Verzinsung des eingesetzten Kapitals).
Die wirtschaftliche Nutzung (Wolle, Milch und Fleisch) steht im Vordergrund, nicht der authentisch liebende Bezug.

Während uns also Jesus mit dem Gleichnis vom verlorenen Sohn in die liebenden, herzlich empfangenden Arme des himmlischen Vaters treibt (Amen! so soll es auch sein), treibt der Schäfer in Psalm 23 seine Schutzbefohlenen über kurz oder lang zur Schlachtbank.
Das malerische Schäferidyll der “grünen Auen” und dem “frischen Wasser” von David kann mich aus heutiger Sicht (→Massentierhaltung) nicht gänzlich überzeugen und gereicht schließlich nicht der Hoheit des Gottesbildes.
Aber Christen leben ja nicht mehr unter dem Gesetz (AT), sondern unter der Gnade (NT), der Freiheit, und daher beanspruche ich persönlich für mich das Vaterbild, das uns Jesus vermittelt.

 
 

Ich denke, jeder kann aus den Erzählungen der Bibel jenes für sich persönlich beanspruchen, welches ihm Kraft und Stütze spendet in Zeiten der Not.
Die Geschichten/Metaphern sind letztlich zusammengetragene, geronnene menschliche Erfahrungen zu allen Zeiten der Menschheit und lassen sich oft auf die Gegenwart, auf den gegenwärtig-aktuellen, ganz privaten Kontext übertragen („Übertragung“ von meta-phorein (griech.) „übertragen, übersetzen, transportieren“).
Die Geschichten haben eben nicht an Aktualität verloren (ähnlich wie die Schiller-Dramen), weil sich der Mensch von damals in seiner Grundstruktur nicht wesentlich geändert hat, ebenso die göttlichen, allwaltenden Prinzipien.

Insofern berührt mich auch nicht die Debatte, welche Religion denn nun von welcher abgeschrieben haben könnte, ob sich z.B. der Autor des ATs am durchaus älteren Gilgamesch-Epos bedient hat. Parallelen hierzu gibt es genüge.

Wieso bin ich nicht an “Plagiats-Debatten” interessiert?
Weil es bei religösen Erzählungen immer primär um menschliche Erfahrungen geht.
Weil nämlich nicht nur in jeder religiösen Geschichte eine Ur-Erfahrung mit Gott uns nahe gebracht wird, sondern hinter allem ein Hoher Wille steht, den die Christen “Gott” nennen, die Muslimen “Allah”, die Juden “Jehova”, …

Wer nunmehr behauptet, die Bibel sei eine Ansammlung von Märchengeschichten, der hat mit der falschen “Lesebrille” gelesen und die poetischen Gestaltungsmittel (z.B. Spannungskurven, göttliches Eingreifen) des jeweiligen Autors verkannt, dem es am Herzen lag, nicht die Wirklichkeit 1:1 abzubilden, sondern eine theologische Grundaussage mittels einer einprägsamen Geschichte zu transportieren.

Aber das ist Ansichtssache.
Darüber streiten sich “bibeltreue” und “lauwarme” Christen noch heute.

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2 Kommentare zu “Der gute Hirte”

  1. Jens Hambrecht sagt:

    Beide Texte, sowohl Psalm 23, als auch das Gleichnis vom verlorenen Sohn kann man nicht isoliert betrachten (sondern im Kontext: Adressaten, Zeit, Stellung im Gesamtext, verfolgtes Ziel, Autor…). Ich stimme dir bzgl. des liebenden, verzeihenden Vaters, der seinen Sohn in den Arm nimmt, zu. Aber auch diesen Vater könnte man kritisieren: Warum ist er seinem Sohn nicht nachgelaufen? Hat er sich nicht ungerecht verhalten, weil er seinen älteren Sohn vor den Kopf stößt? Auf der anderen Seite kommt mir der Hirte aus Psalm 23 zu schlecht weg (und das sage ich nicht, weil ich “Fleischfresser” bin). Der Hirte ist eben derjenige, der sich um die Anvertrauten kümmert, der ihnen den Weg zeigt usw. Vielleicht stimmt dich der “Psalm 23 für Kinder” (ist was für Pädagogen) etwas versönlicher:

    Der Herr ist mein Hirte.
    Er sorgt für mich.
    Er kennt die grünen Wiesen,
    wo ich satt werden kann.
    Er kennt den frischen Bach,
    wo ich trinken und ausruhen kann
    Er lässt es mir gut gehen.
    Er begleitet mich auf meinem Weg zum Ziel.
    Auf ihn kann ich mich verlassen.
    Auch im Dunkeln brauche ich keine Angst zu haben.
    Du bleibst bei mir.
    Der Hirtenstab in deiner Hand macht mir mut, wenn ich mich bedroht fühle.
    Du beschenkst mich jeden Tag neu
    Herr, lass mich in deiner Nähe bleiben, so lange ich lebe.

    Letztendlich sind beide Texte Annäherungen, das Sein Gottes zu beschreiben. Er ist der “Ich-bin-da”. Und wir Menschen sind eben Menschen, und in unserem “Mensch-sein” eingegrenzt, was uns schließlich und glücklicherweise von Gott unterscheidet.

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    1. Ralph sagt:

      Hallo Jens,
      vielen Dank für deinen sehr ausführlichen Kommentar, zu dem ich erst jetzt Zeit und Muse finde, ihn zu beantworten.
      Ich denke, die Geschichten der Bibel sollte man wirklich – wie du bereits erwähnt hast – im Zusammenhang betrachten, denn isoliert und wörtlich gedeutet, wirken sie oft verwirrend und ambivalent.
      Es sind Deutungen, keine absolute Wahrheiten, Metaphern und keine akribischen Gesetzestexte.
      Danke auch für den 23. Psalm für die kleinen Bibelleser!

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