Lyrik ~ Klinge
    Versuch einer Dichtung            

1 
 November 
 
2007


 

Abstraktum vs. Konkretum
Über den Entwurf von Gedächtnisbildern

1848/1849 war die Badener Revolution.

Hmm, die Ziffernfolge “1848” hat als einzuprägende Jahreszahl zunächst einen “runden Charakter”.
Mathematisch Versierte und zugleich literarisch Begeisterte dichten vielleicht diesem Datum einen gewissen Bezug zum Todesjahr von Goethe (1832) an.
Zählt man zu dieser Jahreszahl nämlich das Quadrat der Zahl 4 hinzu (=16), dann ergibt sich gleichfalls 1848.

Aber wer kennt schon Goethe?
Wer baut sich schon fern einfacher Eselsbrücken eine derartige architektonische Hängebrücke mit mathematischem Kalkül?
Wer kann sich wohl überhaupt Zahlen merken?

Wohl keiner oder zumindest die wenigsten.
Die wenigsten können mit einer Spezialbegabung aufwarten.
Die wenigsten möchten sich exzessiven Zahlenspielereien hingeben.
Die wenigsten konnten sich das allen gemeine fotografische Gedächtnis der Kindheit im Erwachsenenalter bewahren.

Diese wenigen werden aber auch älter.
Diese wenigen werden einst sterben und ihr geistiges Besitztum unwiderbringlich mit ins Grab nehmen.
Dem Rest der Menschheit ist damit wenig gedient.

Also, wer kann sich nun Zahlen merken?
Zum Trost: noch nicht einmal der Computer selbst!
Ja, auch er hat Probleme mit der Zahl “1848”, immense sogar.
Auch er strauchelt, auch er versagt, schändlich!

Zumindest in der Schreibweise des Dezimalsystems.
Zumindest in der Schreibweise, die ihm unangenehm, ihm fremd erscheint.
Einer Schreibweise, die nicht seiner Leib- und Magensprache entspricht, dem Binärsystem, das nur Nullen und Einsen kennt.

Die Ziffern 2 bis 9 sind ihm fremd und werden daher wie “Fremdgewebe” abgestoßen.
Der Computer scheut das Dezimalsystem, weil es nicht organisch ist.

Aber er liebt das Binärsystem, dort fühlt er sich heimisch, dort “darf er König sein in seinem Reiche”.
Und daher konvertiert er alles ihm abstrus Erscheinende wie die ersten missionarisch geleiteten Christen in jenes Zahlensystem.
Alles muss sich diesem System beugen: seien es natürliche Zahlen, Buchstabenketten, Bild- oder Tonmaterial.

Jegliche Informationen versucht er unter diesem einenden System wie eine gläubige Jüngerschar zu versammeln und treibt als guter Hirte seine Schäfchen auf Speicherriegel, auf Festplatten oder andere Datenträger, wo er sie zählen, wo er sie verwalten kann, in einer ihm speicherwürdigen Form.

Die Konvertierung der Information in eine speicher- und damit merkwürdige Form scheint also der Schlüssel zu sein.
Wichtig ist hierbei auch der genaue Ablageort, damit die Information wiedergefunden wird und nicht im Nirvana der Bits und Bytes verschwindet.

Nun ist aber unser Gehirn nicht auf Nullen und Einsen spezialisiert, sondern bedient sich der Macht der Bilder.
Die Vermutung liegt daher nahe, alles erdenklich Speicherwürdige in eine attraktive Bildform zu überführen und diese Bilder an mentalen Orten abzulegen, die eine hohe Wiederauffindbarkeit der Bilder ermöglichen.

Bezugnehmend auf meinen Beitrag hinsichtlich der Dezimalklassifikation habe ich mir innerhalb meines Heimatdorfes vertraute Lokalitäten ersucht, wo ich die Bilder ablegen möchte.
Die Nummerierung jener Örtlichkeiten für eine systematische Erfassung soll nun beschrieben werden.

Wie könnte die 1848er Revolution so mental aufbereitet werden, dass diese Information im Gedächtnis verankert wird?

1848: 1 Tausender, 8 Hunderter, 4 Zehner und 8 Einer.

Die Tausenderstelle braucht man sich für historische Ereignisse nicht unbedingt merken, da man sie logisch erschließen kann.
Amerika wurde 1492 von Kolumbus entdeckt, nicht 492 von den Römern und dass 2492 das erste Raumschiff auf diesem Kontinent landen wird, entspringt blühender Phantasie.
Wieso also nicht an bestehenden Ressourcen anknüpfen und das Potential der Intuition und/oder allgemeinen Weltwissens ausschöpfen?

Sicherlich kann man sich stattdessen im Jahrhundert irren, sich z.B. beim Barockzeitalter um +/- einem Jahrhundert verscherzen.

Und ob der Dreißigjährige Krieg von 1618-1648 oder von 1648-78 sich kalenderarisch erstreckte, kann vermutlich auch auf Verwechslung stoßen.

Größte Probleme bereiten mit Sicherheit die Einerstellen (“Wurde Schiller 1756 und Mozart 1759 geboren oder umgekehrt?”).

Daher habe ich versucht, die Jahrhunderte, die Jahrzehnte und Einzeljahrgänge zu verbildlichen.
Die Bilder hierzu können a) willkürlich gewählt sein oder b) mittels graphemischer oder phonetischer Ähnlichkeit.

Die Jahrhunderte (vertraute Personen)

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0 Alfred
1 Achim
2 Onkel Heinz
3 Cäsar
4 Derrick-Kommissar
5 Erwin
6 Fellhauer
7 Gerhard
8 Hans-Jürgen
9 Oma

Die Jahrzehnte (vertraute Gegenstände/Tiere)

>

0 Ball
1 Stab/Stock
2 (Wasser-)Welle
3 Vogel
4 Stuhl
5 Apfel
6 Gitarre
7 Sense
8 Brille
9 Blume

Die Einzeljahrgänge (vertraute Sinneseindrücke)

>

0 Leichtgewicht
1 Schwergewicht
2 Wohlklang
3 Missklang
4 samtig
5 rau
6 Wohlgeschmack
7 übler Geschmack
8 Wohlgeruch/Gestank
9 Wohlerscheinung/Missgestaltung

 

Die Personen lasse ich nun im Geiste bestimmte Wegrouten ablaufen, mit Anfangs- und Endpunkt.
Diese Personen markieren daher grob die Jahrhunderte.
Alfred (x0xx) begeht zum Beispiel die Röhrigstraße in meinem Heimatdorf Steinsfurt. Diese Straße steht für den Zeitraum 1000 – 1099.

Die Jahrzehnte sind gekennzeichnet durch die Gegenstände/Tiere, d.h. generell operierbaren Objekten, die in räumlichen Abstanden (ca. 20m) nacheinander abgelegt werden.
Spielt Alfred (x0xx) z.B. mit einem Ball (xx0x) (gegen die Hauswand eines Freundes), dann handelt es sich um das Jahr 100x.

Die Jahreszahl zuguterletzt wird durch einen Sinneseindruck bestimmt.
Hat z.B. der Ball (xx0x) einen samtigen (xxx4) Überzug (Stoff-Fell), dann kann es sich nur um das Jahr 1004 handeln.

Zurück zu unserem Zahlenbeispiel am Beitragsanfang: 1848.

Das Jahrtausend, nämlich “1”, ist bekannt, daher: 1xxx.
Hans-Jürgen (x8xx) (diesmal in der Kirchstraße) sitzt auf einem Stuhl (xx4x), der nach frischem Holz riecht (xxx8).
Dieser Stuhl befindet sich auf dem Balkon eines Hauses in der mir bekannten Kirchstraße (genaue Lokalisation).

Eine sinnvolle Assoziation (thematische Verwebung) wäre jetzt z.B. wie sich Hans-Jürgen ein Mittagspäuschen im Stuhl (oder auch Schaukelstuhl) gönnt und durch eine ausgerufene Balkonrede, die die Revolution einleitet und kampfbereite Menschenmassen mobilisiert, sich gestört fühlt.
Die Zahl 1848 kann damit ruhig “vergessen” werden, das Bild hingegen, wenn es emotional genug behaftet und plastisch erstellt wurde, bleibt erhalten. Mit Hilfe dieses mentalen Bildes lässt sich dann die Jahreszahl problemlos rekonstruieren.
Selbst noch Stunden später, manchmal aber auch Tage, Wochen, Monate und bei ausgefallener Erscheinung sogar nach Jahren (ohne jegliche Wiederholung!) prangt es noch so schön im Gedächtnis wie am ersten Tage.

Geschichtswissen wird damit nicht stur auswendig gelernt, sondern -im wahrsten Sinne des Wortes- zu einer persönlichen Erfahrung.

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