Lyrik ~ Klinge
Versuch einer Dichtung            

11 
 Februar 
 
2008

abgelegt in
Gedankenschau

 

Vom Ammenmärchen der menschlichen Monogamie

Vorab möchte ich mich von einer sexistisch anmutenden Sachdarstellung lossprechen und eine neutrale Position in dem schon seit Urzeiten wütenden Geschlechterkampf beziehen.

Gleichfalls möchte ich mich hinsichtlich der Erschaffung der Welt weder auf die Seite der bibelkonformen Kreationisten („Gott erschuf Himmel und Erde“) noch auf jene der Evolutionsverfechter („Urknall-Theorie“) schlagen, sondern eine Mittelstellung einnehmen: Die Erde sowie alle Lebens- und Erscheinungsformen in ihr sind Zufallsprodukte, allerdings durch eine verborgene, kreative Macht gewirkt (Schiller: […] und huldiget der furchtbar’n Macht, die richtend im Verborgnen wacht, die unerforschlich, unergründet des Schicksals dunklen Knäuel flicht […]).

Das ist allerdings – wie der Rest des Beitrags – nur eine Gedankenspielerei ohne wissenschaftlichen Fundus.

Gott stellt für mich ein Sammelbegriff aller Naturgesetze dar, abstrakt gesehen ein strukturschaffender Algorithmus, personalisiert betrachtet ein experimentierfreudiger Wissenschaftler, der in einer eigens angelegten Biosphäre (uns allen als Heimatplaneten „Erde“ bekannt) vor rund 4,6 Mrd. Jahren die wohl größte Versuchsreihe überhaupt startete.

„Zufälle“ (innerhalb der Evolution) sind in diesem Kontext sehr wohl Würfelspiel im Weltengemenge.

Allerdings setzt(e) Gott oft gezielt „gezinkte Würfel“ ein, um ein bestimmtes Ergebnis (z.B. bauliche Prinzipien, markante menschliche Erfindungen) zu erzwingen und zu beschleunigen.

Wichtig in seiner Versuchsreihe war ihm jeher eine Variationsbreite oder -biologisch ausgedrückt- ein Genpool, um durch größtmögliche Vielfalt das Potential möglicher Spezien voll auszuschöpfen.

Wie die breite Basis einer Pyraminde sich begünstigend auf die Stabilität und Höhe auswirkt, so garantiert ein großer Genpool durch Variabilität ein Höchstmaß an Anpassungsvermögen und damit Fortbestand einer Spezies in der Erdgeschichte.

Stagnation (Erstarrtheit) einer Art bedeutet für sie nicht nur Stillstand, sondern sie wird mittels natürlicher Selektion vom Platz des Weltgeschehens verwiesen.

Vielfalt ermöglicht Veränderung und ohne Veränderung gibt es kein Leben.

Daher scheint sich das Konzept der Polygamie (Rückgriff auf mehrere Sexualpartner, auf mehrere Genpoole) bewährt zu haben.

Während Primaten (Herrentiere) wie z.B. Schimpansen polygam leben, finden sich bei den Gibbons monogame Lebensweisen.
Gerne wäre ich ein Gibbon, Angehöriger einer Spezies mit festen Bezugspunkten, lebenslänglicher Verlässlichkeit und Urvertrauen.

Bin ich allerdings nicht.
Ich gehöre -will man dem Biologiebuch Glauben schenken- zu den Wirbeltieren, dort wiederum zu den Säugern aus der Ordnung der Primaten.

Primaten? Ja, aber die Primaten, die hatten wir doch schon?

Richtig!
Bei den Primaten wird „gewürfelt“ und zwar richtig, meist ohne gezinkte Würfel.

Dadurch erhofft sich sowohl Männchen als auch Weibchen durch wechselnde Sexualpartner einen günstigen Wurf zu erzielen (etymologische Zusammenhänge zwischen „Wurf“ und „Geburt“ drängen sich mir auf!).

Wer will auch schon sein Leben lang mit EINEM Partner zusammenleben, ständig mit ihm einen Dreier- oder Viererpasch würfeln, wenn er mit einem anderen auch eine „Große Straße“ erwürfeln kann?
Monogamisten mögen jetzt Sturm laufen, aber so lautet nun mal das Regelwerk, das genetisch in uns verankert ist.

Wem’s wiederstrebt, braucht sich ja nicht an den großen Spieltisch zu setzen.
So wie ich.

Ich bin nämlich streng monogam mit Hang zur geistigen Verklärung erotischer Liebe und spiele lieber mit Mozart, Schiller und Hesse auf dem Parterre Karten.
Und wir haben schon seit Jahren, auch ohne großen Spieleinsatz, einen Heidenspaß.

 
 

1 Kommentar zu “Gott würfelt!”

  1. Mamü sagt:

    Lieber Ralph,

    das ist ein Artikel nach meinem Geschmack. Echt klasse. Und sehr interessant.

    Ich bin auch der Meinung, dass sich die bekannten zwei Theorien über die Erschaffung der Welt durchaus miteinander verknüpfen lassen. Wie oft ist es so, dass an allem ein bisschen Wahres dran ist. Und nicht alles darf man so wörtlich nehmen. Obwohl ich keinesfalls bibelfest bin, ach eigentlich könnte man sagen, dass ich kaum etwas von/über/aus der Bibel weiß. Und doch bin ich fest davon überzeugt, dass die Bibel eine Art Märchenbuch ist. Nein, nicht so gemeint wie es sich im ersten Moment anhört. Denn Märchen haben durchaus ihren wahren Kern, einen Sinn. Es sind meist Metaphern für etwas, was wahr ist. Ein Seelenzustand, eine Gegebenheit, ein Rat, ein Weg, den man gehen kann… Es war früher üblich in Bildern zu sprechen, damit man sich die Dinge besser merken konnte (konnte ja nicht jeder schreiben), und die Seele versteht diese Bilder. Und warum sollte es nicht mit der Bibel ähnlich sein…
    Aber eigentlich geht es ja hier um die Monogamie. 🙂 Na ja, immerhin war es früher für die Menschen nicht so einfach zu überleben, wie es heute der Fall ist. Und je mehr unterschiedliche Gene zusammenkommen, je größer die Chance, dass da zumindest ein Geschöpf bei ist, was überleben kann und für den Fortbestand der Spezies Mensch sorgen kann. Das Gesetz der großen Zahl. 🙂
    Primaten… *grins* ja, bei einigen kommt das auch deutlich zum Vorschein. *lach* Aber wenn es denn so ist… dann ist es so. 😉 Also ich wäre dann auch lieber ein Gibbon. *smile* Aber wir haben es ja selbst in der Hand, wie wir das Leben als Primat verbringen wollen.

    Das habe ich bei Wikipedia unter Primat gefunden: „In der römisch-katholischen Kirche meint Primat die Vorrangstellung des Papstes.“ Wie immer man das jetzt interpretieren mag… *grins*

    Diesen Satz finde ich übrigens klasse:
    „Vielfalt ermöglicht Veränderung und ohne Veränderung gibt es kein Leben.“

    Liebe Grüße,
    Martina

    Liebe Martina,

    vielen Dank zunächst für den doch sehr ausführlichen Kommentar!
    Zu deiner Behauptung bzw. Annahme, dass die Bibel ein „Märchenbuch“ sei, möchte ich ergänzen, dass es schon immer Mythen in allen Kulturen gab, die menschliche Erfahrungsbestände in Bildsprache (in Ermangelung der Schriftsprache) zum Ausdruck brachten. Sicher spielt auch die bessere Einprägsamkeit der Bildersprache keine untergeordnete Rolle (Bildung kommt ja bekanntlich von Bild).
    Und Ähnlichkeiten (Überschneidungsbereiche) zwischen den Mythen z.B. denen der Römer und Griechen, sind sehr hoch.
    Auch Prometheus (griechische Mythologie), der den Menschen aus Lehm formte, dürfte Bibelkennern einen gewissen Wiedererkennungswert einräumen.

    Aber wir haben es ja selbst in der Hand, wie wir das Leben als Primat verbringen wollen.
    Das genau ist oft meine Frage.
    Siegmund Freud veranschaulichte mit seiner Psychoanlyse, dass die unbewussten (größeren) Anteile unseres Denken uns stark beeinflussen.
    Viele meinen sogar, wenn ich handle, hat dies mein Unterbewusstsein schon längst entschieden.

    Fakt ist, dass Monogamie KEINE menschliche Eigenschaft ist, sondern ein Kulturphänomen, das sehr stark mit der eigenen Sozialisation, dem anerzogenen Wertesystem zusammenhängt.
    Monogamie kann man lernen und wird z.B. auch sehr stark in christlichen Kreisen propagiert (in denen ich übrigens groß geworden bin, heute aber nicht mehr verkehre), aber sie ist nicht naturgegeben. Leider. Es würde Vieles einfacher gestalten.

    Liebe ist kein Sparbuch mit festem Zinsabwurf, sondern Aktienpapiere mit schwankenden Renditen.
    Sicherlich versuchen viele Aktienanleger durch Risikostreuung Gefahren zu minimieren (z.B. durch Aktienfonds), aber ein Restrisiko bleibt immer.
    In diesem Sinne bin ich Sparbuchanleger, begnüge mich mit einem niedrigeren Zinssatz, aber der ist GARANTIERT!

    Liebe Grüße,
    Ralph

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