Lyrik ~ Klinge
    Versuch einer Dichtung            

11 
 September 
 
2020


 

Lutz Görner lädt uns zu einer literarischen Reise ein

 

Was nur fehlte (1:21)
Theodor Fontane (1819 – 1898)
Wenn Andre Fortunens Schiff gekapert,
Mit meinen Versuchen hat’s immer gehapert,
Auf halbem Weg’, auf der Enterbrücke,
Glitt immer ich aus. War’s Schicksalstücke?
War’s irgend ein großes Unterlassen?
Ein falsches die Sach’ am Schopfefassen?
War’s Schwachsein in den vier Elementen,
In Wissen, Ordnung, Fleiß und Talenten?
Oder war’s – ach, suche nicht zu weit,
Was mir fehlte, war: Sinn für Feierlichkeit.

Ich blicke zurück. Gott sei gesegnet,
Wem bin ich nicht alles im Leben begegnet!
Machthabern aller Arten und Grade,
Vom Hof, von der Börse, von der Parade,
„Damens“ mit und ohne Schnitzer,
Portiers, Hauswirthe, Hausbesitzer,
Ich konnte mich allen bequem bequemen,
Aber feierlich konnt’ ich sie nicht nehmen.

Das rächt sich schließlich bei den Leuten,
Ein Jeder möchte was Rechts bedeuten,
Und steht mal was in Sicht oder Frage,
So sagt ein Reskript am nächsten Tage:
„Nach bestem Wissen und Gewissen,
Er läßt doch den rechten Ernst vermissen,
Alle Dinge sind ihm immer nur Schein,
Er ist ein Fremdling, er paßt nicht hinein,
Und ob das Feierlichste gescheh’,
Er sagt von Jedem nur: „Fa il Ré“.

Suche nicht weiter. Man bringt es nicht weit,
Bei fehlendem Sinn für Feierlichkeit.
Sprüche (3:07)
Theodor Fontane (1819 – 1898)
1. Spruch
Du wirst es nie zu Tüchtgem bringen
Bei deines Grames Träumerein,
Die Tränen lassen nichts gelingen,
Wer schaffen will, muss fröhlich sein.

Wohl Keime wecken mag der Regen,
Der in die Scholle niederbricht,
Doch golden Korn und Erntesegen
Reift nur heran bei Sonnenlicht.

Zerstoben sind die Wolkenmassen,
Die Morgensonn ins Fenster scheint:
Nun kann ich wieder mal nicht fassen,
Dass ich die Nacht hindurch geweint.

2. Spruch
Es kann die Ehre dieser Welt
Dir keine Ehre geben.
Was dich in Wahrheit hebt und hält,
Muss in dir selber leben.

Wenns deinem Innersten gebricht
An echten Stolzes Stütze,
Ob dann die Welt dir Beifall spricht,
Ist all dir wenig nütze.

Das flüchtge Lob, des Tages Ruhm
Magst du dem Eitlen gönnen.
Das aber sei dein Heiligtum:
Vor dir bestehen können.

3. Spruch
Man wird nicht besser mit den Jahren
–Wie sollt es auch, man wird bequem
Und bringt, um sich die Reu zu sparen,
Die Fehler all in ein System.

Das gibt dann eine glatte Fläche,
Man gleitet unbehindert fort,
Und »allgemeine Menschenschwäche«
Wird unser Trost- und Losungswort.

Doch, Herze, willst du ganz genesen,
Sei selber wahr, sei selber rein!
Was wir in Welt und Menschen lesen,
Ist nur der eigne Widerschein.

Erst unter Kuss und Spiel und Scherzen
Erkennst du ganz, was Leben heißt;
O lerne denken mit dem Herzen,
Und lerne fühlen mit dem Geist.
Die Alten und die Jungen (5:31)
Theodor Fontane (1819 – 1898)
»Unverständlich sind uns die Jungen«
Wird von den Alten beständig gesungen;
Meinerseits möcht ich’s damit halten:
»Unverständlich sind mir die Alten.«
Dieses am Ruder bleiben Wollen
In allen Stücken und allen Rollen,
Dieses sich unentbehrlich Vermeinen
Samt ihrer »Augen stillem Weinen«,
Als wäre der Welt ein Weh getan –
Ach, ich kann es nicht verstahn.
Ob unsre Jungen, in ihrem Erdreisten,
Wirklich was Besseres schaffen und leisten,
Ob dem Parnasse sie näher gekommen
Oder bloß einen Maulwurfshügel erklommen,
Ob sie, mit andern Neusittenverfechtern,
Die Menschheit bessern oder verschlechtern,
Ob sie Frieden sä’n oder Sturm entfachen,
Ob sie Himmel oder Hölle machen –
E I N S läßt sie stehn auf siegreichem Grunde:
Sie haben den Tag, sie haben die Stunde;
Der Mohr kann gehn, neu Spiel hebt an,
Sie beherrschen die Szene, sie sind dran.
Flickwerk (7:27)
Theodor Fontane (1819 – 1898)
»Immer eigensinniger und verstockter
Wirst du, … so frage doch den Dokter!
So lange man lebt, muß man doch leben,
Du hustest, es muß doch am Ende was geben,
Ein Brunnen, ein Bad, eine Medizin,
Sulfonal oder Antipyrin,
Massage, Kneipp-Kaltwasserkur,
Schweninger, Schreber, versuch etwas doch nur,
Davos oder Nizza, Oder Tarasp oder Sylt oder Föhr,
Oder bloß auch Mampes Magenlikör!«

So stürmt es zu Zeiten auf mich ein,
Ich nehm’ es hin, ich steck’ es ein,
Ich denke der Szene, die jahrauf, jahrab
Ich halbjährlich mit meinem Schuhmacher hab’,
Ich zeig’ ihm dann ein Stiefelpaar,
Das in Ehren gedient seit manchem Jahr,
Und will ihn, während Zigarren glimmen,
Zu ‘nem Riester für den Stiefel bestimmen.
Er aber dreht bloß hin und her
Und lächelt: »Ne, Herr, es lohnt sich nicht mehr!»
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6 
 April 
 
2020


 

DICHTUNG Ludwig Uhland
MUSIK Franz Schubert
LESUNG Eva Matthes


 

Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun, armes Herz, vergiß der Qual!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Ich erlaube mir seit dieser Woche, viele deutsche YouTube-Beiträge mit automatisiertem Untertitel ins Englische zu übersetzen, auch um mein Englisch aufzubessern.
Es ist zuweilen herrlich, wie sich der “Bedeutungshof”, die Bedeutungstiefe eines Wortes in einer anderen Sprache ändert bzw. weitet und wie Sprache auch die Wahrnehmung strukturiert und determiniert (“Terminus”).

Das Wort “[alles wird sich] wenden” wird in diesem Gedicht mit “change” übersetzt/übertragen. Wunderbar, so sollte es auch sein …
Es geht nicht um das “Wenden” eines Blattes im Buch der deutschen Chronik, wobei nach der Krise einfach nur “weiter-geblättert” wird.
Es geht um fundamentale “Änderungen”, vielleicht dem Hinzufügen neuer Kapitel unseres Selbstverständnisses im Hinblick sozialer, medizinischer Berufe.
Es geht vielleicht auch um den “Zerriss” ganzer überdauerter Kapitel.
Ein dickes Buch (“Wälzer”) sollte sich immer auch selbst umwälzenden Gedanken stellen.

Ich wollte jetzt aber auch nicht als Oberlehrer auftreten, sondern diese Bedeutungsnuance einfach weitergeben, die sicherlich von mir subjektiv gefärbt ist.

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26 
 Dezember 
 
2019

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DICHTUNG William Shakespeare
LESUNG Matthias Hasse

Die Übersetzungen bzw. Übertragungen der Sonette von Shakespeare sind so vielfältig.
Bisher favorisierte ich jene von Gottlob Regis, aber jene erlauschte Version belehrte mich wohl eines Besseren.

Auch wenn der Vergleich vermutlich hingt, sind Shakespeares Sonette vielleicht der alltägliche Prüfstein/das Übungsfeld des Lyrikers, an dem der Geist sich erproben/ermuntern soll, wie auch der Ringer nur in der Arena seine Kräfte stählen kann zu höherem Vermögen.

Wie kann ich je denn wieder glücklich sein,
wenn Ruhe zu genießen mir verwehrt,
der Druck des Tags nicht nachts gelöst wird, nein,
die Nacht den Tag, der Tag die Nacht beschwert,

und beide, wenn auch Feinde sozusagen,
die Hand sich reichen, mich zu quälen, mir
der eine Mühsal schickt, die andre Klagen,
wie ich mich mühe, weit entfernt von dir?

Ich sag dem Tag zuliebe, du bist klar
und machst ihn hold, wenn Wolken ihn verdunkeln,
der schwarzen Nacht verspreche ich sogar,
du sprühest Gold, wenn Sterne nicht mehr funkeln.

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