Lyrik ~ Klinge
    Versuch einer Dichtung            

17 
 April 
 
2017


 

DICHTUNG Friedrich Hölderlin
LESUNG Mathias Wieman


 

Da ich ein Knabe war,
rettet‘ ein Gott mich oft
vom Geschrei und der Rute der Menschen,
da spielt‘ ich sicher und gut
mit den Blumen des Hains,
und die Lüftchen des Himmels
spielten mit mir.

Und wie du das Herz
der Pflanzen erfreuest,
wenn sie entgegen dir
die zarten Arme strecken,
so hast du mein Herz erfreut,
Vater Helios! und, wie Endymion,
war ich dein Liebling,
heilige Luna.

O all ihr treuen,
freundlichen Götter!
Daß ihr wüßtet,
wie euch meine Seele geliebt!

Zwar damals rief ich noch nicht
euch mit Namen, auch ihr
nanntet mich nie, wie Menschen sich nennen,
als kennten sie sich.

Doch kannt‘ ich euch besser,
als ich je die Menschen gekannt,
ich verstand die Stille des Äthers,
Der Menschen Worte verstand ich nie.

Mich erzog der Wohllaut
des säuselnden Hains,
und lieben lernt‘ ich
unter den Blumen.
Im Arme der Götter wuchs ich groß.

 
 
18 
 Juni 
 
2016

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DICHTUNG Annette von Droste-Hülshoff
LESUNG Sandra Hüller
BEREITSTELLUNG wortlover


 

Süße Ruh‘, süßer Taumel im Gras,
Von des Krautes Arome umhaucht,
Tiefe Flut, tief tief trunkne Flut,
Wenn die Wolk‘ am Azure verraucht,
Wenn aufs müde, schwimmende Haupt
Süßes Lachen gaukelt herab,
Liebe Stimme säuselt und träuft
Wie die Lindenblüt‘ auf ein Grab.

Wenn im Busen die Toten dann,
Jede Leiche sich streckt und regt,
Leise, leise den Odem zieht,
Die geschloßne Wimper bewegt,
Tote Lieb‘, tote Lust, tote Zeit,
All die Schätze, im Schutt verwühlt,
Sich berühren mit schüchternem Klang
Gleich den Glöckchen, vom Winde umspielt.

Stunden, flücht’ger ihr als der Kuß
Eines Strahls auf den trauernden See,
Als des ziehenden Vogels Lied,
Das mir nieder perlt aus der Höh,
Als des schillernden Käfers Blitz,
Wenn den Sonnenpfad er durcheilt,
Als der heiße(flüchtge) Druck einer Hand,
Die zum letzten Male verweilt.

Dennoch, Himmel, immer mir nur
Dieses Eine mir(nur): für das Lied
Jedes freien Vogels im Blau
Eine Seele, die mit ihm zieht,
Nur für jeden kärglichen Strahl
Meinen farbig schillernden Saum,
Jeder warmen Hand meinen Druck,
Und für jedes Glück (m)einen Traum.

 
 
10 
 April 
 
2016

abgelegt in
Gedankenschau

 

Darstellung der Urpflanze von 1837.
Holzschnitt von Pierre Jean François Turpin
nach Vorstellungen Goethes

„Urpflanze“ ist ein Begriff, den Johann Wolfgang von Goethe im Rahmen seiner botanischen Studien und in insbesondere seiner Auseinandersetzung mit Carl von Linnés‘ botanischem System zeitweilig verwendete.
Er stellte sich darunter eine Pflanze vor, „die den Typus einer Blütenpflanze schlechthin verkörpert und aus der man sich alle Pflanzengestalten hervorgegangen denken kann“.

Quelle: WidiPedia – Urpflanze

 
 
 
Nach all den Jahren ermüdenden Erdenstreifs habe ich ihn endlich gefunden, den Urspross aller Götterhaine, der sich in der Menschen reiner Kinderherzen pflanzen möchte!

Es ist jener Moment (ab 1m 17s), an dem mählich über dem Morgentaugeträufe kristallener Tropfen sich der melodiöse Säuselwind sanfter Streicher-Winde zu einer Klangkuppel erhebt, zum Himmelsdome wahrer Gottesschau.

Frédéric Chopin, Klavierkonzert Nr.1 in E-Moll, Opus 11,2 – Larghetto [Auszug]