Lyrik ~ Klinge
    Versuch einer Dichtung            

17 
 November 
 
2016

abgelegt in
Die Stoa | Klassik & mehr

 

Meine Einstiegsdroge „Klassik“ mit lebenslangen Folgeschäden: Kontaktstörungen und Tendenz zur Selbstisolation.

Wobei aus heutiger Sicht die Begriffe „Kontaktstörungen“ und „Selbstisolation“, beide auf der tierweltorientierten Bindungstheorie fußend, für mich unhaltbar sind, zerschellen sie doch am massiven Gedankengebäude der grundsoligen Stoa.

Es gibt keine wirklichen Bindungsängste und der Wunsch nach sozialem Rückzug ist ebenso kein krankhafter Zug eines realitätsverneinenden Wesens, sondern eine natürliche, wenn nicht sogar gesündeste [1]nicht von Sünde kommend Antwort auf eine ständig sich ändernde Welt mit ihren fragilen Bezugssystemen.
So lehrt es die Stoa, strebt sie doch selbst nach verlässlichen Lebensankern in einem (S-/s-)elbst und verspricht dauerhaftes Glück.

Fußnoten   [ + ]

 
 
22 
 April 
 
2016


 

DICHTUNG Friedrich Nietzsche
LESUNG Christian Brückner
BEREITSTELLUNG wortlover


 

Ich finde, dass in diesem Gedicht die Möglichkeit erwogen wird, wieso ein Mensch hasst.
Meist ist es eben kein auflodernder Hass, sondern eher die aufstampfende Wut auf Fremdbestimmung, Einengung, „Gelebt-zu-Werden“ anstatt selbstbestimmt und selbstwirksam zu handeln.
Hin und wieder ist es auch heilsam, die eigenen, „führenden“ Zügel zu lösen, sich selbst zu „ver-führen“ im Sinne freier Gedankenlust.

Verhasst ist mir das Folgen und das Führen.
Gehorchen? Nein! Und aber nein – Regieren!
Wer sich nicht schrecklich ist, macht niemand Schrecken:
Und nur wer Schrecken macht, kann andre führen.
Verhasst ist mirs schon, selber mich zu führen!
Ich liebe es, gleich Wald- und Meerestieren,
mich für ein gutes Weilchen zu verlieren,
in holder Irrnis grüblerisch zu hocken,
von ferne her mich endlich heimzulocken,
mich selber zu mir selber – zu verführen.

 
 
12 
 April 
 
2016


 

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein, –
Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
Was bist du Narr
Vor Winters in die Welt entflohn?

Die Welt – ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends Halt.

Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg, Vogel, schnarr
Dein Lied im Wüstenvogel-Ton! –
Versteck, du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein, –
Weh dem, der keine Heimat hat!

Dichtung Friedrich Nietzsche
Lesung Frank Suchland
Musik Wolfgang Amadeus Mozart – Requiem d-Moll VII. Lacrimosa · Amor Artis Orchester & Chor