Lyrik ~ Klinge
    Versuch einer Dichtung            

6 
 Oktober 
 
2012


 

Ein kleiner Junge lief durch die Straßen
und hielt eine Mark in der heißen Hand.
Es war schon spät und die Kaufleute maßen
mit Seitenblicken die Uhr an der Wand.

Er hatte es eilig, er hüpfte und summte:
„Ein halbes Brot und ein Viertelpfund Speck.“
Das klang wie ein Lied. Bis er plötzlich verstummte.
Er tat die Hand auf. Das Geld war weg.

Da blieb er stehen und stand im Dunkeln.
In den Ladenfenstern erlosch das Licht.
Es sieht zwar gut aus, wenn die Sterne funkeln.
Doch zum Suchen von Geld reicht das Funkeln nicht.

Als wolle er immer stehen bleiben,
stand er. Und war, wie noch nie, allein.
Die Rolläden klapperten über die Scheiben.
Und die Laternen nickten ein.

Er öffnete immer wieder die Hände
und drehte sie langsam hin und her.
Dann war die Hoffnung endlich zu Ende.
Er öffnete seine Fäuste nicht mehr…

Der Vater wollte zu essen haben.
Die Mutter hatte ein müdes Gesicht.
Sie saßen und warteten auf den Knaben.
Der stand im Hof. Sie wußten es nicht.

Der Mutter wurde allmählich bange.
Sie ging ihn suchen. Bis sie ihn fand.
Er lehnte still an der Teppichstange
und kehrte das kleine Gesicht zur Wand.

Sie fragte erschrocken, wo er denn bliebe.
Da brach er in lautes Weinen aus.
Sein Schmerz war größer als ihre Liebe.
Und beide traten traurig ins Haus.

 

Textdichter Erich Kästner
Rezitation Dieter Mann
Bereitstellung wortlover

 
 

4 Kommentare zu “Verzweiflung Nr.1”

  1. W.Koster sagt:

    Dieses Gedicht habe ich im Alter von 14 Jahren in der Schule in Holland auswendig lernen muessen. Es hat
    mich gefreut es nach so vielen Jahren im Internet wieder zu finden. Ich hatte naemlich den Text zum groessten Teil vergessen !
    Vielen Dank!
    W. Koster

    1. Ralph sagt:

      Vielen Dank, dass das Gedicht Ihnen/Dich gefreut hat! 🙂

  2. julian sagt:

    Ich muss das Gedicht zurzeit auswendig lernen für die Schule.Auswendig lernen fällt mir sonst sehr schwer aber durch das hören geht es sehr gut

    Gut zu wissen das man sich manchmal auf das Internet verlassen kann ☺

    1. Silentius sagt:

      Hallo Julian,

      danke, dass ich Dir helfen konnte, obgleich ich auch nur ein YouTube-Video verlinkt habe 😉

      Noch ein Tipp fürs Auswendiglernen (ohne jetzt als Oberlehrer zu wirken):
      1. Versuche die Haupt- und Tunwörter der einzelnen Gedichtzeilen Dir bildlich vorzustellen, am besten als reale Gegenstände
      2. Versuche diese realen Gegenstände nun mit allen Sinnen zu erfassen: nicht nur anschauen, sondern betasten, daran riechen, eventuell sie auch zu hören
      3. Lege eine Liste jener Gegenstände an (z.B. 1. kleiner Junge (kann auch ein Playmobil-Männchen sein 😉 ); 2. Straße mit heißem Asphalt und Staub; 3. Mark (ein klingendes Geldstück); …
      4. Platziere diese Gegenstände auf einer zuvor festgelegten Route (siehe http://www.memocamp.com/de/Gedaechtnistraining-mit-Memotechniken/Tipps/Die-Routenmethode)

      Der zeitliche Aufwand oben genannter Punkte ist anfänglich vielleicht nervig, aber das Gedicht bleibt dadurch besser im Gedächtnis haften.
      Und sind Deine plastischen, lebhaften Bilder sehr gut ausgedacht, dann bedarf es noch nicht einmal einer oder wenig Wiederholung. Zumindest meine Erfahrung.
      Viel Spaß beim Lernen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.