| 31 März 2025 |
|
Wird man denn durch einen Kuss zum Diebe ?
Er ist ein trauliches Gelübde nur,
ein zart Bekenntnis, ein gehauchter Schwur.
Ein Rosenpünktchen auf dem „i“ der Liebe,
ein Wunsch, dem Mund gebeichtet statt dem Ohr.
Ein liebliches Geräusch wie Bienensummen,
ein Traum der Ewigkeit, ein duftiges Verstummen,
die Seele schwebt zum Lippenrand empor
und gibt sich als ein süßes Naschwerk hin.
| 10 Oktober 2021 |
|
Hippolytes Schlummersang [1]Hippolytes ist die Königin der Amazonen
… der sterbenden Alkippe
Hyppolytes
Noch wahrt [2]birgt / flammt das Antlitz geschmeidigen Sinn,
umsäumen der wallenden Locken samtenes Band,
der Wangen Linienschwung den feinen [3]zarten Schliff,
des schmucken Perlmutthalses schlanken Schaft.
Alkippe
Und mit der Lippe letzter Glut
präg‘ nun der Stirne Klingenblatt
mit reiner Flamme Zartgravur.
→ Hephaistos‘ Kunstschmiede
Fußnoten
| 1 Dezember 2020 |
|
| DICHTUNG | Johann Wolfgang von Goethe | |
| LESUNG | Benjamin Krämer-Jenster | |
| BEREITSTELLUNG | Benjamin Krämer-Jenster |
Füllest wieder Busch und Tal
Still mit Nebelglanz,
Lösest endlich auch einmal
Meine Seele ganz;
Breitest über mein Gefild
Lindernd deinen Blick,
Wie des Freundes Auge mild
Über mein Geschick.
Jeden Nachklang fühlt mein Herz
Froh- und trüber Zeit,
Wandle zwischen Freud‘ und Schmerz
In der Einsamkeit.
Fließe, fließe, lieber Fluß!
Nimmer werd‘ ich froh;
So verrauschte Scherz und Kuß
Und die Treue so.
Ich besaß es doch einmal,
was so köstlich ist!
Daß man doch zu seiner Qual
Nimmer es vergißt!
Rausche, Fluß, das Tal entlang,
Ohne Rast und Ruh,
Rausche, flüstre meinem Sang
Melodien zu!
Wenn du in der Winternacht
Wütend überschwillst
Oder um die Frühlingspracht
Junger Knospen quillst.
Selig, wer sich vor der Welt
Ohne Haß verschließt,
Einen Freund am Busen hält
Und mit dem genießt,
Was, von Menschen nicht gewußt
Oder nicht bedacht,
Durch das Labyrinth der Brust
Wandelt in der Nacht.
| 11 September 2020 |
|
Theodor Fontane (1819 – 1898)
Mit meinen Versuchen hat’s immer gehapert,
Auf halbem Weg’, auf der Enterbrücke,
Glitt immer ich aus. War’s Schicksalstücke?
War’s irgend ein großes Unterlassen?
Ein falsches die Sach’ am Schopfefassen?
War’s Schwachsein in den vier Elementen,
In Wissen, Ordnung, Fleiß und Talenten?
Oder war’s – ach, suche nicht zu weit,
Was mir fehlte, war: Sinn für Feierlichkeit.
Ich blicke zurück. Gott sei gesegnet,
Wem bin ich nicht alles im Leben begegnet!
Machthabern aller Arten und Grade,
Vom Hof, von der Börse, von der Parade,
„Damens“ mit und ohne Schnitzer,
Portiers, Hauswirthe, Hausbesitzer,
Ich konnte mich allen bequem bequemen,
Aber feierlich konnt’ ich sie nicht nehmen.
Das rächt sich schließlich bei den Leuten,
Ein Jeder möchte was Rechts bedeuten,
Und steht mal was in Sicht oder Frage,
So sagt ein Reskript am nächsten Tage:
„Nach bestem Wissen und Gewissen,
Er läßt doch den rechten Ernst vermissen,
Alle Dinge sind ihm immer nur Schein,
Er ist ein Fremdling, er paßt nicht hinein,
Und ob das Feierlichste gescheh’,
Er sagt von Jedem nur: „Fa il Ré“.
Suche nicht weiter. Man bringt es nicht weit,
Bei fehlendem Sinn für Feierlichkeit.
Theodor Fontane (1819 – 1898)
Du wirst es nie zu Tüchtgem bringen
Bei deines Grames Träumerein,
Die Tränen lassen nichts gelingen,
Wer schaffen will, muss fröhlich sein.
Wohl Keime wecken mag der Regen,
Der in die Scholle niederbricht,
Doch golden Korn und Erntesegen
Reift nur heran bei Sonnenlicht.
Zerstoben sind die Wolkenmassen,
Die Morgensonn ins Fenster scheint:
Nun kann ich wieder mal nicht fassen,
Dass ich die Nacht hindurch geweint.
2. Spruch
Es kann die Ehre dieser Welt
Dir keine Ehre geben.
Was dich in Wahrheit hebt und hält,
Muss in dir selber leben.
Wenns deinem Innersten gebricht
An echten Stolzes Stütze,
Ob dann die Welt dir Beifall spricht,
Ist all dir wenig nütze.
Das flüchtge Lob, des Tages Ruhm
Magst du dem Eitlen gönnen.
Das aber sei dein Heiligtum:
Vor dir bestehen können.
3. Spruch
Man wird nicht besser mit den Jahren
–Wie sollt es auch, man wird bequem
Und bringt, um sich die Reu zu sparen,
Die Fehler all in ein System.
Das gibt dann eine glatte Fläche,
Man gleitet unbehindert fort,
Und »allgemeine Menschenschwäche«
Wird unser Trost- und Losungswort.
Doch, Herze, willst du ganz genesen,
Sei selber wahr, sei selber rein!
Was wir in Welt und Menschen lesen,
Ist nur der eigne Widerschein.
Erst unter Kuss und Spiel und Scherzen
Erkennst du ganz, was Leben heißt;
O lerne denken mit dem Herzen,
Und lerne fühlen mit dem Geist.
Theodor Fontane (1819 – 1898)
Wird von den Alten beständig gesungen;
Meinerseits möcht ich’s damit halten:
»Unverständlich sind mir die Alten.«
Dieses am Ruder bleiben Wollen
In allen Stücken und allen Rollen,
Dieses sich unentbehrlich Vermeinen
Samt ihrer »Augen stillem Weinen«,
Als wäre der Welt ein Weh getan –
Ach, ich kann es nicht verstahn.
Ob unsre Jungen, in ihrem Erdreisten,
Wirklich was Besseres schaffen und leisten,
Ob dem Parnasse sie näher gekommen
Oder bloß einen Maulwurfshügel erklommen,
Ob sie, mit andern Neusittenverfechtern,
Die Menschheit bessern oder verschlechtern,
Ob sie Frieden sä’n oder Sturm entfachen,
Ob sie Himmel oder Hölle machen –
E I N S läßt sie stehn auf siegreichem Grunde:
Sie haben den Tag, sie haben die Stunde;
Der Mohr kann gehn, neu Spiel hebt an,
Sie beherrschen die Szene, sie sind dran.
Theodor Fontane (1819 – 1898)
Wirst du, … so frage doch den Dokter!
So lange man lebt, muß man doch leben,
Du hustest, es muß doch am Ende was geben,
Ein Brunnen, ein Bad, eine Medizin,
Sulfonal oder Antipyrin,
Massage, Kneipp-Kaltwasserkur,
Schweninger, Schreber, versuch etwas doch nur,
Davos oder Nizza, Oder Tarasp oder Sylt oder Föhr,
Oder bloß auch Mampes Magenlikör!«
So stürmt es zu Zeiten auf mich ein,
Ich nehm‘ es hin, ich steck‘ es ein,
Ich denke der Szene, die jahrauf, jahrab
Ich halbjährlich mit meinem Schuhmacher hab‘,
Ich zeig‘ ihm dann ein Stiefelpaar,
Das in Ehren gedient seit manchem Jahr,
Und will ihn, während Zigarren glimmen,
Zu ’nem Riester für den Stiefel bestimmen.
Er aber dreht bloß hin und her
Und lächelt: »Ne, Herr, es lohnt sich nicht mehr!»
| 2 Juni 2019 |
|
| DICHTUNG | Theodor Fontane | |
| LESUNG | Rolf Nagel | |
| BEREITSTELLUNG | wortlover |
Laß ab von diesem Zweifeln, Klauben,
vor dem das Beste selbst zerfällt,
und wahre dir den vollen Glauben
an dieser Welt trotz dieser Welt.
Schau hin auf eines Weibes Züge,
das lächelnd auf den Säugling blickt,
und fühl’s: es ist nicht alles Lüge,
was uns das Leben bringt und schickt.
Und, Herze, willst du ganz genesen,
sei selber wahr, sei selber rein!
Was wir in Welt und Menschen lesen,
ist nur der eigene Widerschein.
Beutst du dem Geiste seine Nahrung,
so laß nicht darben sein Gemüt,
des Lebens höchste Offenbarung
doch immer aus dem Herzen blüht.
Ein Gruß aus frischer Knabenkehle,
ja mehr noch eines Kindes Lall’n
kann leuchtender in deine Seele
wie Weisheit aller Weisen fall’n.
Erst unter Kuß und Spiel und Scherzen
erkennst du ganz, was Leben heißt;
o lerne denken mit dem Herzen,
und lerne fühlen mit dem Geist.
| 16 August 2017 |
|
Die sinnlichsten Küsse sind ausgesprochene Gedanken, eingekleidet in Wortwölkchen.






























