Kindesthränen

DICHTUNG Ferdinand von Saar
LESUNG Arnold Frank
BEREITSTELLUNG LYRIK & MUSIK


 

Willst du die Leiden dieser Erde,
Der Menschheit Jammer ganz versteh´n,
Musst du mit scheuer Gramgebärde,
Ein Kind im Stillen weinen seh´n;

Ein Kind, das eben fortgewichen
Aus frühlicher Gespielen Kreis
Und nun, vom ersten Schmerz beschlichen,
In Thränen ausbricht, stumm und heiß.

Du weißt nicht, was das kleine Wesen
So rauh und plötzlich angefasst –
Doch ist´s in seinem Blick zu lesen,
Wie es schon fühlt des Daseins Last.

Wie es sich bang und immer bänger
Zurück schon in sein Inn´res zieht,
Weil es Bedränger auf Bedränger
Mit leisem Schaudern kommen sieht.

Willst du die Leiden dieser Erde,
Der Menschheit Jammer ganz versteh´n:
Musst du mit scheuer Gramgebärde
Ein Kind im Stillen weinen seh´n.

Das Göttliche

DICHTUNG Johann Wolfgang von Goethe
LESUNG Fritz Stavenhagen



Edel sei der Mensch,
Hilfreich und gut!
Denn das allein
Unterscheidet ihn
Von allen Wesen,
Die wir kennen.

Heil den unbekannten
Höhern Wesen,
Die wir ahnen!
Ihnen gleiche der Mensch!
Sein Beispiel lehr uns
Jene glauben.

Denn unfühlend
Ist die Natur:
Es leuchtet die Sonne
Über Bös und Gute,
Und dem Verbrecher
Glänzen wie dem Besten
Der Mond und die Sterne.

Wind und Ströme,
Donner und Hagel
Rauschen ihren Weg
Und ergreifen
Vorüber eilend
Einen um den andern.

Auch so das Glück
Tappt unter die Menge,
Faßt bald des Knaben
Lockige Unschuld,
Bald auch den kahlen
Schuldigen Scheitel.

Nach ewigen, ehrnen,
Großen Gesetzen
Müssen wir alle
Unsreres Daseins
Kreise vollenden.

Nur allein der Mensch
Vermag das Unmögliche:
Er unterscheidet,
Wählet und richtet;
Er kann dem Augenblick
Dauer verleihen.

Er allein darf
Den Guten lohnen,
Den Bösen strafen,
Heilen und retten,
Alles Irrende, Schweifende
Nützlich verbinden.

Und wir verehren
Die Unsterblichen,
Als wären sie Menschen,
Täten im großen,
Was der Beste im kleinen
Tut oder möchte.

Der edle Mensch
Sei hilfreich und gut!
Unermüdet schaff er
Das Nützliche, Rechte,
Sei uns ein Vorbild
Jener geahneten Wesen!

Alte Männer

Es gibt keine alten Männer, sondern nur Menschen, die sich im falschen sozialen Setting bewegen: mit 60 ist man zu jung für das Seniorenheim, mit 10 zu alt für den Kindergarten.

Warum erreichen dann Menschen überhaupt ein hohes Alter, obwohl sie ihren Erziehungsauftrag den Kindern gegenüber erfüllt haben?
Die Weiterreichung an Wissen, Kultur, Lebenserfahrung und Identitätsstiftung ist ein lebenslanger Prozess und hört niemals auf und ist von der Natur eingerichtet.

Die Natur macht keine Fehler.
Daher haben auch ältere Menschen von Natur aus eine Daseinsberechtigung.