| 10 Juli 2018 |
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| DICHTUNG | Ferdinand von Saar | |
| LESUNG | Arnold Frank | |
| BEREITSTELLUNG | LYRIK & MUSIK |
Willst du die Leiden dieser Erde,
Der Menschheit Jammer ganz versteh´n,
Musst du mit scheuer Gramgebärde,
Ein Kind im Stillen weinen seh´n;
Ein Kind, das eben fortgewichen
Aus frühlicher Gespielen Kreis
Und nun, vom ersten Schmerz beschlichen,
In Thränen ausbricht, stumm und heiß.
Du weißt nicht, was das kleine Wesen
So rauh und plötzlich angefasst –
Doch ist´s in seinem Blick zu lesen,
Wie es schon fühlt des Daseins Last.
Wie es sich bang und immer bänger
Zurück schon in sein Inn´res zieht,
Weil es Bedränger auf Bedränger
Mit leisem Schaudern kommen sieht.
Willst du die Leiden dieser Erde,
Der Menschheit Jammer ganz versteh´n:
Musst du mit scheuer Gramgebärde
Ein Kind im Stillen weinen seh´n.
| 21 März 2018 |
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| DICHTUNG | Johann Wolfgang von Goethe | |
| LESUNG | Fritz Stavenhagen |
Edel sei der Mensch,
Hilfreich und gut!
Denn das allein
Unterscheidet ihn
Von allen Wesen,
Die wir kennen.
Heil den unbekannten
Höhern Wesen,
Die wir ahnen!
Ihnen gleiche der Mensch!
Sein Beispiel lehr uns
Jene glauben.
Denn unfühlend
Ist die Natur:
Es leuchtet die Sonne
Über Bös und Gute,
Und dem Verbrecher
Glänzen wie dem Besten
Der Mond und die Sterne.
Wind und Ströme,
Donner und Hagel
Rauschen ihren Weg
Und ergreifen
Vorüber eilend
Einen um den andern.
Auch so das Glück
Tappt unter die Menge,
Faßt bald des Knaben
Lockige Unschuld,
Bald auch den kahlen
Schuldigen Scheitel.
Nach ewigen, ehrnen,
Großen Gesetzen
Müssen wir alle
Unsreres Daseins
Kreise vollenden.
Nur allein der Mensch
Vermag das Unmögliche:
Er unterscheidet,
Wählet und richtet;
Er kann dem Augenblick
Dauer verleihen.
Er allein darf
Den Guten lohnen,
Den Bösen strafen,
Heilen und retten,
Alles Irrende, Schweifende
Nützlich verbinden.
Und wir verehren
Die Unsterblichen,
Als wären sie Menschen,
Täten im großen,
Was der Beste im kleinen
Tut oder möchte.
Der edle Mensch
Sei hilfreich und gut!
Unermüdet schaff er
Das Nützliche, Rechte,
Sei uns ein Vorbild
Jener geahneten Wesen!
| 14 Oktober 2017 |
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Es gibt keine alten Männer, sondern nur Menschen, die sich im falschen sozialen Setting bewegen: mit 60 ist man zu jung für das Seniorenheim, mit 10 zu alt für den Kindergarten.
Warum erreichen dann Menschen überhaupt ein hohes Alter, obwohl sie ihren Erziehungsauftrag den Kindern gegenüber erfüllt haben?
Die Weiterreichung an Wissen, Kultur, Lebenserfahrung und Identitätsstiftung ist ein lebenslanger Prozess und hört niemals auf und ist von der Natur eingerichtet.
Die Natur macht keine Fehler.
Daher haben auch ältere Menschen von Natur aus eine Daseinsberechtigung.
| 10 November 2012 |
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An einem Wintermorgen vor Sonnenaufgang (0:52)
Eduard Mörike (1804 – 1875)
O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe!
Welch neue Welt bewegest du in mir.
Was ists, da ich auf einmal nun in dir
Von sanfter Wollust meines Daseins glühe?
Einem Kristall gleicht meine Seele nun,
Den noch kein falscher Strahl des Lichts getroffen.
Zu fluten scheint mein Geist, er scheint zu ruhn,
Dem Eindruck naher Wunderkräfte offen,
Die aus dem klaren Gürtel klarer Luft
Zuletzt ein Zauberwort vor meine Sinne ruft.
Und welch Gefühl entzückter Stärke,
Indem mein Sinn sich frisch zur Ferne lenkt!
Vom ersten Mark des heutgen Tags getränkt,
Fühl ich mir Mut zu jedem frommen Werke.
Die Seele fliegt, so weit der Himmel reicht.
Der Genius jauchzt in mir! Doch sage,
Warum wird jetzt der Blick von Wehmut feucht?
Ists ein verloren Glück, was mich erweicht?
Ist es ein Werdendes, was ich im Herzen trage?
Hinweg, mein Geist! Hier gilt kein Stillestehen:
Es ist ein Augenblick, und alles wird verwehn!
Erinnerung an Klärchen Neuffer (4:12)
Eduard Mörike (1804 – 1875)
Jenes war zum letzten Male,
Dass ich mit dir ging, o Klärchen!
Ja, das war das letzte Mal,
Dass wir uns wie Kinder freuten.
Als wir eines Tages eilig
Durch die breiten, sonnenhellen,
Regnerischen Straßen, unter
Einem Schirm geborgen, liefen.
Beide heimlich eingeschlossen
Wie in einem Feenstübchen.
Endlich einmal Arm in Arme!
Wenig wagten wir zu reden,
Denn das Herz schlug zu gewaltig.
Beide merkten wir es schweigend.
Und ein jedes schob im stillen
Des Gesichtes glühnde Röte
Auf den Widerschein des Schirmes.
Ach, ein Engel warst du da!
Wie du auf den Boden immer
Blicktest, und die blonden Locken
Um den hellen Nacken fielen.
»Jetzt ist wohl ein Regenbogen
Hinter uns am Himmel« sagt ich,
»Und die Wachtel dort am Fenster,
Deucht mir, schlägt noch eins so froh!«
Und im Weitergehen dacht ich
Unserer ersten Jugendspiele.
Dachte an dein heimatliches
Dorf und seine tausend Freuden.
»Weißt du auch noch« frug ich dich,
»Nachbar Büttnermeisters Höfchen,
Wo die großen Kufen lagen,
Drin wir sonntags Nachmittag uns
Immer häuslich niederließen,
Plauderten, Geschichten lasen,
Während drüben in der Kirche
Kinderlehre war – (ich höre
Heute noch den Ton der Orgel
Durch die Stille rings umher) –
Sage, lesen wir nicht einmal
Wieder wie zu jenen Zeiten
– Just nicht in der Kufe, mein ich –
Den beliebten Robinson?«
Und du lächeltest und bogest
Mit mir um die letzte Ecke.
Und ich bat dich um ein Röschen,
Das du an der Brust getragen.
Und mit scheuen Augen schnelle
Reichtest du mirs hin im Gehen.
Zitternd hob ichs an die Lippen.
Küsst es brünstig zwei und dreimal.
Niemand konnte dessen spotten.
Keine Seele hats gesehn.
Und du selber sahst es nicht.
An dem fremden Haus, wohin
Ich dich zu begleiten hatte,
Standen wir nun, weißt, ich drückt
Dir die Hand und –
Dieses war zum letzten Male,
Dass ich mit dir ging, o Klärchen!
Ja, das war das letztemal,
Dass wir uns wie Kinder freuten.
Septembermorgen (9:00)
Eduard Mörike (1804 – 1875)
Im Nebel ruhet noch die Welt.
Noch träumen Wald und Wiesen.
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt.
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.
| 6 September 2012 |
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Wer vermag es denn zu spüren,
was sich still, unfühlbar entzieht?
Ach, was kann uns liebend führen
in wahres Dasein, das entflieht.
Ein Gesang, der sich vielleicht
hernieder lässt, streifend
wie ein milder Hauch, der reicht
in Wahrheit, langsam reifend,
in dir, in Welt und Sternen,
bis hin zu diesen Fernen,
ins Nichts, wo alles sich enthält, –
dein Sinn in Ewigkeiten fällt.
| Textdichter | Holger Jürges | |
| Lesung | Holger Jürges | |
| Bereitstellung | wortlover |
| 12 Mai 2012 |
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Kommendes ist nie ganz fern; Entflohnes
Nie ganz fortgenommen wenn es floh -;
Doch das Wiederkommen eines Tones
Ordnet erst das viele Leben so,
Daß der Einsame, der sich nicht kennt,
Eine Weile ruht in seinen Maßen
Eh er wieder auf den fremden Straßen
Weiter muß, in Tage aufgetrennt.
Wiederkommen -: Wie er das genießt,
Einmal wiederkommen und verweilen
Wo aus Wünschen, die ihn nur durcheilen,
Sich ein Wirkliches und Warmes schließt,
Dessen Dasein, Sinn, Gesetz und Güte
Eine kleine Zeit auch für ihn gilt
Und ihm so, als ob sie ihn behüte,
Lang noch nachgeht, licht und wohlgewillt -.
| Dichtung | Rainer Maria Rilke | |
| Lesung | Vera | |
| Bereitstellung | RilkeForum |


































