| 24 August 2019 | |
Heute von der Performance-Gruppe Gintersdorfer / Klaßen im Rahmen des Kunstfestes Weimar 2019 mit Gesten und Publikumsbeteiligung vorgetragen. Mit dabei mein absoluter Liebling Hauke Neumann.
| DICHTUNG | Bertold Brecht | |
| MUSIK | Hanns Eisler | |
| MUSIK | Ernst Busch | |
| BEREITSTELLUNG | Palm Cooper |
Vorwärts, und nie vergessen,
worin unsre Stärke besteht!
Beim Hungern und beim Essen,
vorwärts, nicht vergessen
die Solidarität!
Auf, ihr Völker dieser Erde!
Einigt euch in diesem Sinn:
Daß sie jetzt die eure werde
und die große Nährerin.
Vorwärts, und nie vergessen,
worin unsre Stärke besteht!
Beim Hungern und beim Essen,
vorwärts, nicht vergessen
die Solidarität!
Schwarzer, Weißer, Brauner, Gelber!
Endet ihre Schlächterein!
Reden erst die Völker selber,
werden sie schnell einig sein.
Vorwärts, und nie vergessen,
worin unsre Stärke besteht!
Beim Hungern und beim Essen,
vorwärts, nicht vergessen
die Solidarität!
Wollen wir es schnell erreichen,
brauchen wir noch dich und dich.
Wer im Stich läßt seinesgleichen,
läßt ja nur sich selbst im Stich.
Vorwärts, und nie vergessen,
worin unsre Stärke besteht!
Beim Hungern und beim Essen,
vorwärts, nicht vergessen
die Solidarität!
Unsre Herrn, wer sie auch seien,
sehen unsre Zwietracht gern,
denn solang sie uns entzweien,
bleiben sie doch unsre Herrn.
Vorwärts, und nie vergessen,
worin unsre Stärke besteht!
Beim Hungern und beim Essen,
vorwärts, nicht vergessen
die Solidarität!
Proletarier aller Länder,
einigt euch, und ihr seid frei!
Eure großen Regimenter
brechen jede Tyrannei.
Vorwärts, und nie vergessen,
die Frage an jeden gestellt:
Willst du hungern oder essen?
Wessen Morgen ist der Morgen?
Wessen Welt ist die Welt?
| 30 Dezember 2018 | |
Franz Grillparzer (1791 – 1872)
Gestorben? – Ich weiß noch nicht, wann?
Kommt einst dir das Datum zu Ohren,
So fügs zur Ergänzung hier an.
Und hast du es niedergeschrieben,
So hast du mich ganz, auf ein Haar.
Was etwa noch übrig geblieben,
Wird wohl nach dem Tode erst wahr.
Franz Grillparzer (1791 – 1872)
Und es ist neblicht und kalt.
Gegrüßt seist du Halber dort oben,
Wie du, bin ich einer, der halb.
Halb gut, halb übel geboren,
Und dürftig in beider Gestalt.
Mein Gutes ohne Würde,
Das Böse ohne Gewalt.
[…]
Halb gab ich mich hin den Musen,
Und sie erhörten mich halb.
Hart auf der Hälfte des Lebens
Entflohn sie und ließen mich alt.
[…]
Franz Grillparzer (1791 – 1872)
Vergleich ich den Papageien.
Sie haben drei oder vier Worte,
Die wiederholen sie an jedem Orte.
Romantisch, klassisch und modern:
Scheint schon ein Urteil diesen Herrn.
Und sie übersehen in stolzem Mut
Die wahren Gattungen: schlecht und gut.
Franz Grillparzer (1791 – 1872)
Weiß ihre Brust,
Klein mein Vertrauen,
Doch groß meine Lust.
Schwatzhaft in Blicken,
Schweigend die Zung,
Alt das Missglücken,
Wunsch immer jung.
Arm, was ich brachte,
Reich meine Lieb,
Warm, was ich dachte,
Kalt, was ich schrieb.
Franz Grillparzer (1791 – 1872)
Du dunkle Nacht!
Hier waren Wiesen,
War Farbenpracht.
Hier ist die Stelle,
Hier stand das Haus.
Ich such, ich taste,
Ich finds nicht aus.
Ferdinand Raimund (1790 – 1836)
Oft um den Wert des Glücks.
Der eine heißt den andern dumm.
Am End weiß keiner nix.
Das ist der allerärmste Mann,
Der andre viel zu reich.
Das Schicksal setzt den Hobel an
Und hobelt sie beide gleich.
Die Jugend will halt stets mit G’walt
In allem glücklich sein.
Doch wird man nur ein bisschen alt,
Da find’t man sich schon drein.
Oft zankt mein Weib mit mir, o Graus!
Das bringt mich nicht in Wut,
Da klopf ich meinen Hobel aus
Und denk, du brummst mir gut.
Zeigt sich der Tod einst mit Verlaub
Und zupft mich: Brüderl, kumm,
Da stell ich mich im Anfang taub
Und schau mich gar nicht um.
Doch sagt er: Lieber Valentin,
Mach keine Umständ, geh!
Da leg ich meinen Hobel hin
Und sag der Welt Ade.
| 24 Dezember 2017 | |
| DICHTUNG | Otto Julius Bierbaum | |
| LESUNG | Bettina Radener |
Hört, schöne Herr`n und Frauen,
Die ihr im Lichte seid:
Wir kommen aus dem Grauen,
Dem Lande Not und Leid;
Weh tun uns unsre Füße
Und unsre Herzen weh,
Doch kam uns eine süße
Botschaft aus Eis und Schnee.
Es ist ein Licht erklommen,
Und uns auch gilt sein Schein.
Wir habens wohl vernommen:
Das Christkind ist gekommen
Und soll auch uns gekommen sein.
Drum gehen wir zu den Orten,
Die hell erleuchtet sind,
Und klopfen an die Pforten:
Ist hier das Christuskind?
Es hat wohl nicht gefunden
Den Weg in unsre Nacht,
Drum haben wir mit wunden
Füßen uns aufgemacht,
Dass wir ihm unsre frommen
Herzen und Bitten weihn.
Wir habens wohl vernommen:
Das Christkind ist gekommen
Und soll auch uns gekommen sein.
So lasst es uns erschauen,
Die ihr im Lichte seid!
Wir kommen aus dem Grauen,
Dem Lande Not und Leid;
Wir kommen mit wund‘ Füßen,
doch sind wir trostgemut:
Wenn wir das Christkind grüßen,
Wird alles, alles gut.
Der Stern, der heut erglommen,
Gibt allen seinen Schein:
das Christkind ist gekommen! –
Die ihr es aufgenommen,
O, lasst auch uns zu Gaste sein!
| 9 August 2016 | |
| DICHTUNG | Heinrich Heine | |
| LESUNG | Katharina Thalbach |
Der Vorhang fällt, das Stück ist aus,
Und Herrn und Damen gehn nach Haus.
Ob ihnen auch das Stück gefallen?
Ich glaub, ich hörte Beifall schallen.
Ein hochverehrtes Publikum
Beklatschte dankbar seinen Dichter.
Jetzt aber ist das Haus so stumm,
Und sind verschwunden Lust und Lichter.
Doch horch! ein schollernd schnöder Klang
Ertönt unfern der öden Bühne,
Vielleicht, daß eine Seite sprang
An einer alten Violine.
Verdrießlich rascheln im Parterr
Etwelche Ratten hin und her,
Und alles riecht nach ranzgem Öle.
Die letzte Lampe ächzt und zischt
Verzweiflungsvoll und sie erlischt.
Das arme Licht war meine Seele.
| 20 Mai 2016 | |
Bezugnehmend auf den Artikel von Zoe Beck
Letztens erst wieder: Zum Veranstaltungsende bekommen die an der Diskussionsrunde beteiligten Frauen Blumensträuße, die Männer Bücher. Ich bin nicht die einzige im Publikum, die große Augen macht. Die Frau, die neben mir sitzt, schüttelt den Kopf und sagt: Das glaub ich doch nicht. Das können die doch nicht machen.
Machen sie aber.
Warum bekommen die Frauen Blumen und die Männer Bücher?, frage ich hinterher in die Runde. Ach, das ist doch alles nicht so wichtig, sagt jemand. Oder: Hat sich noch niemand beschwert. Oder: Ist doch egal, wer weiß, vielleicht sind die Bücher ja auch blöd. Aber tatsächlich sagen viele: Ja, hab ich mich auch gefragt. So ein Unfug.
Es stört mich, und eben nicht nur mich, weil es so symbolisch ist. Blumenschmuck für die Damen, das „schöne Geschlecht“, etwas Dekoratives, und nun könnte man denSymbolcharakter noch weiter ausdehnen, aber das ginge zu weit. Und für die Herren…
Als Frau hätte ich die just empfangene Blume stilvoll vor den Mund gehalten und „durch die Blume“ mit übertriebender Gebärde in die Runde der männlichen Mohngesichter die Frage gestellt, ob Georg Büchner nebst seiner revolutionären Schriften auch Anthologien („Blumenlese“) las. Aber vermutlich hätte das niemand verstanden und ich hätte mich dann wohl in Anwesenheit jenes Witzvakuums „verduftet“…
| 5 Februar 2016 | |
| DICHTUNG | Novalis | |
| LESUNG | Jürgen Goslar | |
| BEREITSTELLUNG | wortlover |
Jüngst als Lisettchen im Fenster saß,
Da kam Herr Filidor
Und küßte sie,
Umschlang ihr weiches, weißes Knie;
Und sagt ihr was ins Ohr,
Ich weiß nicht was.
Dann gingen beide fort, er und sie,
Und lagerten sich hier,
Im hohen Gras
Und triebens frei in Scherz und Spaß;
Er spielte viel mit ihr,
Ich weiß nicht wie.
Zum Spiele hatt er viel Genie,
Er triebs gar mancherlei,
Bald so, bald so,
Da wars das gute Mädel froh,
Doch seufzte sie dabei,
Ich weiß nicht wie?
Das Ding behagt dem Herren baß
Oft gings da capo an?
Doch hieß es drauf,
Nach manchem, manchem Mondenlauf,
Er hab ihr was getan;
Ich weiß nicht was.



































