Lyrik ~ Klinge
    Versuch einer Dichtung            

1 
 April 
 
2025


 


Auszug aus „Cyrano de Bergerac“

Wie voll mein Herz von Zärtlichkeit gewesen,
hast Du’s geahnt ?
Nie mehr, aber auch nie mehr
wird mein trunkener Blick nie mehr
in seliger Lust
die Lüfte küssen, die Du Zauberin
mit lieblichen Gebärden sanft bewegt.

Wie Deine Hand sich an meine Stirne legt,
ich seh’s im Geiste und Grüße send‘ ich hin.
Mein ganzes Herz ist auch im Tode dein
und alle Glut, die liebend ich Dir zolle,
flammt noch in meiner Augen letztem Strahl.

 
 
28 
 Oktober 
 
2017

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Lutz Görner lädt uns zu einer literarischen Reise ein

 

Die Blumen des Bösen (Les fleurs du mal) (0:32)
Charles Baudelaire (1821 – 1867)
In Dumpfheit, Irrtum, Sünde, immer tiefer
Versinken wir mit Seele und mit Leib.
Und Reue, diesen lieben Zeitvertreib,
Ernähren wir wie Bettler ihr Geziefer.
Des Teufels Fäden sinds, die uns bewegen.
Wir lieben Graun, berauschen uns im Sumpf.
Und Tag für Tag zerrt willenlos und stumpf
Der Böse uns der Hölle Stank entgegen.
Wie an der Brust gealterter Mätressen,
Der arme Wüstling stillt die tolle Gier,
So haschen nach geheimen Lüsten wir,
Um sie wie dürre Früchte auszupressen.
Der Feind (2:53)
Charles Baudelaire (1821 – 1867)
Mein Kinderland war voll Gewittertagen,
Nur selten hat die Sonne mich gestreift,
Und viele Blüten hat der Blitz zerschlagen,
So dass nur wenig Früchte mir mein Garten reift.
Der Albatros (4:14)
Charles Baudelaire (1821 – 1867)
Oft kommt es vor, dass, um sich zu vergnügen,
Das Schiffsvolk einen Albatros ergreift.
Den großen Vogel, der in lässgen Flügen
Dem Schiffe folgt, das durch die Wogen streift.

Doch, – kaum gefangen auf des Schiffes Planken –
Der stolze König in der Bläue Reich,
Lässt traurig seine mächtgen Flügel hangen,
Die, ungeschickten, langen Rudern gleich,

Nun matt und jämmerlich am Boden schleifen.
Wie ist der stolze Vogel nun so zahm!
Sie necken ihn mit ihren Tabakspfeifen,
Verspotten seinen Gang, der schwach und lahm.

Der Dichter gleicht dem Wolkenfürsten droben,
Er lacht des Schützen hoch im Sturmeswehn.
Doch unten in des Volkes frechem Toben
Verhindern mächtge Flügel ihn am Gehn.
An ein Mädchen aus Mauritius (5:55)
Charles Baudelaire (1821 – 1867)
So fein sind Hand und Fuß, so weich der Hüften Biegen.
Europas Schönste müsst im Wettstreit dir erliegen.
Mein Blick voll Lust den holden Körper schaut,
Und deine dunklen Augen, die schwärzer als die Haut.
Im Morgenwind, wenn leise singen die Platanen,
Kaufst du dir Ananas und saftige Bananen.
Und senkt der Abend dann des Scharlachmantels Schatten,
Streckst du die Glieder sanft auf den geflochtenen Matten,
Und Träume flattern auf, den bunten Vögeln gleich,
Beschwingt und zart wie du, wie du an Anmut reich.

Was zieht dich, glücklich Kind, nach unsrem fernen Lande,
Von Menschen übervoll und voll von Leid und Schande,
Weshalb dich anvertrauen denn den Schiffern und den Winden
Und heißen Abschied nehmen nun von deinen Tamarinden?
Ach Mädchen, halbbekleidet nur mit zartem Musselin,
Wenn dich der Hagel trifft, Schneestürme dich umziehn,
Wie wirst du weinen um die Tage, die verrannen,
Wie wird ein Mieder dir die Hüften roh umspannen!
Und wenn du müde ziehst durch unsren Schlamm und Kot,
Und deinen fremden Reiz verkaufst ums Abendbrot,
Dann wird dein Auge starr durch trübe Nebel träumen,
Und du siehst fern und wirr Schatten von Kokosbäumen.
 
 
30 
 Juli 
 
2017


 

Scherenschnitt (bearbeitet)
Margarete Schreiber[1]Foto: Margarete Schreiber. In: „Das Himmelsvolk“ von Waldemar Bonsels

 
Orpheus‘ Trauer
» Doch starrend vor Schmutz an dem Ufer
saß er sieben der Tag‘
und verschmähte die Gabe der Ceres « [2]aus: „Die Metamorphosen“ von Ovid


 
Musik
Ludwig van Beethoven [3]Klavierkonzert Nr. 8, Pathétique


[ Bemerkung zum Text ] [4] Ich distanziere mich explit zu Bezügen aus meinem privaten Umfeld, die rein zufällig wären und der Text darüberhinaus dem Jahre 1999(?) entstammt. Lediglich die Verortung im Gedichtezyklus „Mnemosynes Geleit“ war angedacht.

 
Klage des Orpheus‘

 
Scheidend winkt
des Liebeszaubers milder Flammenblick,
entsagend, letzten Loderschlag.
 
Das Lampenöl ist aufgezehrt,
entsendet matten Trauerflor
als träges Rauchgeschleier
mit schwerer Flügelschwinge.
 
Und mit ihm flieht das kühne Hoffen
entschwelgt, erkühlter Brust.
 
* * *
 
Der stumme Sterbensgruß
haucht eises Herzensregen,
raut Stimme und den samt’gen Blick,
schallt jenen trauten Heimatruf,
der einst mit holder Himmelsmacht
im Taumel regen Busens
des Herzens Säulen wanken ließ.
 
* * *
 
Wo einst der Liebe Treueschwur
auf keucher Lippe glühte,
der Wange Rosenbeet erblühte,
obsiegt nun äschern Schattenwurf,
drang Wollust sich ins Liebesreich
und Flammen der wilden Begierde
entweihten jäh mit lohem Steppenbrand
der Wangen heil’ge Erde.
 
* * *
 
Gewiss, auch dich, Eros,
du mildbeflammter Seelenwächter,
entwaffnet rege Frevelhand der Mächtigen [5]die Parzen,
entreisst den sich’ren Schaft
der ölgetränkten Fackel dir
und tauchet sie in Lethes [6]Lethe ist ein Fluss der Unterwelt Leidensstrom
mit kraller Bärenpranke nieder.
 
* * *
 
Oh heilige Liebesbande,
deines festen Griffes Treugeleit
entglitt mir schon auf halbem Wege.
 
Denn gleich des Kometen verglühenden Glanzes
als silberner Himmelsstreif flüchtiger Schöne
und Spielball der sphärischen Mächte,
so wandelt sich hier nun im Trauertal
der Liebenden tröstlicher Abendstern
grell niederfallend zu Erdenstaub,
als Streu des launischen Windes.
→ zu Mnemosynes Geleit
Eherne Welt

Fußnoten[+]

 
 
28 
 Juli 
 
2017


 

Der Grabstein gelebter Güte

 
Musik
Ludwig van Beethoven [1]Klavierkonzert Nr. 5, Op. 73, II. Adagio

[ Bemerkung zum Text ] [2] Ich distanziere mich explit zu Bezügen aus meinem privaten Umfeld, die rein zufällig wären und der Text darüberhinaus dem Jahre 1999(?) entstammt. Lediglich die Verortung im Gedichtezyklus „Mnemosynes Geleit“ war angedacht.

Orpheus‘ Trost

Im tanzenden gleisen Morgenlichte
des munteren Lebenstaumels
schimmert silberner Inschrift
kühl der Marmor:

Heil der schönen Trösterseele,
dein wahrer Glanz verblasset nie!

Dein Erdenstreif umging den Pfad
der unbeschwerten Sinneslust,
beschritt getreu den Dornenweg,
den schmalen Steig der Tugendlast.


Allzu früh im Jugendgarten
flammte dir der Toteninsel
Fackelruf! Ein köstlich Los ward
dir zuteil, der Götter Liebling,
die treu die Ihren im Schoße empfangen.

Wohlan, Teure, Morpheus‘ Lager rufet dich,
hebe dich getrost in Charons sich’ren Kahn!

* * *

Eines Wanderers forschendes Auge
streifet über die flüsternden Lettern
und wieget bedächtig das Herz.

Der stählerne Blick, er zerbricht
und schmilzt bestürmt zur Tränensaat.

Die heilige Erde,
benetzt von dem salzigen Kleinod,
sie atmet und haucht der Verstorbenen Geist
mit rankem Bemüh’n in das Ohr:

„Siehe,
wie rings umher auf lichtgeschwellter Heide
der reichen Apfelbäume Blütenschar
an Helios‘ Liebesstreiche sich erlabt,
dass jedes weilend Auge sich
mit trunk’nem Sinn daran erfreuet.

Auch dieses Schmuckgewande welkt,
entweicht und muss entweichen höher’m Glücke,
das waltende Zepter dazureichen
der eigentlichen Segensfrucht.

Wenn des Samens fahle Hülle nicht erstirbt,
vermag der Spross aus ewigem Schattenreiche
nimmer sich erheben.

Es ziert der Venus wahre Gunst,
wenn flücht’ger Dunst der nieder’n Kunst
entflieht und Schönes Schöneres gebiert.“
→ zu Mnemosynes Geleit
Eherne Welt

Fußnoten[+]

 
 
27 
 Mai 
 
2017

abgelegt in
Gedankenschau

 

Wieso geschriebene Geburtstagsgrüße, sowohl empfangene als auch selbst geschriebene, meiner- und andererseits nicht beantwortet werden, hat seine Gründe.
Zuweilen sind es Gründe des (Selbst-)Schutzes und der Traurigkeit und müssen noch nicht einmal darin begründet sein, einen anderen Menschen zu verletzen.

Viel wichtiger allerdings als (oft formale) Geburtstagsgrüße wiegt hingegen der freundliche Umgang im Gespräch, den ich letzten Dienstag als sehr angenehm empfand, geistreich verspielt, geradezu herzerfrischend, vitalisierend [1]Leben eben, aussöhnend, aber auch wehmütig zugleich.

Doch die Reise geht weiter … und muss auch weiter gehen, für beide.
Danke für die gemeinsame Wegstrecke.

(Nachtrag: Während des Schreibens dieses Beitrags erreichte mich die Rückantwort meines entsandten Geburtstagsgrußes)

Fußnoten[+]

 
 
6 
 August 
 
2016


 

O welt! ich muß dich lassen,
Ich fahr‘ dahin mein‘ straßen
In’s ew’ge vaterland;
Mein’n geist will ich aufgeben,
Dazu mein leib und leben
Setzen in Gottes gnäd’ge hand.

Mein‘ zeit ist nun vollendet,
Der tod das leben endet,
Sterben ist mein gewinn;
Kein bleiben ist auf erden,
Das ew’ge muß mir werden:
Mit fried und freud‘ ich fahr‘ dahin.

Ob mich gleich hat betrogen
Die welt, von Gott gezogen
Durch schand‘ und büberei,
Will ich doch nicht verzagen,
Sondern mit glauben sagen,
Daß mir mein‘ sünd‘ vergeben sei.

Auf Gott steht men vertrauen,
Sein antlitz will ich schauen,
Wahrlich, durch Jesum Christ,
Der für mich ist gestorben,
Des Vaters huld erworben,
Mein mittler er auch worden ist.

Die sünd‘ mag mir nicht schaden,
Erlös’t bin ich aus gnaden,
Umsonst durch Christi blut.
Kein werk kommt mir zu frommen,
So will ich zu ihm kommen
Allein durch wahren glauben gut.

Ich bin ein unnütz knechte,
Mein thun ist viel zu schlechte,
Denn daß ich ihm bezahl‘
Damit das ew’ge leben,
Umsonst will er mir’s geben,
Und nicht nach mein’m verdienst und wahl.

Drauf will ich fröhlich sterben,
Das himmelreich ererben,
Wie er’s mir hat bereit’t.
Hier mag ich nicht mehr bleiben,
Der tod thut mich vertreiben,
Mein‘ seele sich vom leibe scheid’t.

Damit fahr‘ ich von hinnen,
O welt! thu‘ dich besinnen,
Denn du mußt auch hernach;
Thu‘ dich zu Gott bekehren,
Und von ihm gnad‘ begehren,
Im glauben sei du auch nicht schwach.

Die zeit ist schon vorhanden,
Hör‘ auf von sünd‘ und schanden,
Und richt‘ dich auf die bahn
Mit beten und mit wachen,
Sonst all‘ irdische sachen
Sollt du gutwillig fahren lan.

Das schenk‘ ich dir am ende:
Ade! zu Gott dich wende,
Zu ihm steht mein‘ begier.
Hüt‘ dich für pein und schmerzen,
Nimm mein’n abschied zu herzen,
Mein’s bleibens ist jetzt nicht mehr hier.

 

Dichter  Johann Hesse   |   Sprecher  Jürgen Fritsche