| 8 September 2026 |
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Aus Epiktets „Handbüchlein der Moral“
Sprachaufnahme von 2018
Werke sind besser als Worte
Taten sind besser als Reden
Taten sprechen lassen
Willst Philosoph du gar sein, so rühme dich nicht deiner Weisheit
schallend im Lobesgesang… SCHWEIGEN sei oberst Gebot!
Gleichwie im Müßiggange der Faule zur fleißigen Ameis‘ sich
neigt und lernet von ihr, sei auch das Schaf dir Lektion!
Wie die geweideten Schafe gesättigt sogleich auch nicht ausspei’n
kostbare Nahrung
und stolz herzeigen edelstes Gras,
sondern – verdauet – dessen Produkt
sich rühmlicher preist in
wollenem Fell, süßer Milch…
… sei dir dies Gleichnis Gewinn!
Schließ‘ deine Worte, der Weisheit Juwelen, in des Herzens Schatulle,
streu‘ in der Unordnung Wurf sie vor die Menge nicht hin!
Lass‘ der Gedanken Rubine erglühen durch der Erkenntnis
letzten Schliff, Prunkstein an Prunkstein zur Kette gereiht.
Prunker jedoch zeigt sich edlere Rede in schimmernder Tat!
Verstumme im Wort und verleih‘ Stimme allein nur dem Werk!
#epiktet #stoizismus #stoa #worte #werke #tat
| 30 Dezember 2018 |
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Walt Whitman (1819 – 1892)
Ich hörte, dass ihr wünscht,
Dass ich euch dies Rätsel, die neue Welt, erkläre.
Amerika und seine athletische Demokratie!
So sende ich euch denn meine Gedichte,
Damit ihr in ihnen schaut,
Wonach ihr verlangt.
Denn in euch allen,
Pulst Leben, Stolz, Liebe,
Genau wie in mir.
So seien Euch meine Lieder geweiht.
Walt Whitman (1819 – 1892)
Ich feiere mich selbst und singe mich selbst.
Doch ich singe auch über Demokratie und die Vielen.
Denn jedes Atom, das mir gehört, es gehört ja auch dir.
Und was ich mir nehme, das sollst auch du dir nehmen.
Ich schlendre dahin und lad meine Seele zu Gast.
Ich neige mich, schlendre behaglich dahin,
Einen Halm grünen Sommergrases betrachtend.
Ich singe das Leben, unermesslich in Leidenschaft,
Pulsschlag und Kraft, heiter zu freiester Tat,
Geformt nach Gottes Gesetz.
Ich singe das Weibliche ebenso wie ich das Männliche singe.
Ich singe den heutigen, singe den neuen, den amerikanischen Menschen.
Walt Whitman (1819 – 1892)
Ihr Leibeigenen, die ihr von Schweiß oder Blut trieft!
Ihr Elenden, verachtet selbst vom Niedrigsten der anderen!
Du zwerghafter Kamtschakale, Grönländer, Lappe!
Du Australneger, der du nackt, roh, schmutzig, mit vorragender Lippe, schleichend deine
Nahrung suchst!
Du Kaffer, Berber, Sudanese!
Du hagerer, ungeschlachter, unwissender Beduine!
Du seuchenbehaftetes Gewimmel in Madras, Nanking, Kabul, Kairo!
Du umnachteter Nomade von Amazonien!
Du Patagonier! Du Fidschi-Insulaner!
Ich ziehe keinen dem andern vor!
Ich sage kein Wort gegen euch dort hinten, wo ihr jetzt steht!
Ihr werdet zur richtigen Zeit vorwärts und an meine Seite kommen!
Ich glaube, irgendein göttlicher Einfluss hat mich euch gleichgestellt.
Auf der Halbinsel, hier in Manahatta,
Steh ich, auf dem hohen Felsen New York,
Um von dort auszurufen: Salut au monde! – Welt sei gegrüßt!
Zu euch allen in Amerikas Namen.
Senkrecht heb ich die Hand empor, gebe das Signal,
Für alle Orte und Wohnungen der Menschen.
Walt Whitman (1819 – 1892)
Our fearful trip is done.
The ship has weathered every rack,
The prize we sought is won.
O Captain! My Captain!
Rise up and hear the bells.
Rise up – for you the flag is flung –
For you the bugle trills.
My Captain does not answer,
His lips are pale and still.
My father does not feel my arm,
He has no pulse nor will.
The ship is anchored safe and sound,
Its voyage closed and done.
From fearful trip, the victor ship,
Comes in with object won.
Exult, o shores, and ring, o bells!
But I, with mournful tread,
Walk the deck my Captain lies,
Fallen cold and dead.
Übersetzung von Ferdinand Freiligrath
O Kapitän! Mein Kapitän!
Gefahr und Fahrt ist aus.
Das Schiff besiegte Sturm und Riff
Und bringt den Sieg nach Haus.
O Kapitän! Mein Kapitän!
Steh auf, vernimm die Glocken!
Steh auf! Für dich Trompetenschall,
Der Fahnen frohes Locken!
Mein Kapitän gibt Antwort nicht,
Sein Mund ist fahl und stille.
Mein Vater fühlt nicht meinen Arm,
Ihm stocken Puls und Wille.
Das Schiff vor Anker gut und fest.
Die fahrt getan und aus.
Trotz Not und Sturm, das Siegerschiff
Bringt den Preis nach Haus.
Ach, jauchzt nur, Ufer! Glocken, schallt!
Doch ich, in Schmerz und Not,
Geh noch auf Deck, wo mein Kapitän liegt,
Gefallen, kalt und tot.
| 28 Dezember 2018 |
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Gottfried Keller (1819 – 1890)
O weh mir, wehe! Meines Lebens Kreis,
Er hat sein Mittel und sein Maß verloren!
Ich bin ein wurzellos, zerknicktes Reis,
Dem Wintersturm zum leichten Spiel erkoren!
Der ich des Lebens Grundstein nicht gelegt,
Mir wäre besser, wenn ich nie geboren!
Der ich die Jugendzeit nicht zart gepflegt,
Werd nimmermehr die Zeit der Tat genießen!
Wie kann dem Baum, der keine Blüten trägt,
Dereinst die segensvolle Frucht entsprießen?
Und, da mein Quell verschüttet ist im Sand,
Kann je mein Strom frisch durch Gefilde fließen?
[…]
Gottfried Keller (1819 – 1890)
Mein Schulfreund aus den ersten Knabenjahren?
Wie weit sind auseinander wir gefahren
In unsern Schifflein auf des Lebens Wogen?
Als wir die Untersten der Klasse waren,
Wie haben wir treuherzig uns betrogen,
Erfinderisch und schwärmrisch uns belogen
Mit Abenteuern, Liebschaft und Gefahren!
Da seh ich just, beim Schimmer der Laterne,
Wie mir gebückt, zerlumpt ein Vagabund
Mit einem Häscher scheu vorübergeht –
So also wendeten sich unsre Sterne?
Und so hat es gewuchert, unser Pfund?
Du bist ein Schelm geworden – ich Poet!
Gottfried Keller (1819 – 1890)
Und tölpischer Gesell.
Hab gegen feine Mucker
Ein widerborstig Fell.
Ich bin als wilder Zecher
Auf einen Trunk erpicht,
Doch füllet meinen Becher
Ein edler Tropfen nicht.
Ich bin ein guter Streiter
Mit ungewaschnem Maul,
Ich bin ein guter Reiter,
Wenn auch auf magrem Gaul!
Und ob mein Schild auch rostig ist,
Und ob mein Schwert auch schartig ist,
Ich schlage drein nicht faul!
Gottfried Keller (1819 – 1890)
In Staub und trocknem Schlamme
Verborgen, wie die Flamme
In leichter Asche tut.
Er findet, wo er geht,
Die Leere dürftger Zeiten,
So kann er schamlos schreiten.
Nun wird er ein Prophet.
Auf einen Kehricht stellt
Er seine Schelmenfüße
Und zischelt seine Grüße
In die verblüffte Welt.
Gehüllt in Niedertracht
Gleichwie in einer Wolke,
Ein Lügner vor dem Volke,
Ragt bald er groß an Macht.
Erst log allein der Hund,
Nun lügen ihrer tausend.
Und wie ein Sturm erbrausend,
So wuchert jetzt sein Pfund.
Hoch schießt empor die Saat!
Verwandelt sind die Lande.
Die Menge lebt in Schande
Und lacht der Schofeltat!
Wenn einstmals diese Not
Lang wie ein Eis gebrochen,
Dann wird davon gesprochen,
Wie von dem schwarzen Tod.
Und einen Strohmann baun
Die Kinder auf der Heide,
Zu brennen Lust aus Leide
Und Licht aus altem Graun.
Gottfried Keller (1819 – 1890)
»Geschwind und lasst uns frein!
Wir können keinen einzigen Tag
Mehr ohne einander sein!«
Doch als ein Jährlein kaum verstrich,
Da liefen sie herbei und schrien:
»Herr Pfarrer, trennt und scheidet uns,
Lasst keine Minute fliehn!«
Das Pfäfflein runzelte sich und sprach:
»Macht euch die Scham nicht rot?
Wir haben es alle drei gelobt,
Euch trenne nur der Tod!«
»Rot macht die Scham, doch Reue blass!
Herr Pfarrer, gebt uns frei!«
Der Mann bot einen Taler dar,
Die Frau der Taler zwei.
Da tat das Pfäffel zwischen sie
Ein Kätzlein, heil und ganz.
Der Mann, der hielt es bei dem Kopf,
Die Frau hielt es am Schwanz.
Mit seinem Küchenmesser schnitt
Der Pfaff die Katz entzwei:
»Es trennt, es trennt, es trennt der Tod!«
Da waren sie wieder frei.
| 30 August 2018 |
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Säule 46 Des Herzens Feuerschale Werke sind besser als Worte |
an Lucius Flavius Arrianus [2]Zusammenfassung aus: „Handbüchlein der Moral“
Verlage: Ad Fontes, Reclam, Anaconda
schallend im Lobesgesang… SCHWEIGEN sei oberst Gebot!
Gleichwie im Müßiggange der Faule zur fleißigen Ameis‘ sich
neigt und lernet von ihr, sei auch das Schaf dir Lektion!
Wie die geweideten Schafe gesättigt sogleich auch nicht ausspei’n
kostbare Nahrung und stolz herzeigen edelstes Gras,
sondern – verdauet – dessen Produkt sich rühmlicher preist in
wollenem Fell, süßer Milch. Sei dir dies Gleichnis Gewinn!
Schließ‘ deine Worte, der Weisheit Juwelen, in des Herzens Schatulle,
streu‘ in der Unordnung Wurf sie vor die Menge nicht hin!
Lass‘ der Gedanken Rubine erglühen durch der Erkenntnis
letzten Schliff, Prunkstein an Prunkstein zur Kette gereiht.
Prunker jedoch zeigt sich edlere Rede in schimmernder Tat!
Verstumme im Wort und verleih‘ Stimme allein nur dem Werk!
Fußnoten
| 15 Februar 2018 |
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Solang du lebst, wirst du gebraucht.
Soll dich das Leben nicht vergessen,
Sorg, dass die Tat nicht untertaucht,
An der du deine Kraft gemessen.
Leb, dass du stündlich sterben kannst,
In Pflicht und Freude stark und ehrlich.
Nicht dich – das Werk, das du begannst,
Mach für die Menschheit unentbehrlich!
| 31 Dezember 2017 |
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Erich Mühsam (1878 – 1934)
Die Welt, o glaubs nur, kann dich missen.
Kein Stern, um dessen Licht du wirbst,
Wird mit dir in den Tod gerissen.
Solang du lebst, wirst du gebraucht.
Soll dich das Leben nicht vergessen,
Sorg, dass die Tat nicht untertaucht,
An der du deine Kraft gemessen.
Leb, dass du stündlich sterben kannst,
In Pflicht und Freude stark und ehrlich.
Nicht dich – das Werk, das du begannst,
Mach für die Menschheit unentbehrlich!
Erich Mühsam (1878 – 1934)
im Zivilstand Lampenputzer;
ging im Revoluzzerschritt
mit den Revoluzzern mit.
Und er schrie: „Ich revolüzze!“
Und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke Ohr,
kam sich höchst gefährlich vor.
Doch die Revoluzzer schritten
mitten in der Straßen Mitten,
wo er sonsten unverdrutzt
alle Gaslaternen putzt.
Sie vom Boden zu entfernen,
rupfte man die Gaslaternen
aus dem Straßenpflaster aus,
zwecks des Barrikadenbaus.
Aber unser Revoluzzer
schrie: „Ich bin der Lampenputzer
dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!
Wenn wir ihn‘ das Licht ausdrehn,
kann kein Bürger nichts mehr sehen.
Lasst die Lampen stehn, ich bitt! –
Denn sonst spiel ich nicht mehr mit!“
Doch die Revoluzzer lachten,
und die Gaslaternen krachten,
und der Lampenputzer schlich
fort und weinte bitterlich.
Dann ist er zu Haus geblieben
und hat dort ein Buch geschrieben:
nämlich, wie man revoluzzt
und dabei doch Lampen putzt.
Erich Mühsam (1878 – 1934)
Der Reiche klappt den Pelz empor,
Und mollig glüht das Ofenrohr.
Der Arme klebt, dass er nicht frier,
Sein Fenster zu mit Packpapier.
Februar:
Im Fasching schaut der reiche Mann
Sich gern ein armes Mädchen an.
Wie zärtlich oft die Liebe war,
Wird im November offenbar.
März:
Achtzehnachtundvierzig schien
Die neue Zeit heraufzuziehn.
Ihr, meine Zeitgenossen, wisst,
Dass heut noch nicht mal Vormärz ist.
April:
Wer Diplomate werden will,
Nehm sich ein Muster am April.
Aus heiterm Blau bricht der Orkan,
Und niemand hat’s nachher getan.
Mai:
Der Revoluzzer fühlt sich stark.
Des Reichen Vorschrift ist ihm Quark.
Er feiert stolz den ersten Mai.
(Doch fragt er erst die Polizei.)
Juni:
Mit Weib und Kind in die Natur,
Zur Heilungs-, Stärkungs-, Badekur.
Doch wer da wandert bettelarm,
Den schnappt der würdige Gendarm.
Juli:
Wie so ein Schwimmbad doch erfrischt,
Wenns glühend heiß vom Himmel zischt!
Dem Vaterland dient der Soldat,
Kloppt Griffe noch bei dreißig Grad.
August:
Wie arg es zugeht auf der Welt,
Wird auf Kongressen festgestellt.
Man trinkt, man tanzt, man redet froh,
Und alles bleibt beim Status quo.
September:
Vorüber ist die Ferienzeit.
Der Lehrer hält den Stock bereit.
Ein Kind sah Berg und Wasserfall,
Das andre nur den Schweinestall.
Oktober:
Zum Herbstmanöver rücken an
Der Landwehr- und Reservemann.
Es drückt der Helm, es schmerzt das Bein.
O welche Lust, Soldat zu sein!
November:
Der Tag wird kurz. Die Kälte droht.
Da tun die warmen Kleider not.
Ach, wärmte doch der Pfandschein so
Wie der versetzte Paletot!
Dezember:
Nun teilt der gute Nikolaus
Die schönen Weihnachtsgaben aus.
Das arme Kind hat sie gemacht,
Dem reichen werden sie gebracht.
Erich Mühsam (1878 – 1934)
Bei Sturm und Höllenglut.
Wir lernten in den Tod zu gehn,
Nicht achtend unser Blut.
Und wenn sich einst die Waffe kehrt
Auf die, die uns den Kampf gelehrt,
Sie werden uns nicht feige sehn.
Ihr Unterricht war gut.
Wir töten, wie man uns befahl,
Mit Blei und Dynamit,
Für Vaterland und Kapital,
Für Kaiser und Profit.
Doch wenn erfüllt die Tage sind,
Dann stehn wir auf für Weib und Kind
Und kämpfen, bis durch Dunst und Qual
Die lichte Sonne sieht.
Soldaten! Rufts von Front zu Front:
Es ruhe das Gewehr!
Wer für die Reichen bluten konnt,
Kann für die Seinen mehr.
Ihr drüben! Auf zur gleichen Pflicht!
Vergesst den Freund im Feinde nicht!
In Flammen ruft der Horizont
Nach Hause jedes Heer.
Lebt wohl, ihr Brüder! Unsre Hand,
Dass ferner Friede sei!
Nie wieder reiß das Völkerband
In rohem Krieg entzwei.
Sieg allen in der Heimatschlacht!
Dann sinken Grenzen, stürzt die Macht,
Und alle Welt ist Vaterland,
Und alle Welt ist frei!
Erich Mühsam (1878 – 1934)
Denn ich ahne, es nahen Tage
Voll großer Klage.
Komm du, komm her zu mir!
Wenn die Blätter im Herbst ersterben,
Und die Flüsse sich trüber färben,
Und sich die Wolken ineinander schieben,
Dann komm du, komm
Schütze mich.
Fass meine Hand an.
Hilf mir lieben.


























