| 30 Dezember 2018 |
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Walt Whitman (1819 – 1892)
Ich hörte, dass ihr wünscht,
Dass ich euch dies Rätsel, die neue Welt, erkläre.
Amerika und seine athletische Demokratie!
So sende ich euch denn meine Gedichte,
Damit ihr in ihnen schaut,
Wonach ihr verlangt.
Denn in euch allen,
Pulst Leben, Stolz, Liebe,
Genau wie in mir.
So seien Euch meine Lieder geweiht.
Walt Whitman (1819 – 1892)
Ich feiere mich selbst und singe mich selbst.
Doch ich singe auch über Demokratie und die Vielen.
Denn jedes Atom, das mir gehört, es gehört ja auch dir.
Und was ich mir nehme, das sollst auch du dir nehmen.
Ich schlendre dahin und lad meine Seele zu Gast.
Ich neige mich, schlendre behaglich dahin,
Einen Halm grünen Sommergrases betrachtend.
Ich singe das Leben, unermesslich in Leidenschaft,
Pulsschlag und Kraft, heiter zu freiester Tat,
Geformt nach Gottes Gesetz.
Ich singe das Weibliche ebenso wie ich das Männliche singe.
Ich singe den heutigen, singe den neuen, den amerikanischen Menschen.
Walt Whitman (1819 – 1892)
Ihr Leibeigenen, die ihr von Schweiß oder Blut trieft!
Ihr Elenden, verachtet selbst vom Niedrigsten der anderen!
Du zwerghafter Kamtschakale, Grönländer, Lappe!
Du Australneger, der du nackt, roh, schmutzig, mit vorragender Lippe, schleichend deine
Nahrung suchst!
Du Kaffer, Berber, Sudanese!
Du hagerer, ungeschlachter, unwissender Beduine!
Du seuchenbehaftetes Gewimmel in Madras, Nanking, Kabul, Kairo!
Du umnachteter Nomade von Amazonien!
Du Patagonier! Du Fidschi-Insulaner!
Ich ziehe keinen dem andern vor!
Ich sage kein Wort gegen euch dort hinten, wo ihr jetzt steht!
Ihr werdet zur richtigen Zeit vorwärts und an meine Seite kommen!
Ich glaube, irgendein göttlicher Einfluss hat mich euch gleichgestellt.
Auf der Halbinsel, hier in Manahatta,
Steh ich, auf dem hohen Felsen New York,
Um von dort auszurufen: Salut au monde! – Welt sei gegrüßt!
Zu euch allen in Amerikas Namen.
Senkrecht heb ich die Hand empor, gebe das Signal,
Für alle Orte und Wohnungen der Menschen.
Walt Whitman (1819 – 1892)
Our fearful trip is done.
The ship has weathered every rack,
The prize we sought is won.
O Captain! My Captain!
Rise up and hear the bells.
Rise up – for you the flag is flung –
For you the bugle trills.
My Captain does not answer,
His lips are pale and still.
My father does not feel my arm,
He has no pulse nor will.
The ship is anchored safe and sound,
Its voyage closed and done.
From fearful trip, the victor ship,
Comes in with object won.
Exult, o shores, and ring, o bells!
But I, with mournful tread,
Walk the deck my Captain lies,
Fallen cold and dead.
Übersetzung von Ferdinand Freiligrath
O Kapitän! Mein Kapitän!
Gefahr und Fahrt ist aus.
Das Schiff besiegte Sturm und Riff
Und bringt den Sieg nach Haus.
O Kapitän! Mein Kapitän!
Steh auf, vernimm die Glocken!
Steh auf! Für dich Trompetenschall,
Der Fahnen frohes Locken!
Mein Kapitän gibt Antwort nicht,
Sein Mund ist fahl und stille.
Mein Vater fühlt nicht meinen Arm,
Ihm stocken Puls und Wille.
Das Schiff vor Anker gut und fest.
Die fahrt getan und aus.
Trotz Not und Sturm, das Siegerschiff
Bringt den Preis nach Haus.
Ach, jauchzt nur, Ufer! Glocken, schallt!
Doch ich, in Schmerz und Not,
Geh noch auf Deck, wo mein Kapitän liegt,
Gefallen, kalt und tot.
| 16 Februar 2018 |
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| DICHTUNG | Friedrich Nietzsche | |
| LESUNG | Axel Grube | |
| BEREITSTELLUNG | MuhammedAli1980 |
Welche Sprache wird ein solcher Geist reden, wenn er mit sich allein redet? Die Sprache des Dithyrambus. Ich bin der Erfinder des Dithyrambus. Man höre, wie Zarathustra vor Sonnenaufgang (II 414 ff.) mit sich redet: ein solches smaragdenes Glück, eine solche göttliche Zärtlichkeit hatte noch keine Zunge vor mir. Auch die tiefste Schwermut eines solchen Dionysos wird noch Dithyrambus; ich nehme, zum Zeichen, das Nachtlied die unsterbliche Klage, durch die Überfülle von Licht und Macht, durch seine Sonnen-Natur, verurteilt zu sein, nicht zu lieben.
Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch meine Seele ist ein springender Brunnen.
Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch meine Seele ist das Lied eines Liebenden.
Ein Ungestilltes, Unstillbares ist in mir, das will laut werden. Eine Begierde nach Liebe ist in mir, die redet selber die Sprache der Liebe.
Licht bin ich: ach daß ich Nacht wäre! Aber dies ist meine Einsamkeit, daß ich von Licht umgürtet bin.
Ach, daß ich dunkel wäre und nächtig! Wie wollte ich an den Brüsten des Lichts saugen!
Und euch selber wollte ich noch segnen, ihr kleinen Funkelsterne und Leuchtwürmer droben! und selig sein ob eurer Lichtgeschenke.
Aber ich lebe in meinem eignen Lichte, ich trinke die Flammen in mich zurück, die aus mir brechen.
Ich kenne das Glück des Nehmenden nicht; und oft träumte mir davon, daß Stehlen noch seliger sein müsse als Nehmen.
Das ist meine Armut, daß meine Hand niemals ausruht vom Schenken; das ist mein Neid, daß ich wartende Augen sehe und die erhellten Nächte der Sehnsucht.
O Unseligkeit aller Schenkenden! O Verfinsterung meiner Sonne! O Begierde nach Begehren! O Heißhunger in der Sättigung!
Sie nehmen von mir: aber rühre ich noch an ihre Seele? Eine Kluft ist zwischen Nehmen und Geben; und die kleinste Kluft ist am letzten zu überbrücken.
Ein Hunger wächst aus meiner Schönheit: wehe tun möchte ich denen, welchen ich leuchte, berauben möchte ich meine Beschenkten also hungere ich nach Bosheit.
Die Hand zurückziehend, wenn sich schon ihr die Hand entgegenstreckt: dem Wasserfall gleich, der noch im Sturze zögert also hungere ich nach Bosheit.
Solche Rache sinnt meine Fülle aus, solche Tücke quillt aus meiner Einsamkeit.
Mein Glück im Schenken erstarb im Schenken, meine Tugend wurde ihrer selber müde an ihrem Überflusse!
Wer immer schenkt, dessen Gefahr ist, daß er die Scham verliere; wer immer austeilt, dessen Hand und Herz hat Schwielen vor lauter Austeilen.
Mein Auge quillt nicht mehr über vor der Scham der Bittenden; meine Hand wurde zu hart für das Zittern gefüllter Hände.
Wohin kam die Träne meinem Auge und der Flaum meinem Herzen? O Einsamkeit aller Schenkenden! O Schweigsamkeit aller Leuchtenden!
Viel Sonnen kreisen im öden Räume: zu allem, was dunkel ist, reden sie mit ihrem Lichte mir schweigen sie.
O dies ist die Feindschaft des Lichts gegen Leuchtendes: erbarmungslos wandelt es seine Bahnen.
Unbillig gegen Leuchtendes im tiefsten Herzen, kalt gegen Sonnen also wandelt jede Sonne.
Einem Sturme gleich wandeln die Sonnen ihre Bahnen. Ihrem unerbittlichen Willen folgen sie, das ist ihre Kälte.
O ihr erst seid es, ihr Dunklen, ihr Nächtigen, die ihr Wärme schafft aus Leuchtendem! O ihr erst trinkt euch Milch und Labsal aus des Lichtes Eutern!
Ach, Eis ist um mich, meine Hand verbrennt sich an Eisigem! Ach, Durst ist in mir, der schmachtet nach eurem Durste.
Nacht ist es: ach, daß ich Licht sein muß! Und Durst nach Nächtigem! Und Einsamkeit!
Nacht ist es: nun bricht wie ein Born aus mir mein Verlangen nach Rede verlangt mich.
Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch meine Seele ist ein springender Brunnen.
Nacht ist es: nun erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch meine Seele ist das Lied eines Liebenden.
| 10 August 2017 |
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Der fabulierende Ares
Kriegsschau #1
Musik
Ludwig van Beethoven [1]Sinfonie Nr. 9, II. Molto Vivace (Scherzo)
Vom rechten Lohn der Opferfreude
Großer Freude zuteil
nach erkämpftem Vorstoß in Feindes Land,
der siebenten Reihe, wo Bauerngevölk still verharrt,
das ohnmächtig nun
dem steinern Gebäu des massiven Turmes
schutzlos erlegen.
Die brennenden Pfeile aus Schießschartens Rachen
drängen dem Landvolk, Entrinnen deucht unnütz!
Schon legt sich des Weißen Axt
an die Stämme der stattlichen Reihe
bäurischen Wuchses…
Rettung tut Not in äuß’rer Bedrängnis,
Tatendrang fordert ohne Verzug die Gefahr!
Denn jegliches Säumen in Drangsal
jähes Ende gebieret…
So ergeht nun der mahnende Ruf
an das stolze Gespann der
apokalyptischen Reiter,
paarig gesellt auf dem Schlachtfeld.
Hufscharrend, schwer die Lanze gesenkt,
das Visier mit gestähletem Willen
rüstern verschlossen,
wirft sich ein Reiter ins Kampfesgeschehn,
im Blutrausch opfernd sich selbst nun,
des Feinds Barrikaden zu sprengen. (1. … Sg3+).
Damit dränget der freche Rappen dem feindlichen König
als auch dem Turme zugleich.
Welch‘ schreckliches Ungemach naht!
Erzwungen muss der Bauer, der rettende, nehmen (2. hg),
sonst droht Qualität gar verlustig.
Entblößt weilt der Herrscher, des Schutzschilds beraubt,
auf geöffneter Linie!
Wiederum schlägt jetzt der schwarze Bauer (2. … hg+)
und -böses Erwachen-
es wird bis dahin in dämmernder Stille
der Turm jäh geweckt und Goliath gleich,
höhnt der Philister mit drohendem Wurfspieß
ein Schach ins Lager des Weißen.
Die Hoheit erschrickt und weichet zur Linken (3. Kg1).
Seiner jetzigen Stärke gewiss und vom Teufel geritten,
folget mit Heißsporn das andere Ross ins süße Verderben (3. … Sf2).
Weil durch den Turmzug auf h1
der Tod des Monarchen würde beschieden, …
… sieht sich der Weiße genötigt
und nimmt mit dem Turme sogleich (4. Tf2:).
Doch …
… Schwarz, trotz der Springer entledigt,
erkühnt sich, mit Schlachtruf den Turm auch
ohne schadhaftes Zögern zu opfern (4. … Th1+),
wodurch, keines Fluchtfelds gesichtig,
Weiß den Turm übelst schlagen muss (5. Kh1:),
auf das Eckfeld gelenkt …
… und Schwarz nunmehr,
siegreich dem Bauern den Lorbeer errungen
nach Schlagen des Turmes (5. … gf),
freie Bahn zu der Dam‘ sich ertrotzte.
→ Caissas Liebesgeschenke
Fußnoten
| 13 November 2016 |
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- Der Schlüssel des Glücks liegt nicht unter der Laterne, wo wir bevorzugt suchen, sondern eher dort, wo es uns schon meist zu dunkel ist. Vielleicht liegt aber gerade an dieser Stelle der Schlüssel, den wir schon so lange vermissen. [1]Der verlorene Schlüssel oder „mehr desselben“
Ein Betrunkener sucht unter einer Straßenlaterne seinen Schlüssel. Ein Polizist hilft ihm bei der Suche. Als der Polizist nach langem Suchen wissen will, ob der Mann sicher sei, den Schlüssel hier verloren zu haben, antwortet jener: „Nein, nicht hier, sondern dort hinten – aber dort ist es viel zu finster. Aus: „Anleitung zum Unglücklichsein (Paul Watzalwick) - Die antike Philosophie verstand sich weit mehr als die heutige als Ratgeberin in praktischer Lebenskunst. Die Erkenntnis der Welt war nicht Selbstzweck, sondern sollte das Leben der Menschen verbessern. Für die Stoiker bildete daher die Ethik das Zentrum ihres Denkens.
Sie befassten sich zwar auch mit anderen philosophischen Gebieten, vor allem mit der Logik und der Naturphilosophie, aber diese Untersuchungen standen letztlich alle im Dienste einer guten Lebensführung.
Die Logik sollte etwa falsches Denken verhindern und die Naturphilosophie falsche Annahmen über die Natur und die Welt. Dadurch sollte vermieden werden, dass die Menschen sich aufgrund von Irrtümern Schaden zufügen, also falsch denken und auch falsch handeln und entsprechend schlechter leben.
Logik und Naturphilosophie sollten also ein Fundament an Wissen bereit stellen für das richtige Handeln, nämlich das, was zum Glück führt. - Das Ziel der stoischen Glücksphilosophie war anspruchsvoll.
Die Stoiker wollten zeigen wie der Mensch nicht nur ab und zu, sondern dauerhaft und zuverlässig glücklich werden kann. Das Glück sollte nicht etwas sein, das einem Menschen einmal zufällig zu teil wird und dann auch wieder nicht, ohne dass er selber viel dazu tun kann, sondern jeder sollte tatsächlich – wie es unser Sprichwort sagt – seines Glückes Schmied sein. - Die Stoa wollte Wege finden, wie der Mensch sein Glück selbst erwerben und auf Dauer bewahren kann. Nicht kurze Momente des Glücks waren das Ziel, sondern ein konstant glückliches Leben.
- Glück besteht im Erreichen aller Ziele, die man sich gesetzt hat.
Wir sind glücklich, wenn wir all das erlangen, was wir möchten und all das vermeiden können, was wir nicht mögen.
Unglücklich sind wir, wenn Lücken auftreten zwischen unseren Wünschen und deren Erfüllung. -
Wer also sicher und dauerhaft glücklich werden will, muss dafür sorgen, dass er alle seine Zwecke erreicht und alle Wünsche sich erfüllt. Wir wissen, dass dies im normalen Leben nicht der Fall ist. Der Mensch muss also etwas ändern.
Da die natürlichen Umstände unseres Lebens sich nicht beliebig umgestalten lassen, kann dies nur die eigenen Wünsche betreffen und damit unsere Einstellung zu uns selbst und der Welt. - Um alles zu können, was wir wollen, dürfen wir nur noch das wollen, was wir können.
- Wir dürfen unser Glück nur in Dingen suchen, die in unserer Macht stehen und immer für uns verfügbar sind. Nur auf diesem Weg ist es möglich, Enttäuschungen über nicht erfüllte Wünsche zu vermeiden und dauerhaft und sicher glücklich zu sein.
- Wir sollen nur das für wichtig halten, was wir aus eigener Kraft geschaffen haben oder verhindern können, ist die entscheidende Weichenstellung der stoischen Ethik mit weitreichenden Konsequenzen: Es gibt nämlich nur sehr wenige Dinge, die in unserer Macht stehen.
- Das Einzige also, das voll und ganz in unserer Macht steht ist unser Innenleben, unsere Seele. Und dies meint für die Stoa vor allem die Vernunft. Darüber gebieten wir. Darüber gebieten wir. Alles andere unterliegt unserem Einfluss nur begrenzt oder garnicht, angefangen von unserem Körper, über unseren Besitz bis zu allen anderen Dingen außerhalb von uns und auch dem Verhalten anderer Menschen.
Man kann also nicht davon ausgehen, dass es immer so verfügbar ist oder sich so verhält wie wir es gerne hätten. Dann aber kann oder darf all dies nicht Gegenstand unseres Begehrens oder unserer Befürchtungen sein, denn sonst drohen Frustration und Unglücklichsein. - Für unser Glück darf daher nur unser eigenes Innenleben wichtig sein: unsere Seele und unsere Vernunft, alles andere nicht.
Damit scheiden, so befremdlich dies zumindest klingt so gut wie alle gängigen Glücksfaktoren aus.
Wer dauerhaft und sicher glücklich sein will, muss all das, was normalerweise das Leben und Streben der Menschen prägt, als unwichtig ansehen: Reichtum, Macht, Ansehen, Gesundheit und sogar ein gesundes Familienleben.
Für das persönliche Glück darf nichts davon ins Gewicht fallen, weil all dies nicht unserer Verfügungsgewalt unterliegt, zumindest nicht voll und ganz. - So wie wir die guten äußerlichen Dinge nicht begehren sollen, so dürfen wir auch die äußerlichen Übel nicht fürchten. Wir müssen uns auch von ihnen innerlich frei machen.
Das uns solche Übel treffen, können wir nicht verhindern, wohl aber, dass sie uns nicht innerlich berühren und unglücklich machen. - Wer dies nicht erkennt und beherzigt, ist für Epiktet ein Träumer:
„Wenn du willst, dass deine Kinder, deine Frau und deine Freunde ewig leben, bist du ein Narr.
Denn du willst, dass du über das, worüber du nicht gebietest, DOCH gebietest.
Und dass das, was dir nicht gehört, DOCH dir gehöre. - Es gilt also zu erkennen, was nicht in unserer Macht steht und dies auch zu akzeptieren, das heißt auf solche Dinge keinen Anspruch zu erheben.
Dann kann man nicht enttäuscht oder geschädigt werden. - Entscheidend für unsere Befindlichkeit sind nicht Tatsachen, sondern unsere Meinungen darüber.
- Alles im Leben hängt von der Einbildung ab: Ehrgeiz, Verschwendung und Habsucht leben von ihr. Der Schmerz nicht minder. Jeder ist so unglücklich wie er zu sein glaubt. [2]Seneca
- Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern ihre Meinungen und Urteile über die Dinge. [3]Epiktet
- Wir freuen uns über Dinge, die wir als erfreulich halten.
Traurig sind wir nur über das, was wir als betrüblich ansehen.
Und einen Schaden erleiden wir nur, wenn wir, was geschieht, als Schaden für uns betrachten, sonst nicht.
Dies ist kein Ausblenden der Realität, sondern deren subjektive Komponente [4]Subjektivität bezieht sich sowohl auf das Einzelwesen als auch auf die Gesellschaft als Summe von Einzelwesen.
Die Wirklichkeit, soweit sie uns betrifft, ist immer auch unsere Wirklichkeit. - Meinung und Urteile lassen sich korrigieren, also auch unsere Ansichten über das, was begehrenswert und auch das, was zu fürchten ist.
- Denke aber vor allem daran den Vorgängen das Aufregende zu nehmen und zu sehen, was es mit den Schach selbst für eine Bewandtnis hat. Du wirst erkennen, dass es an ihnen nichts Schreckliches gibt, außer der Furcht selbst. [5]Seneca
- Die Dinge sind nicht schlecht, schlecht ist nur die innere Einstellung dazu, nämlich sie für wichtig zu halten.
Die Dinge selbst, also etwa Reichtum, Ansehen, Gesundheit und auch der Tod sind NICHT schlecht, auch nicht gut, sondern gleichgültig. Sie gehen uns nichts an, zumindest soweit es unser persönliches Glück betrifft. - Die Leidenschaften und Triebe wie Hunger, Durst, sexuelle Lust, Liebe und Hass bilden die größte Gefahr für die richtige innere Einstellung, weil sie uns immer wieder in Versuchung führen, das, worauf sie sich richten, als wichtig anzusehen.
Dennoch sind sie an sich nicht schlecht, sondern zu unserer Selbsterhaltung notwendig.
Wir müssen sie allerdings unter Kontrolle halten, durch unsere Vernunft. [6]Affektkontrolle
Dann bleiben wir Herr unserer selbst.
Nicht die Affekte beherrschen uns, sondern wir sie. - Ein Mensch mit stoische Haltung lebt auch im Einklang mit der Natur, weil er sich den natürlichen Gegebenheiten widerstandslos beugt, nicht aus Feigheit oder Schwäche, sondern aus Einsicht.
Das freiwillige Akzeptieren des ohnehin Unvermeidlichen macht das Leben leichter und schöner.
Epiktet: „Verlange nicht, dass das, was geschieht, so geschieht, wie du es wünschst, sondern wünsche, dass es so geschieht wie es geschieht und dein Leber wird heiter dahin strömen.“
Seneca: „Glücklich ist, wer mit den Umständen, wie immer diese sind, zufrieden ist und sich mit seinen Verhältnissen angefreundet hat. - Seneca: „Den Willigen führt das Schicksal, den Unwilligen zehrt es mit sich.“
- Das Glück, das man durch eine stoische Lebenseinstellung gewinnen ist nicht das überschäumende Glücksgefühl, das wir uns meistens unter Glück vorstellen. Dies ist nach Auffassung der Stoa aber auch garnicht erstrebenswert: Denn auf jedes Himmelhoch-Jauchzend folgt ein Zu-Tode-Betrübt [7]Sinus-Kurve des Lebens.
Das Glück soll ein stilles und konstantes Glück sein, eine Windstille der Seele, die uns souverän macht und in heiterer Gelassenheit auf die Stürme des Lebens blicken lässt. Es ist ein Freisein von jeglicher Erregung und ein Zustand des vollkommenen inneren Friedens. Darin besteht für die Stoiker das höchste Glück des Menschen. - Epiktet: „Bedenke, du musst dich im Leben wie bei einem Gastmahl benehmen. Es wird etwas herumgereicht und du kommst an die Reihe. Strecke deine Hand aus und nimm bescheiden deine Portion! Es wird weitergereicht. Halte es nicht zurück! Es ist noch nicht bei dir angelangt. Richte nicht schon von Weitem dein Verlangen darauf, sondern gedulde dich, bis die Reihe an dir ist.
So halte es auch mit dem Verlangen nach Kindern, nach einer Frau, nach Ämtern, nach Reichtum und du wirst einst ein würdiger Tischgenosse der Götter sein.“ - Sag‘ nie von einer Sache: „Ich habe sie verloren!“,
sondern: „Ich habe sie zurückgegeben!“
„Dein Kind ist gestorben – es wurde zurück gegeben!“
„Deine Frau ist gestorben – sie wurde zurück gegeben!“
„Man hat mir mein Grundstück gestohlen! Nun, auch das wurde zurück gegeben!“ – „Aber es ist doch ein Schuft, der es mir gestohlen hat!“ – „Was schert es dich, durch wen es der Geber von dir zurück forderte? Solange er es dir zur Verfügung stellt, behandle es als fremdes Eigentum wie die Reisenden ihre Herberge!“ - Wir sind nur Gäste auf der Erde und sollen uns auch entsprechend verhalten und zwar durchaus im eigenen Interesse, denn dies ist der Weg zu einem dauerhaftem Glück!
- Praktische Übungen für den Stoiker wären: die Achtsamkeit, das Erinnern und die Sorge.
Die Achtsamkeit ist Aufmerksamkeit auf sich selbst. Wir sollen uns ständig selbst beobachten und prüfen, ob wir die richtige Einstellung haben und uns auch entsprechend verhalten.
Das bewusste Erinnern der Grundregeln soll man sich immer wieder aufsagen: „Für mich zählt nur mein Inneres, meine Seele und das, was mir meine Vernunft sagt. Alles andere, was außerhalb von mir geschieht, ist gleichgültig. Es geht mich nichts an, sofern es nicht in meinem Machtbereich mit meinen mir zur Verfügung stehenden Mitteln liegt, es zu beeinflussen.
Die Sorge sorgt für die Anwendung der Grundregel auf die Ereignisse des jeweiligen Tages. Am Morgen soll man sich die voraussichtlichen Geschehnisse des Tages vergegenwärtigen und sich vornehmen und ausmalen, wie man ihnen am besten begegnet. Und am Abend soll man überprüfen, ob man sich richtig verhalten hat oder nicht. - Die Stoiker versuchen, aus einer Haltung der inneren Distanz und Souveränität heraus, die eigenen Wünsche den Verhältnissen anzupassen.
Fußnoten
| 3 November 2016 |
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Lucius Annaeus Seneca
- Glücklich ist dasjenige Leben, das mit seiner Natur in vollem Einklang steht!
- Lass‘ keine Stunde ungenutzt vorübergehen, nimm den heutigen Tag voll in Beschlag, dann wirst du weniger von den folgenden abhängig sein!
Alle Stunden umfasse mit beiden Armen! So wirst du weniger vom Morgen abhängen, wenn auf das Heute du die Hand legst. [1]Moralische Briefe an Lucilius
Epistulae morales ad Lucilium - Nichts ist unser wahres Eigentum als die Zeit. Dieses flüchtige und schwer fassbare Gut ist das einzige, dessen Besitz die Natur uns vergönnt hat und doch verdrängt uns der erste Beste daraus.
- Unstetiges Hin- und Herflattern ist Anzeichen eines krankhaften Gemütszustandes.
Erstes Anfordernis an eine Geistesverfassung, die als eine wohlgeordnete gelten soll, ist die Fähigkeit, den Schritt zu hemmen und Einkehr in sich selbst zu halten. - Der Geist wächst von innen heraus, nährt und übt sich selbst.
Was dich tugendhaft machen kann, ist in dir.
Die einzige Erfordnis, um tugendhaft zu sein, ist ein fester Wille. - Soweit wie möglich suche aber deinen Schutz bei der Philosophie. Sie wird dich in ihrem Schoße bergen, in ihrem Heiligtume wirst du sicher oder doch sicherer sein.
Mit der Philosophie darst du dich aber nicht brüsten, sie soll dir dazu verhelfen, deine eigenen Fehler loszuwerden, nicht anderen die ihrigen vorzurücken. - Man kann weise sein, ohne Gepränge und ohne Unwillen zu erregen.
- Deine Sinnesweise musst du ändern, nicht den Himmelsstrich.
Magst du das weite Meer durchkreuzen, mögen dir Länder und Städte entschwinden, deine Fehler werden dir überall hinfolgen. [2]Vergil - Es ist verzeihlich, wenn wir Tränen vergießen, sofern wir sie nicht maßlos strömen lassen, sondern ihnen wehren.
Weder trocken sollen die Augen bleiben beim Verlust eines Freundes noch überströmen.
Weinen sollen wir, nicht jammern!
Tränen sollen als Beweis der Sehnsucht dienen! Wir geben uns nicht dem Schmerze hin, sondern zeigen ihn. - Lege des Schicksals Gunst nicht zu dessen Ungunsten aus!
Es hat dir genommen, aber auch gegeben. - Geselligkeit und Einsamkeit: Man muss beides miteinander verbinden und abwechseln lassen. Die erstere weckt die Sehnsucht nach Menschen, die letztere die Sehnsucht nach uns selbst. Und beide werden einander hilfreich ergänzen: Den Hass gegen das Menschengetümmel wird die Einsamkeit heilen, den Überdruss an der Einsamkeit das Menschengetümmel.
- Es ist weit vernünftiger, dich an weniger Schriftsteller zu halten, als irrend umherzuschweifen von einem zum anderen.
- Der Begierde ist nichts genug, der Natur genügt auch schon das Geringste.
- Es zeugt von Hochherzigkeit, wenn man Beleidigungen verachtet. Die kränkendste Art von Rache, die einen treffen kann, ist es, gar für wert gehalten zu werden, um ein Opfer der Rache zu werden.
Bei vielen haben sich leichte Beleidigungen gerade dadurch tiefer in ihre Seele eingegraben, dass sie sich rächten.
Der ist eine große und edle Erscheinung, der es macht wie ein gewaltiges Tier, der das
Gebell kleiner Hunde anhört ohne sich darum zu bekümmern.
Man wird sich weniger verachtet sehen, wenn man sich für eine Beleidigung rächt.
Wenn wir zur Rache greifen wie zu einem Heilmittel, so soll es ohne Zorn geschehen. - Es ist besser von einer Sache nichts wissen zu wollen als sich zu rächen. Beleidigungen von Seiten der Machthaber muss man mit heiterer Miene ertragen, nicht bloß mit Geduld. Sie werden es wieder so machen, wenn sie sehen, dass sie ihren Zweck erreicht haben.
- Es ist weit besser, überhaupt sich nichts merken zu lassen, als die Beleidigung zu rächen.
Dem Zorn muss man entsagen, gleichviel ob der Gegner uns gewachsen ist oder mächtiger oder schwächer.
Mit einem der uns gleich ist sich zu messen, ist eine bedenkliche Sache.
Mit einem Überlegenen eine Tollwut.
Mit einem Schwächeren eine Erniedrigung.
Es verrät eine kleinliche und elende Sinnesart, den, der einen beißt, wieder zu beißen. - Es sind reine Lappalien, wegen derer wir uns so ernsthaft erbosen.
Dinge wie die, um welche sich Knaben zanken und streiten.
Nicht von dem, was wir mit so tiefer Ergriffenheit betreiben, ist wirklich ernst und groß.
Man achtet so oft das Kleine für groß. - Wäge des abends deine Handlungen und Äußerungen ab.
Nichts soll dir verborgen bleiben, nichts übergangen werden.
Warum sollte man sich vor seinen Verfehlungen fürchten?
Da man sagen kann: „Gib acht, dass du das nicht wieder tust! Für dieses Mal sei es dir verziehen! Bei jenem Wortkampf hast du dich von der Streitsucht weit fort treiben lassen. Lass dich nicht wieder in ein Gespräch mit Unkundigen ein. Diejenigen sind unbeholfen, die nie haben Schüler sein wollen.
Jene hast du mit deiner Mahnung zu scharf angefasst, daher hast du ihn nicht gebessert, sondern beleidigt.
Künftig sieh nicht nur darauf, ob es wahr ist, was du sagst, sondern ob der, dem es gesagt wird, die Wahrheit auch verträgt.“ - Wozu Streit und Nachstellungen?
Kannst du dem, welchem du zürnst, mehr anwünschen als den Tod?
Er wird auch ohne dein Zutun sterben.
Es ist verlorene Arbeit, sich um das zu bemühen, was doch von selbst eintreten wird.
Du erwiderst: „Ich habe es nicht gerade auf den Tod abgesehen, sondern auf Verbannung, Schmach, Schaden, die sollen ihn treffen.“
Es ist verzeihlicher, seinem Feinde eine Wunde zu wünschen als eine Pustel, denn dies zeugt nicht nur von boshafter, sondern auch von kleinlicher Gesinnung.
Magst du es nun auf die härtesten oder geringeren Strafen abgelegt haben, wie rasch verfliegt die kurze Spanne Zeit, während der jenem die Qual der Strafe auferlegt und dir die boshafte Freude daran gegönnt ist. Wie bald werden wir den letzten Atemzug tun?
Solange wir aber noch atmen, solange wir noch unter Menschen sind, wollen wir auch Menschlichkeit üben.
Niemandem soll Furcht vor uns, niemandem Gefahr von uns drohen.
Beeinträchtigungen, Beleidigungen, Schmähungen, Sticheleien wollen wollen wir verachten und frohen Mutes die kurzen Widerwärtigkeiten ertragen.
Im Handumdrehen werden wir der Sterblichkeit unseren Tribut bezahlen.
Fußnoten
| 29 August 2016 |
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Die Literatur (die Lyrik vermutlich explizit) bediente sich schon immer mehrerer Bedeutungsebenen und hat sich vielleicht auch gerade dadurch definiert.
Daher laufen von mir eingestellte oder verwiesene Texte immer Gefahr, fehlgedeutet/reduziert auf eine konkrete Situation zu werden.
Ich kann allerdings nicht jedes Wort auf seinen potentiellen Deutungsgehalt hin „abklopfen“ und mittels fortwährender „Destillationsversuche“ dadurch meine Sprache „kastrieren“.
Die Sprache ist ein Abenteuer-Spielplatz und kein Laufstall, meine Gedanken oft närrische Kinder mit unbändbarem Aktionsradius…




























