Lyrik ~ Klinge
    Versuch einer Dichtung            

20 
 April 
 
2018

Schlagwörter

0

 

TEXT & MUSIK Kurt Mikula
GESTALTUNG Kreativwerkstatt der NMS Lofer



1.
Von der Sonne lerne zu wärmen,
einer von vielen zu sein lern von den Sternen.
Vom Wind lern frei zu leben,
von den Wolken mit Leichtigkeit schweben.
Zu nehmen und zu geben,
lern von der Ebbe und der Flut,
und von jedem neuen Tag
die Hoffnung: Es wird gut.

2.
Vom Meer lern im Überfluss geben,
mit dem Adler in die Höhe zu streben.
Von den Bäumen lern standhaft zu bleiben,
und vom Grashalm im Sturm dich zu neigen.
Von der Sonne und vom Regen
in Freud und Leid zusammenstehn,
dann kannst du hoch am Firmament
den Regenbogen sehn.

3.
Lern von den Blättern im Herbst loszulassen,
und vom Winter neue Kräfte zu fassen.
Vom Frühling immer neu zu beginnen,
dich zu verwandeln von den Schmetterlingen.
Von den Jungen lern zu wachsen,
von den Alten auszuruhn,
da wo du jetzt im Leben stehst
das Wichtige zu tun.

4.
Und vom Herbst lern Abschied zu nehmen,
vom Regen deiner Tränen dich nicht zu schämen.
Von den Blumen lern dich offen zu zeigen,
und von den Steinen lerne das Schweigen.
Vom Abendrot das Wissen,
dass nach jeder dunklen Nacht,
dass trotz aller Finsternis
ein neuer Tag erwacht.

 
 
31 
 Dezember 
 
2017

Schlagwörter

0

 

Lutz Görner lädt uns zu einer literarischen Reise ein

 

Leitsatz (0:00)
Erich Mühsam (1878 – 1934)
Fürcht nicht die Stunde, da du stirbst.
Die Welt, o glaubs nur, kann dich missen.
Kein Stern, um dessen Licht du wirbst,
Wird mit dir in den Tod gerissen.

Solang du lebst, wirst du gebraucht.
Soll dich das Leben nicht vergessen,
Sorg, dass die Tat nicht untertaucht,
An der du deine Kraft gemessen.

Leb, dass du stündlich sterben kannst,
In Pflicht und Freude stark und ehrlich.
Nicht dich – das Werk, das du begannst,
Mach für die Menschheit unentbehrlich!
Der Revoluzzer (1:33)
Erich Mühsam (1878 – 1934)
War einmal ein Revoluzzer
im Zivilstand Lampenputzer;
ging im Revoluzzerschritt
mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: „Ich revolüzze!“
Und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke Ohr,
kam sich höchst gefährlich vor.

Doch die Revoluzzer schritten
mitten in der Straßen Mitten,
wo er sonsten unverdrutzt
alle Gaslaternen putzt.

Sie vom Boden zu entfernen,
rupfte man die Gaslaternen
aus dem Straßenpflaster aus,
zwecks des Barrikadenbaus.

Aber unser Revoluzzer
schrie: „Ich bin der Lampenputzer
dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn‘ das Licht ausdrehn,
kann kein Bürger nichts mehr sehen.
Lasst die Lampen stehn, ich bitt! –
Denn sonst spiel ich nicht mehr mit!“

Doch die Revoluzzer lachten,
und die Gaslaternen krachten,
und der Lampenputzer schlich
fort und weinte bitterlich.

Dann ist er zu Haus geblieben
und hat dort ein Buch geschrieben:
nämlich, wie man revoluzzt
und dabei doch Lampen putzt.
Die Monate des Jahres (3:11)
Erich Mühsam (1878 – 1934)
Januar:
Der Reiche klappt den Pelz empor,
Und mollig glüht das Ofenrohr.
Der Arme klebt, dass er nicht frier,
Sein Fenster zu mit Packpapier.

Februar:
Im Fasching schaut der reiche Mann
Sich gern ein armes Mädchen an.
Wie zärtlich oft die Liebe war,
Wird im November offenbar.

März:
Achtzehnachtundvierzig schien
Die neue Zeit heraufzuziehn.
Ihr, meine Zeitgenossen, wisst,
Dass heut noch nicht mal Vormärz ist.

April:
Wer Diplomate werden will,
Nehm sich ein Muster am April.
Aus heiterm Blau bricht der Orkan,
Und niemand hat’s nachher getan.

Mai:
Der Revoluzzer fühlt sich stark.
Des Reichen Vorschrift ist ihm Quark.
Er feiert stolz den ersten Mai.
(Doch fragt er erst die Polizei.)

Juni:
Mit Weib und Kind in die Natur,
Zur Heilungs-, Stärkungs-, Badekur.
Doch wer da wandert bettelarm,
Den schnappt der würdige Gendarm.

Juli:
Wie so ein Schwimmbad doch erfrischt,
Wenns glühend heiß vom Himmel zischt!
Dem Vaterland dient der Soldat,
Kloppt Griffe noch bei dreißig Grad.

August:
Wie arg es zugeht auf der Welt,
Wird auf Kongressen festgestellt.
Man trinkt, man tanzt, man redet froh,
Und alles bleibt beim Status quo.

September:
Vorüber ist die Ferienzeit.
Der Lehrer hält den Stock bereit.
Ein Kind sah Berg und Wasserfall,
Das andre nur den Schweinestall.

Oktober:
Zum Herbstmanöver rücken an
Der Landwehr- und Reservemann.
Es drückt der Helm, es schmerzt das Bein.
O welche Lust, Soldat zu sein!

November:
Der Tag wird kurz. Die Kälte droht.
Da tun die warmen Kleider not.
Ach, wärmte doch der Pfandschein so
Wie der versetzte Paletot!

Dezember:
Nun teilt der gute Nikolaus
Die schönen Weihnachtsgaben aus.
Das arme Kind hat sie gemacht,
Dem reichen werden sie gebracht.
Soldatenlied (nicht rezitiert)
Erich Mühsam (1878 – 1934)
Wir lernten in der Schlacht zu stehn
Bei Sturm und Höllenglut.
Wir lernten in den Tod zu gehn,
Nicht achtend unser Blut.
Und wenn sich einst die Waffe kehrt
Auf die, die uns den Kampf gelehrt,
Sie werden uns nicht feige sehn.
Ihr Unterricht war gut.

Wir töten, wie man uns befahl,
Mit Blei und Dynamit,
Für Vaterland und Kapital,
Für Kaiser und Profit.
Doch wenn erfüllt die Tage sind,
Dann stehn wir auf für Weib und Kind
Und kämpfen, bis durch Dunst und Qual
Die lichte Sonne sieht.

Soldaten! Rufts von Front zu Front:
Es ruhe das Gewehr!
Wer für die Reichen bluten konnt,
Kann für die Seinen mehr.
Ihr drüben! Auf zur gleichen Pflicht!
Vergesst den Freund im Feinde nicht!
In Flammen ruft der Horizont
Nach Hause jedes Heer.

Lebt wohl, ihr Brüder! Unsre Hand,
Dass ferner Friede sei!
Nie wieder reiß das Völkerband
In rohem Krieg entzwei.
Sieg allen in der Heimatschlacht!
Dann sinken Grenzen, stürzt die Macht,
Und alle Welt ist Vaterland,
Und alle Welt ist frei!
Angst packt mich an (7:06)
Erich Mühsam (1878 – 1934)
Angst packt mich an,
Denn ich ahne, es nahen Tage
Voll großer Klage.
Komm du, komm her zu mir!

Wenn die Blätter im Herbst ersterben,
Und die Flüsse sich trüber färben,
Und sich die Wolken ineinander schieben,
Dann komm du, komm
Schütze mich.
Fass meine Hand an.
Hilf mir lieben.
 
 
29 
 September 
 
2017


 

DICHTUNG Erich Kästner
LESUNG Arno Assmann


 

Nachts sind die Straßen so leer.
Nur ganz mitunter
markiert ein Auto Verkehr.
Ein Rudel bunter
raschelnder Blätter jagt hinterher.

Die Blätter haschen und hetzen.
Und doch weht kein Wind.
Sie rascheln wie Fetzen und hetzen
und folgen geheimen Gesetzen,
obwohl sie gestorben sind.

Nachts sind die Straßen so leer.
Die Lampen brennen nicht mehr.
Man geht und möchte nicht stören.
Man könnte das Gras wachsen hören,
wenn Gras auf den Straßen wär.

Der Himmel ist kalt und weit.
Auf der Milchstraße hat’s geschneit.
Man hört seine Schritte wandern,
als wären es Schritte von andern,
und geht mit sich selber zu zweit.

Nachts sind die Straßen so leer.
Die Menschen legen sich nieder.
Nun schlafen sie, treu und bieder.
Und morgen fallen sie wieder
übereinander her.

 
 
8 
 September 
 
2016


 

DICHTUNG Rainer Maria Rilke
LESUNG Otto Sander
BEREITSTELLUNG wortlover


 

Man kann nicht tiefer fallen als in die Arme eines (…-)Gottes!

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

 
 
7 
 September 
 
2016


 

DICHTUNG Rainer Maria Rilke
LESUNG Oskar Werner
MUSIK Peter Tschaikowsky
BEREITSTELLUNG LYRIK & MUSIK



Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

 
 
9 
 Juli 
 
2016

abgelegt in
Die Edda | Mythologie

 

Quelle: Youtube

Ich bin die Völva.
Ich durchschaue die Dinge.
Ich sehe, wie alles beginnt – und wie es endet.
Inmitten allem sehe ich die Esche Yggdrasil.
Alle Dinge finden sich in ihr,
sie verbergen sich zwischen des Baumes Zweigen und Blättern.

Doch früher war nur Dunkelheit … und Dunkelheit … und das Nichts. Es gab keine Erde, keinen Himmel, keine grünen Täler, keine warmen Winde und keine kühlen Wellen. Aber die Dunkelheit begann sich zu bewegen. Sie öffnete sich mitten im Nichts und wurde zum bodenlosen Abgrund Ginnungagap.
Vom kalten Niflheim, das mit Eis und Schnee bedeckt war, flossen kalte Bäche in den Abgrund, wo sie zu schweren, großen Eisblöcken gefroren. Und Muspelheim, die flammende Welt des Lichts, warf seinen Strahl auf alles, was da war.
Blitze und Funken aus Muspelheim flogen in die Mitte der Welt und die Luft wurde warm und ruhig. Aus dem tropfenden Wasser wurde ein lebendiges Wesen geboren. Es hieß Ymir.
Er war der erste Riese. Zu Beginn schlief er. Unter seinen Achseln wurde eine Riesen-Frau geboren … und ein Riesen-Mann. Und seine beiden Füße zeugten ein Kind miteinander. So wurde Ymir Vater der Riesen. Sie waren die ersten, und bekamen viele Kinder.

Die Wärme ließ mehr Eis schmelzen, und es erwuchs die Kuh Audhumbla. Aus ihrem Euter flossen vier Flüsse von Milch, von denen Ymir und seine Riesen leben konnten. Audhumbla leckte Salz und Feuchtigkeit vom Eis und ihre warme Zunge ließ das Eis schmelzen.
Da tauchte ein leuchtendes Wesen auf. Es war Burr, der auf diese Weise geboren wurde. Und Burr hatte einen Sohn. Er heiratete eine Tochter der Riesen. Zusammen bekamen sie drei Söhne: die Götter Odin, Vili und Ve.
Die drei Götter wuchsen und wurden stärker und stärker. Sie wollten selbst die Welt beherrschen, also beschlossen sie, Ymir zu töten. Sie zerschmetterten seinen Rücken mit schweren Eisblöcken. Das Blut floss und füllte den großen Abgrund auf und fast alle Riesen ertranken. Nur zwei retteten sich auf ein Boot, das sie sich aus Ymirs abgerissener Hand gemacht hatten. Auf diese Weise gab es weiterhin Riesen auf der Welt und es gab immer Streit zwischen ihnen und den Göttern. Daher lauert die Angst vor Rache hinter allem Handeln.
Die Götter hoben Ymirs toten Körper und warfen ihn in den Ginnungagap, wo er im Blut trieb. Auf diese Weise schufen sie die Erde. Diejenigen Riesen, die übrig waren, ließen sich am Rande der Erde nieder, an einer Stelle, die sie Jötunheim nannten – „Heimat der Riesen“. Und die Riesen wurden bald mehr und mehr.
Um die Riesen fernzuhalten, nahmen die Götter Ymirs Augenbrauen und bauten daraus eine Festung. Diese nannten sie Midgard – „Mittelhof“. Auf diese Weise wollten sie die fruchtbare Mitte der Welt beschützen.
In der Festung pflanzten sie große Bäume, es waren die Haare von Ymirs Haupt. Sie warfen seine Knochen umher. Sie wurden zu großen Bergen. So stark waren sie!
Aber weit weg von Midgard saß eine Riesen-Frau in den Höhlen des Eisenwaldes und sann nach Rache. Sie gebar viele Riesen, die alle Gestalt von Wölfen hatten.
Die Götter nahmen Ymirs Schädel als Himmel und setzten ihn über die Erde. Sie ergriffen die Funken, die aus Muspelheim geflogen kamen und warfen sie an den Himmel. Die meisten blieben hängen und leuchteten als dunkle Zeichen. Aber einige Funken waren so groß, dass sie ihren eigenen Weg nahmen.
Ymirs Hirn bildete sich zu schweren Wolken und tauchte die Erde in eine ungemütliche Dunkelheit. Um Licht zu schaffen fingen Odin und seine zwei Brüder zwei der großen Funken aus Muspelheim. Sie sandten sie an den Himmel, jeden in seinem eigenen Wagen und gaben dem Licht und der Dunkelheit ihre Namen. Tag und Nacht, Morgen und Mittag, Abend und Dämmerung.
Die Sonne und der Mond wurden von den Wolfskindern der Riesen-Frau verfolgt, die sie eines Tages verschlingen würden. Deshalb liefen sie so hastig über den Himmel. Dies ließ Furchtbares erahnen.

Als die warmen Strahlen der Sonne auf den Sand und die Erde fielen, begann das erste Gras zu wachsen. Die Götter hatten ihren eigenen himmlischen Wohnort, aber sie kamen oft nach Midgard zu Besuch. Eines Tages, als sie den Strand entlang gingen, fanden sie zwei Baumstämme am Ufer. Sie bewunderten ihre Form und beschlossen, den Menschen zu schaffen. Odin strich über die Stämme und hauchte ihnen Geist ein. Vili formte ihre Gestalt und gab ihnen die Fähigkeit, zu denken. Ve verlieh ihnen die Schönheit und die Gabe, ihre Sinne zu gebrauchen. Den Mann nannten sie Ask und die Frau nannten sie Embla. Sie bezogen Midgard, wo die Götter sie beschützten. Von diesen beiden ihnen stammt das gesamte Menschengeschlecht ab.
Die Götter bauten eine Brücke von ihrer himmlischen Stätte nach Midgard. Sie nannten sie Bifröst. Sie war ein mächtiger Regenbogen. Es war das schönste Bauwerk, das die Götter die Menschen sehen ließen.

Doch in der Schöpfung liegt auch der Anfang vom Ende aller Dinge und eines Tages wird Ragnarök die Welt niederreißen.