| 31 Oktober 2017 | |
| DICHTUNG | Edgar Allan Poe | |
| LESUNG | Dero Goi |
Anmerkung: Ein Wanderer erzählt vom Traumland, das von einer Statue namens NACHT beherrscht wird und jenseits von Zeit und Raum liegt. Es ist eine Landschaft der Imagination: kalt, abweisend, nichts hat Bestand, und Leichengeister hausen hier. Dies ist die traurige Vergangenheit, die Erinnerung an verlorene Freunde. Doch für das leidende Herz und den umschatteten Geist ist diese Region ein goldenes Eldorado voll Frieden und Besänftigung. Doch der König NACHT hat verboten, dieses Land mit offenen Augen zu schauen.
Quelle: Lyrik & Musik
Dieser Weg war seltsam und verlassen,
nur von bösen Engeln heimgesucht,
wo ein Trugbild namens Nacht als König, stolz auf einem schwarzen Thron regiert.
Diesen Landstrich habe ich vor kurzem erst erreicht,
vom düsteren Thule her.
Eine wilde wundersame Gegend,
außerhalb der Macht von Raum und Zeit
Tiefe Täler, grenzenlose Fluten, Klüfte, Höhlen, ewig weite Wälder,
Formen, die sich nicht entdecken lassen,
weil die Tränen das Gesicht bedecken.
Berge stürzen immer wieder in die Meere ohne Küste.
Meere, die beständig wogen und zu Feuerhimmeln streben.
Grenzenlose Seen verbreiten leise unaufhaltsam stilles,
totes Wasser.
Wasser, das so einsam, still und kalt unterm Schnee der Wasserlilien liegt.
An den Seen, die ihre Wasserfluten ewig wachsen lassen,
still und tot.
Ihre Wellen liegen kalt und trostlos unterm Schnee der weißen Wasserlilien.
Bei den Bergen, gar nicht weit vom Fluss, dessen Fluten wie geknebelt murmeln.
Bei den grauen Wäldern und beim Sumpf,
darin Molch und Kröte Obdach finden.
Bei den trüben Seen und tiefen Löchern,
wo die Leichengeister gerne hausen.
Bei dem Ort der nur dem Unheil dient
und in jedem angstgefüllten Winkel,
da trifft nun der bleiche Reisende die verblassten Bilder der Vergangenheit.
Leichentuchverhüllte Formen seufzen,
als sie ihn mit ihrem Hauch berühren.
Weiße Formen, die vor langer Zeit und mit Schmerzen freigelassen wurden.
Für das Herz, das ohne Ende leidet
ist dies eine sanfte schöne Gegend.
Für den Geist, der stehts im Schatten geht,
ist es – oh – es ist ein goldenes Land.
Aber wer dies dunkle Land bereist, fürchtet sich es offen zu betrachten.
Und so werden seine vielen Rätseln niemals einem schwachen Menschenauge offenbart.
So sagt es der König, der verbot, dass die Wimpern von den Augen weichen.
Und so sieht die Seele, die vorübergeht
alles nur wie hinter Eisengittern.
Diesen Weg, so seltsam und verlassen,
nur von bösen Engeln heimgesucht,
wo ein Trugbild namens Nacht als König
stolz auf einem schwarzen Thron regiert,
bin ich aus dem dunklen Thule kommend
kürzlich voller Freude heimgewandert.
| 1 August 2017 | |
Herrschaft der Willkür
Was soll der Götter laun’sches Narrenspiel,
das unentwegt mit heißem Lustgefühl
begehrt, dem siechend’ Erdensohn zu drängen?
***
Kühlt sich des Zeuses Brust, die ruhmerglühte,
mit Tränenflut menschlicher Trauergesängen?
Füllst du, Poseidon, denn die Weltenmeere, trübsalserpicht,
Menschenzähr’ um Menschenzähre?
Raubst, Helios, du das Lächeln deiner Siegesstrahlen
denn vom erlosch’nen Augenlicht gefall’ner Helden
in rauer Heeresschlacht, um fremdbeprunkt zu prahlen?
Trittst, Chloris, du Kunstbemühte,
nun hinzu, um reinlich dann der Rosen Gewand
im Pril verfloss’nen Streiterbluts zu tränken?
***
Oh soll doch an des Aulis‘ Strande Abendhimmel
sich Helios Götteraug’ ins schwarze Weltmeer senken
und Nyx mit finst’rem Blick allmählich nachten!
Dem Glückverschmähten tränbegoss’nes Trachten
scheuet nicht der eise Würgegriff,
des Ares‘ glatter Lanzenstich
lüstern in die matte Brust gerammt,
ja, löscht nichts, was eh’ schon ward verflammt.
***
Wähne dich glücklich, oh eitles Herrschergeschlecht, denn erhaben
thronest du! Siegesgewiß waltet dein Zepter der Macht,
teilst mit der Themis entheiligtem Schwert der Gemeinen
Länderbesitz und beglückst Fürstenverwalter damit,
zwingst des Freien geschändetes Haupt unters Joch des verhängten
Frones und nährest dich wohl von der Gepeinigten Müh’.
→ Eherne Welt
Fußnoten
| 23 Februar 2013 | |
Ich will die Nacht um mich ziehn als ein warmes Tuch
Mit ihrem weißen Stern, mit ihrem grauen Fluch,
Mit ihrem wehenden Zipfel, der die Tagkrähen scheucht,
Mit ihren Nebelfransen, von einsamen Teichen feucht.
Ich hing im Gebälke starr als eine Fledermaus,
Ich lasse mich fallen in Luft und fahre nun aus.
Mann, ich träumte dein Blut, ich beiße dich wund,
Kralle mich in dein Haar und sauge an deinem Mund.
Über den stumpfen Türmen sind Himmelswipfel schwarz.
Aus ihren kahlen Stämmen sickert gläsernes Harz
Zu unsichtbaren Kelchen wie Oportowein.
In meinen braunen Augen bleibt der Widerschein.
Mit meinen goldbraunen Augen will ich fangen gehn,
Fangen den Fisch in Gräben, die zwischen Häusern stehn,
Fangen den Fisch der Meere: und Meer ist ein weiter Platz
Mit zerknickten Masten, versunkenem Silberschatz.
Die schweren Schiffsglocken läuten aus dem Algenwald.
Unter den Schiffsfiguren starrt eine Kindergestalt,
In Händen die Limone und an der Stirn ein Licht.
Zwischen uns fahren die Wasser; ich behalte dich nicht.
Hinter erfrorener Scheibe glühn Lampen bunt und heiß,
Tauchen blanke Löffel in Schalen, buntes Eis;
Ich locke mit roten Früchten, draus meine Lippen gemacht,
Und bin eine kleine Speise in einem Becher von Nacht.
| Textdichterin | Getrud Kolmar | |
| Lesung | Donata Höffer | |
| Bereitstellung | wortlover |
| 7 Oktober 2012 | |
| DICHTUNG | Paul Celan | |
| LESUNG | Paul Celan | |
| BEREITSTELLUNG | wortlover |
Es war Erde in ihnen, und
sie gruben.
Sie gruben und gruben, so ging
ihr Tag dahin, ihre Nacht. Und sie lobten nicht Gott,
der, so hörten sie, alles dies wollte,
der, so hörten sie, alles dies wuβte.
Sie gruben und hörten nichts mehr;
sie wurden nicht weise, erfanden kein Lied,
erdachten sich keinerlei Sprache.
Sie gruben.
Es kam eine Stille, es kam auch ein Sturm,
es kamen die Meere alle.
Ich grabe, du gräbst, und es gräbt auch der Wurm,
und das Singende dort sagt: Sie graben.
O einer, o keiner, o niemand, o du:
Wohin gings, da’s nirgendhin ging?
O du gräbst und ich grab, und ich grab mich dir zu,
und am Finger erwacht uns der Ring.
| 4 September 2012 | |
| DICHTUNG | Gottfried Benn | |
| LESUNG | Gottfried Benn |
„Rot ist der Abend auf der Insel von Palau
und die Schatten sinken -“
singe, auch aus den Kelchen der Frau
läßt es sich trinken,
Totenvögel schrein
und die Totenuhren
pochen, bald wird es sein
Nacht und Lemuren.
Heiße Riffe. Aus Eukalypten geht
Tropik und Palmung,
was sich noch hält und steht,
will auch Zermalmung
bis in das Gliederlos,
bis in die Leere,
tief in den Schöpfungsschoß
dämmernder Meere.
Rot ist der Abend auf der Insel von Palau
und im Schattenschimmer
hebt sich steigend aus Dämmer und Tau:
„niemals und immer“,
alle Tode der Welt
sind Fähren und Furten,
und von Fremden umstellt
auch deine Geburten –
einmal mit Opferfett
auf dem Piniengerüste
trägt sich dein Flammenbett
wie Wein zur Küste,
Megalithen zuhauf
und die Gräber und Hallen,
Hammer des Thor im Lauf
zu den Asen zerfallen –
wie die Götter vergehn
und die großen Cäsaren,
von der Wange des Zeus emporgefahren –
singe, wandert die Welt
schon in fremdestem Schwunge,
schmeckt uns das Charonsgeld
längst unter der Zunge.
Paarung. Dein Meer belebt
Sepien, Korallen,
was sich noch hält und hebt,
will auch zerfallen,
rot ist der Abend auf der Insel von Palau,
Eukalyptenschimmer
hebt in Runen aus Dämmer und Tau:
niemals und immer.
| 28 Juni 2012 | |
| DICHTUNG | Gottfried Benn | |
| LESUNG | Georg Lembeck |
Durch so viel Form geschritten,
durch Ich und Wir und Du,
doch alles blieb erlitten
durch die ewige Frage: wozu?
Das ist eine Kinderfrage.
Dir wurde erst spät bewußt,
es gibt nur eines: ertrage
– ob Sinn, ob Sucht, ob Sage –
dein fernbestimmtes: Du mußt.
Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,
was alles erblühte, verblich,
es gibt nur zwei Dinge: die Leere
und das gezeichnete Ich.



























