Lyrik ~ Klinge
    Versuch einer Dichtung            

22 
 März 
 
2018

Schlagwörter

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Mnemosynes Geleit

Streifzüge eines Gedankenvagabunden

 
Zwiespalt des göttlichen Wahnsinns
Friedrich Hölderlin
[1]Mündlichen Überlieferungen zufolge, dass Ernst Zimmer, bei dem der an Schizophrenie erkränkte Hölderlin in Pflege gegeben wurde, die Aufzeichnungen Hölderlins aus den Jahren des „Tübinger Turms“ in großen Mengen post mortem vernichtet haben soll. Etwa fünfzig Gedichte aus den späteren Jahren im Tübinger Turm sind überliefert. Sicher ist, dass dadurch von den zahlreichen Gedichten, die in der ersten Zeit im Tübinger Turm entstanden sind, die meisten verloren gingen. „[…] In … Continue reading

 
Aus den Aufzeichnungen
eines göttlich Wahnsinnigen


 


Vorwelt
 



⚘  Orpheus‘ Gesänge (Traum und Wirklichkeit)

Morpheus‘ Schoß
Elysions Friedensgrund

Eherne Welt
Demeters Dunkelpfade

☼  II. Apollons Günstlinge (Ideenwelt vs. Skulpturen)

Hephaistos‘ Kunstschmiede
Artefakte göttlicher Macht

Pygmalions Werkstatt
Die Modellierung des Unfassbaren

🍂  III. Ares‘ Siegeszüge (dynamisch vs. statisch)

Caissas Liebesgeschenke
Ares‘ Eroberungskünste

Skulpturen des Adamas
Naturen des menschlichen Geistes

❄  IV. Minervas Vermächtnis (Geist vs. Abbild)

Die Elemente
Das Alphabet des Geistes

Das Positionsspiel
Sprachen des Geistes

Fußnoten[+]

 
 
30 
 Juli 
 
2017


 

Scherenschnitt (bearbeitet)
Margarete Schreiber[1]Foto: Margarete Schreiber. In: „Das Himmelsvolk“ von Waldemar Bonsels

 
Orpheus‘ Trauer
» Doch starrend vor Schmutz an dem Ufer
saß er sieben der Tag‘
und verschmähte die Gabe der Ceres « [2]aus: „Die Metamorphosen“ von Ovid


 
Musik
Ludwig van Beethoven [3]Klavierkonzert Nr. 8, Pathétique


[ Bemerkung zum Text ] [4] Ich distanziere mich explit zu Bezügen aus meinem privaten Umfeld, die rein zufällig wären und der Text darüberhinaus dem Jahre 1999(?) entstammt. Lediglich die Verortung im Gedichtezyklus „Mnemosynes Geleit“ war angedacht.

 
Klage des Orpheus‘

 
Scheidend winkt
des Liebeszaubers milder Flammenblick,
entsagend, letzten Loderschlag.
 
Das Lampenöl ist aufgezehrt,
entsendet matten Trauerflor
als träges Rauchgeschleier
mit schwerer Flügelschwinge.
 
Und mit ihm flieht das kühne Hoffen
entschwelgt, erkühlter Brust.
 
* * *
 
Der stumme Sterbensgruß
haucht eises Herzensregen,
raut Stimme und den samt’gen Blick,
schallt jenen trauten Heimatruf,
der einst mit holder Himmelsmacht
im Taumel regen Busens
des Herzens Säulen wanken ließ.
 
* * *
 
Wo einst der Liebe Treueschwur
auf keucher Lippe glühte,
der Wange Rosenbeet erblühte,
obsiegt nun äschern Schattenwurf,
drang Wollust sich ins Liebesreich
und Flammen der wilden Begierde
entweihten jäh mit lohem Steppenbrand
der Wangen heil’ge Erde.
 
* * *
 
Gewiss, auch dich, Eros,
du mildbeflammter Seelenwächter,
entwaffnet rege Frevelhand der Mächtigen [5]die Parzen,
entreisst den sich’ren Schaft
der ölgetränkten Fackel dir
und tauchet sie in Lethes [6]Lethe ist ein Fluss der Unterwelt Leidensstrom
mit kraller Bärenpranke nieder.
 
* * *
 
Oh heilige Liebesbande,
deines festen Griffes Treugeleit
entglitt mir schon auf halbem Wege.
 
Denn gleich des Kometen verglühenden Glanzes
als silberner Himmelsstreif flüchtiger Schöne
und Spielball der sphärischen Mächte,
so wandelt sich hier nun im Trauertal
der Liebenden tröstlicher Abendstern
grell niederfallend zu Erdenstaub,
als Streu des launischen Windes.
→ zu Mnemosynes Geleit
Eherne Welt

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28 
 Juli 
 
2017


 

Der Grabstein gelebter Güte

 
Musik
Ludwig van Beethoven [1]Klavierkonzert Nr. 5, Op. 73, II. Adagio

[ Bemerkung zum Text ] [2] Ich distanziere mich explit zu Bezügen aus meinem privaten Umfeld, die rein zufällig wären und der Text darüberhinaus dem Jahre 1999(?) entstammt. Lediglich die Verortung im Gedichtezyklus „Mnemosynes Geleit“ war angedacht.

Orpheus‘ Trost

Im tanzenden gleisen Morgenlichte
des munteren Lebenstaumels
schimmert silberner Inschrift
kühl der Marmor:

Heil der schönen Trösterseele,
dein wahrer Glanz verblasset nie!

Dein Erdenstreif umging den Pfad
der unbeschwerten Sinneslust,
beschritt getreu den Dornenweg,
den schmalen Steig der Tugendlast.


Allzu früh im Jugendgarten
flammte dir der Toteninsel
Fackelruf! Ein köstlich Los ward
dir zuteil, der Götter Liebling,
die treu die Ihren im Schoße empfangen.

Wohlan, Teure, Morpheus‘ Lager rufet dich,
hebe dich getrost in Charons sich’ren Kahn!

* * *

Eines Wanderers forschendes Auge
streifet über die flüsternden Lettern
und wieget bedächtig das Herz.

Der stählerne Blick, er zerbricht
und schmilzt bestürmt zur Tränensaat.

Die heilige Erde,
benetzt von dem salzigen Kleinod,
sie atmet und haucht der Verstorbenen Geist
mit rankem Bemüh’n in das Ohr:

„Siehe,
wie rings umher auf lichtgeschwellter Heide
der reichen Apfelbäume Blütenschar
an Helios‘ Liebesstreiche sich erlabt,
dass jedes weilend Auge sich
mit trunk’nem Sinn daran erfreuet.

Auch dieses Schmuckgewande welkt,
entweicht und muss entweichen höher’m Glücke,
das waltende Zepter dazureichen
der eigentlichen Segensfrucht.

Wenn des Samens fahle Hülle nicht erstirbt,
vermag der Spross aus ewigem Schattenreiche
nimmer sich erheben.

Es ziert der Venus wahre Gunst,
wenn flücht’ger Dunst der nieder’n Kunst
entflieht und Schönes Schöneres gebiert.“
→ zu Mnemosynes Geleit
Eherne Welt

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25 
 März 
 
2017


 

Musik
Wojciech Kilar [1]Twilight Cellos

Der Erinnerung Unsterblichkeit [2][ geschrieben in Unterschwarzach, 2002]

Trau’re doch nicht dem erblühten Gedanken des lichten Momentes
bittere Tränenflut [3]Perlenflut nach, wenn die mächtige Hand
nachtenden Scheines nun jäh dein Gedankenreich deckt mit Vergessen,
jenen sonnigen Hain hüllet ins Schattengewand,
dem der zärtliche Lichtstreich der Freiheit einst Prachtwuchs bescherte.

Nun, der Lichtflut beraubt, rückt das Gefild der Ideen
tauchend ins Schattenreich ab. Es entschwelgt das selige Schauen…
Sei getrost und erfreu himmlischer Gabe dich doch,
dass der Freiheit Sommerwind streichend den Forst mild durchglänzte,
deinen geheiligten Grund blumen Geistes Bezirk!

Geistesblüten, sie welken nicht. Morpheus [4]Gott des Schlafes, die nächtliche Gottheit,
bangt um den lieblichen Reiz. Treu im Liebesarm wiegt
sicher den Liebling er, deckt mit ambrosischem Schlafe die Blüte,
mattet das Farbengewand und, mit sachtem Geschick,
senkt er den Kelch des Geblüms zum Schoße der schwärzenden Erde,
senkt in den ruhenden Schoß sinnenden Herzensgrund ihn.

Heilige Erde, du Heimstatt der scheuen Gedanken, beherberg’
frei die verwaiste Geburt geistigen Adels. Gewähr’
fürstlich ein Obdach dem nächtlichen Gaste in deinem Schoße.
Gönn’ dem untadligen Schlaf kühlende Ruhstatt gelind!

Reich der liebkosenden Schatten, oh weile als wachender Hüter,
bis im dämmernden Tal purpur Aurora [5]Göttin der Morgenröte entflammt,
wo mit loderndem Brand sie Helios’ [6]Der Sonnengott Auge beschüret.

Schimmernd woget die Glut übers Gefild der Ideen,
Nebel verziehen im Blumenhain, Schatten, sie weichen entmachtet.
Siehe, da neigt das Geblüm schmiegend dem Lichtstreich sich zu,
badet sich munter im warmen Lichtmeer erwachenden Tages.

Und Mnemosyne [7]Göttin des Gedächtnisses daselbst küsst es mit Morgentau wach.

→ zu Mnemosynes Geleit
Eherne Welt

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9 
 März 
 
2017


 

Herbstender Sommerhain

Oh, entflieht doch, ihr schweigsamen,
mir einst teuren Gefilden,
entfremdeter Natur betöret mich ferner
Chloris‘ [1] Chloris ist die Göttin der Blüte welkes Blumenband
jenseits heiler Kunst!

Mehr verlanget mir
nach eines fühlend’ Herzens kühlem Schattenhaine,
wo des Sängers totgeschwiegener Geist frei wandeln darf,
wo lausches Ohr ihm zugeneigt
und bäldigste Genesung wird zuteil
durch heiliger Lippen balsamischer Rede.

Nur dort frohlockt,
erbebt die matte Brust in sel’gem Jubilieren,
wiegt sich beflügelter Gedanken zwitschernder Reigen
in höchsten Tannenwipfeln.

Und des spendenden Trostes treues Geleit
stützt der Bürde schweren Gang,
auf dem rauen Steg der wirren Zeit.

Heil den Trösterworten,
die mit wahrem Frühlingstau
die Wunden lindernd mir benetzen,
die befiedert als zwitschernd und fächelnde Schar
mich mit süßem Singspiel sonnen
und zarter Worthauch mich zugleich bekühlet.

Ewigerschallender Hymnengesang
dem reinen Gedankenweben heiliger Empfindung,
dessen Worte Blumenlese mit duftender Entsendung
vermag das fahle Haupt mir schmückend zu bekränzen,
liebgeflochten die Schläfe adelnd zu umwinden.

Doch er welkte dahin, der mattgewordene Rosenblick,
flaut kehrte sich die ambrosische Brise ihrer Seele Zauberhauch.

* * *

Scheidend löst ein buntes Blatt sich vom Geäste
munter tanzend in den gold’nen Morgenlüften,
lockt es eifernd zu dem letzen Freudenfeste
Laubgesell’n, in ihren farbenfrohen Klüften,
um nach berauschtem Himmelsritt
kühn im stählernen Blau,
gleitend zu landen im spinnbenetzten Gräsertau.

Der milde Sommer im Busen verstreicht
und weicht
dem fahlen Welken muntrer Tage.

→ zu Mnemosynes Geleit
Eherne Welt

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7 
 März 
 
2017


 

Des Glückes Sold
Tribut für die unbeschwerten Kindestage

Dumpf steigt aus kühler Herzensgruft
der bersten Glocke Leidgesang,
der luftgewogen durch die kalte Geistesnacht
gespenstisch raunt und Tränenzoll erheischt.
Gewiss, Tränenzoll,
als Preisgeld heitrer Erdenstunden.

Oh Hades,
Du schmuckerpichter Schattenfürst,
dem’s selbst an prächtigem Gewand ermangelt!

Wie lang, wie lang gedenkst Du noch,
dass mit der Seele heiligen Tränenflut
ich Dir die unbeschwerten Kindestage löhne,
mit salziger Perlenzier
die Halseskette mühesam Dir fädle,
dass sie mit prunkem Tränenschimmer
Dich lieblicher erstrahlen möge?

Zier’ mit dieser Ruhmeskette
doch Deiner Gattin marmorweißen Hals,
dass ehrend sie zum holden Dank
mit ihrem duft’gen Wiesenzauber
den welken Garten Deiner fernen Jugend
wieder grünen lässt
und sende mir indes
Zephyros‘ milden Wonnehauch!

Lass Deine grauen Wolkenschleier fallen,
mich Helios’ gold’nes Antlitz schaun,
den frostigen Gedankenschauer,
der mir in bangem Busen wintert
in seinem Gnadenlichte schmelzen,
beströmend seiner lichten Segensgabe
die eisen Herzensquellen tauend brechen!

→ zu Mnemosynes Geleit
Hephaistos‘ Kunstschmiede