Conrad Ferdinand Meyer (74)

Lutz Görner lädt uns zu einer literarischen Reise ein

 

Stapfen (0:14)
Conrad Ferdinand Meyer (1825 – 1898)
In jungen Jahren wars. Ich brachte dich
Zurück ins Nachbarhaus, wo du zu Gast,
Durch das Gehölz. Der Nebel rieselte,
Du zogst des Reisekleids Kapuze vor
Und blicktest traulich mit verhüllter Stirn.
Nass ward der Pfad. Die Sohlen prägten sich
Dem feuchten Waldesboden deutlich ein,
Die wandernden. Du schrittest auf dem Rain,
Von deiner Reise sprechend. Eine noch,
Die längre, folge drauf, so sagtest du.
Dann scherzten wir, der nahen Trennung klug
Das Angesicht verhüllend, und du schiedst,
Dort wo die Ulmen nah dem Hause stehn.
Ich ging denselben Pfad gemach zurück,
Leis schwelgend noch in deiner Lieblichkeit,
In deiner wilden Scheu, und wohlgemut
Vertrauend auf ein baldig Wiedersehn.
Vergnüglich schlendernd, sah ich auf dem Rain
Den Umriss deiner Sohlen deutlich noch
Dem feuchten Waldesboden eingeprägt.
Die kleinste Spur von dir, die flüchtigste,
Und doch dein Wesen: wandernd, reisehaft,
Schlank, rein, walddunkel, aber o wie süß!
Die Stapfen schritten jetzt entgegen dem
Zurück dieselbe Strecke Wandernden:
Aus deinen Stapfen hobst du dich empor
Vor meinem innern Auge. Deinen Wuchs
Erblickt ich mit des Busens zartem Bug.
Vorüber gingst du, eine Traumgestalt.
Die Stapfen wurden jetzt undeutlicher,
Vom Regen halb gelöscht, der stärker fiel.
Da überschlich mich eine Traurigkeit:
Fast unter meinem Blick verwischten sich
Die Spuren deines letzten Gangs mit mir.
Die Füße im Feuer 2:54)
Conrad Ferdinand Meyer (1825 – 1898)
Wild zuckt der Blitz. In fahlem Lichte steht ein Turm.
Der Donner rollt. Ein Reiter kämpft mit seinem Ross,
Springt ab und pocht ans Tor und lärmt. Sein Mantel saust
Im Wind. Er hält den scheuen Fuchs am Zügel fest.
Ein schmales Gitterfenster schimmert goldenhell
Und knarrend öffnet jetzt das Tor ein Edelmann.

»Ich bin ein Knecht des Königs, als Kurier geschickt
Nach Nîmes. Herbergt mich! Ihr kennt des Königs Rock!«
»Es stürmt. Mein Gast bist du. Dein Kleid, was kümmerts mich?
Tritt ein und wärme dich! Ich sorge für dein Tier!«

Der Reiter tritt in einen dunkeln Ahnensaal
Von eines weiten Herdes Feuer schwach erhellt.
Und je nach seines Flackerns launenhaftem Licht
Droht hier ein Hugenott im Harnisch, dort ein Weib,
Ein stolzes Edelweib, aus braunem Ahnenbild.
Der Reiter wirft sich in den Sessel vor dem Herd
Und starrt in den lebendgen Brand. Er brütet, gafft.
Leis sträubt sich ihm das Haar. Er kennt den Herd, den Saal …
Die Flamme zischt. Zwei Füße zucken in der Glut …
Mit Linnen blendend weiß deckte den Abendtisch
Die greise Schaffnerin. Das Edelmägdlein half.
Ein Knabe trug den Krug mit Wein. Der Kinder Blick
Hing schreckensstarr am Gast und hing am Herd entsetzt…

Die Flamme zischt. Zwei Füße zucken in der Glut.
Verdammt! Dasselbe Wappen! Dieser selbe Saal!
Drei Jahre sinds … Auf einer Hugenottenjagd …
Ein fein, halsstarrig Weib … »Wo steckt der Junker? Sprich!«
Sie schweigt. »Bekenn!« Sie schweigt. »Gib ihn heraus!« Sie schweigt.
Ich werde wild. Der Stolz! Ich zerre das Geschöpf.
Die nackten Füße pack ich ihr und strecke sie
Tief mitten in die Glut. »Gib ihn heraus!« Sie schweigt,
Sie windet sich … Sahst du das Wappen nicht am Tor?
Wer hieß dich hier zu Gaste gehen, dummer Narr?
Hat er nur einen Tropfen Bluts, erwürgt er dich.

Eintritt der Edelmann. »Du träumst? Zu Tische, Gast.«
Da sitzen sie. Die drei in ihrer schwarzen Tracht
Und er. Doch keins der Kinder spricht das Tischgebet.
Ihn starren sie mit aufgerissnen Augen an –
Den Becher füllt und übergießt er, stürzt den Trunk,
Springt auf: »Herr, gebt jetzt mir meine Lagerstatt!
Müd bin ich wie ein Hund!« Ein Diener leuchtet ihm.
Doch auf der Schwelle wirft er einen Blick zurück
Und sieht den Knaben flüstern in des Vaters Ohr.
Dem Diener folgt er taumelnd in das Turmgemach.

Fest riegelt er die Tür. Er prüft Pistol und Schwert.
Gell pfeift der Sturm. Die Diele bebt. Die Decke stöhnt.
Die Treppe kracht. Dröhnt hier ein Tritt? Schleicht dort ein Schritt?
Ihn täuscht das Ohr. Vorüberwandelt Mitternacht.
Auf seinen Lidern lastet Blei und schlummernd sinkt
Er auf das Lager. Draußen plätschert Regenflut.

Er träumt. »Gesteh!« Sie schweigt. »Gib ihn heraus!« Sie schweigt.
Er zerrt das Weib. Zwei Füße zucken in der Glut.
Aufsprüht und zischt ein Feuermeer, das ihn verschlingt …

»Erwach! Du solltest längst von hinnen sein! Es tagt!«
Durch die Tapetentür in das Gemach gelangt,
Vor seinem Lager steht des Schlosses Herr – ergraut,
Dem gestern dunkelbraun sich noch gekraust das Haar.

Sie reiten durch den Wald. Kein Lüftchen regt sich heut.
Zersplittert liegen Ästetrümmer quer im Pfad.
Die frühsten Vöglein zwitschern, halb im Traume noch.
Friedselge Wolken schwimmen durch die klare Luft,
Als kehrten Engel heim von einer nächtgen Wacht.
Die dunklen Schollen atmen kräftgen Erdgeruch.
Die Ebne öffnet sich. Im Felde geht ein Pflug.

Der Reiter lauert aus den Augenwinkeln: »Herr,
Ihr seid ein kluger Mann und voll Besonnenheit
Und wisst, dass ich dem größten König eigen bin.
Lebt wohl. Auf Nimmerwiedersehn!«
»Du sagts! dem größten König eigen! Heut ward
Sein Dienst mir schwer. Gemordet hast du teuflisch mir
Mein Weib! Und lebst! Mein ist die Rache, redet Gott.«
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August Kopisch (62)

Lutz Görner lädt uns zu einer literarischen Reise ein

 

Die Heinzelmännchen von Köln (0:56)
August Kopisch (1799– 1853)
Wie war zu Köln es doch vordem
Mit Heinzelmännchen so bequem!
Denn, war man faul, man legte sich
Hin auf die Bank und pflegte sich.
Da kamen bei Nacht,
Eh mans gedacht,
Die Männlein und schwärmten
Und klappten und lärmten
Und rupften
Und zupften
Und hüpften und trabten
Und putzten und schabten.
Und eh ein Faulpelz noch erwacht,
War all sein Tagewerk bereits gemacht.

Die Zimmerleut streckten sich
Hin auf die Spän und reckten sich.
Indessen kam die Geisterschar
Und sah, was da zu zimmern war,
Nahm Meißel und Beil
Und die Säg in Eil.
Die sägten und stachen
Und hieben und brachen,
Berappten
Und kappten,
Visierten wie Falken
Und setzten die Balken.
Eh sichs der Zimmermann versah,
Klapp! Stand das ganze Haus schon fertig da!

Beim Bäckermeister war nicht Not,
Die Heinzelmännchen backten Brot.
Die faulen Burschen legten sich,
Die Heinzelmännchen regten sich.
Und ächzten daher
Mit den Säcken schwer
Und kneteten tüchtig
Und wogen es richtig
Und hoben
Und schoben
Und fegten und backten
Und klopften und hackten.
Die Burschen schnarchten noch im Chor
Da rückte schon das Brot, das neue, vor!

Beim Fleischer ging es just so zu:
Gesell und Bursche lag in Ruh.
Indessen kamen die Männlein her
Und hackten das Schwein die Kreuz und Quer.
Das ging so geschwind
Wie die Mühl im Wind!
Die klappten mit Beilen,
Die schnitzten an Speilen,
Die spülten,
Die wühlten,
Die mengten und mischten
Und stopften und wischten.
Tat der Gesell die Augen auf,
Wapp! Hing die Wurst schon da im Ausverkauf!

Beim Schenken war es so. Es trank
Der Küfer bis er niedersank.
Am hohlen Fasse schlief er ein.
Die Männlein sorgten um den Wein
Und schwefelten fein
Alle Fässer ein.
Sie rollten und hoben
Mit Winden und Kloben
Und schenkten
Und senkten
Und gossen und panschten
Und mengten und manschten.
Und eh der Küfer noch erwacht,
War schon der Wein geschönt und fein gemacht!

Einst hatt ein Schneider große Pein:
Der Staatsrock sollte fertig sein!
Warf hin das Zeug und legte sich
Hin auf das Ohr und pflegte sich.
Da schlüpften sie frisch
Auf den Schneidertisch
Und schnitten und rückten
Und nähten und stickten
Und fassten
Und passten
Und strichen und guckten
Und zupften und ruckten.
Und eh mein Schneiderlein erwacht,
War Bürgermeisters Rock bereits gemacht!

Neugierig war des Schneiders Weib
Und macht sich diesen Zeitvertreib:
Streut Erbsen hin die andre Nacht.
Die Heinzelmännchen kommen sacht.
Eins fähret nun aus,
Schlägt hin im Haus.
Die gleiten von Stufen
Und plumpen in Kufen,
Die fallen
Mit Schallen,
Die lärmen und schreien
Und vermaledeien!
Sie springt hinunter auf den Schall
Mit Licht: husch husch husch husch! – verschwinden all.

O weh! Nun sind sie alle fort,
Und keines ist mehr hier am Ort!
Man kann nicht mehr wie sonsten ruhn,
Man muss nun alles selber tun!
Ein jeder muss fein
Selbst fleißig sein
Und kratzen und schaben
Und rennen und traben
Und schniegeln
Und bügeln
Und klopfen und hacken
Und kochen und backen.
Ach, dass es noch wie damals wär!
Doch kommt die schöne Zeit nicht wieder her!

Die Wahrheit ohne Herberge (5:23)
August Kopisch (1799– 1853)
Wer klopft bei solchem Wetter? »Ich bins, ein armer Mann,
Der, weil er Wahrheit redet, nicht unterkommen kann.«
»Wie schlimm sind doch die Leute! Geh, Hans, tu auf die Tür!
Ich such indes was Warmes dem armen Mann herfür.«
»Herein! Wir li-li-lieben ein wa-wa-wahres Wort!«
»Wer weiß, vielleicht muss ich auch hier bald wieder fort.
Doch sagt mir, krumme Mutter und stotteriger Mann,
Wo häng ich jetzo hier mein Reiseränzel an?«
»Du Fle-Fle-Fle-Fle-Flegel! Fo – fort aus unserm Haus!«
»Da habt ihrs! Niemand hält mehr die reine Wahrheit aus!«
Das Meeresleuchten (7:00)
August Kopisch (1799– 1853)
Komm in mein Schiff,
Geliebter, hier her!
Die Nacht ist so still, und
Es leuchtet das Meer!

Doch wo ich auch rudre,
Entbrennet die Flut!
Es schaukelt mein Nachen
In wallender Glut!
Die Glut ist die Liebe
Der Nachen bin ich.
Ich sink in die Flammen.
O rette Du mich!

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Fahler Wortlaut

Dir R.,

wahrer Wortlaut tut not, wenn in Zeiten waltender Gedankenflaute nur matt des Geistes Flügel schwingt, die sonst befleißte Schreiberhand schwer die Feder führt und ringend im Ausdruck sich reget.
Wenn selbst der Seele Freudeschall verstummt und Eiseskälte mir in bangem Busen wintert.
Sie wollen nicht tauen, die eisen Herzensquellen.

Treulos entflohn mir die Musengeister.
Alles um mich herum birgt nur der Schleier der Gleichgültigkeit, getaucht in fahles Einheitsgrau und jedes meiner kärglichen Träufelworte stirbt selbst auf der Lippe noch.
Ich kann – und darf der duften Redekunst entmachtet – NICHT schreiben, denn alles wär’ nur Blätterlaub vom abgedroschenen Blumenhain erlauchter Rosenworte, wär’ welker Worttand einst blühender Schöne.

Weder eines Herren Wink entbiete mir Geheiß, noch der Frauen lieblicher Zauber schlage mich in Liebesbanden, frei und rein soll sich die zagend Brust sich heben, fern dem wirren Lärmen einer feilen Welt entrückt, einer Welt, die Schauplatz einem schlechten Bühnenstücke gibt.

Allein in des Dichter’s seligem Schwärmen zu triumphieren ist mein höchst Begehr.

***

wahrer Wortlaut tut not, wenn in Zeiten waltender Gedankenflaute nur matt des Geistes Flügel schwingt, die sonst befleißte Schreiberhand schwer die Feder führt und zagend im Ausdrucke sich reget.
Wenn selbst der Seele Freudeschall verstummt, der dumpfen Gefühlskälte mit matter Kehl’ und faustgeballt ich wehren möchte.
Sie wollen nicht tauen, die eisen Herzensquellen, der Seelenfrost nicht verziehn, der mir in bangem Busen wintert.

Treulos entflohn mir die Musengeister, die einst steten Weggefährten … und sie scheinen dahin.

Alles um mich herum birgt nur der Schleier der Gleichgültigkeit getaucht in fahle Blässe und der wie von Blei bemantelte Blick stiert ins Leere.
Die lichtgetränkten vom Leben geschwängerten Frühlingswiesen, sie grünen nicht mir, und das heitre Gewölk am stahlblauen Himmel zieht meiner ungeachtet vorüber, meint auch nicht mich.
Alles erscheint mir oft so fremd, so belanglos, so NICHTIG.
Selbst der Liebschall einer Freundesrede vermag ich oft nicht zu erlauschen und jedes meiner kärglichen Träufelworte erliegt dem raubenden Dunst, stirbt auf der Lippe noch.

***

Drum kann und darf – der duften Redekunst entmachtet – ich NICHT schreiben, denn alles wär’ nur dürres Blütenlaub vom abgedroschenen Blumenhain erlauchter Rosenworte, wär’ welker Worttand einst blühender Schöne.

Oh, könnt’ ich nur sinnestaumeln in des Dichter’s seligem Schwärmen und kraftbefiedert zum reichbestirnten Firmamente streben, um derorts edle Sternenworte zu erhaschen.
Fürwahr, das wär’ mein höchst Begehr !
Denn weder eines Herren Gebot beuget sich mein Haupt, noch der Frauen lieblicher Zauber schlage mich in Liebesbanden, FREI allein soll sich die matte Brust mir heben, dem wirren Lärmen einer feilen Welt entrückt, einer Welt, die sich nur als Schauplatz eines schlechten Bühnenstückes gebärdet.

Auf eben diesen „Brettern der Welt“ ( Weltbühne ) tummelt sich allerlei eitles Menschengevölk :
wortgewandte Phrasendrescher, selbsterwählte Geistesgrößen, vermeintliche Lichtgestalten beredter Gelehrsamkeit, dem schnöden Mammon verfallene Lustwandler, … oh, wie sie mir zuwider sind, diese trampelnden Horden von heuchelnden Pharisäern, die so sehr den irdischen Wonnen zugeneigt und eigenbedacht mit ihren Talenten prunken.

***

Doch siehe, aus diesem Dickicht, aus diesem Gestrüpp selbstgefälliger Menschenfülle, entringt sich eine Blüte reiferer Vernunft, eine schöngeistige Blüte mit zartem Wurzelwerk.
Mildbeflammt vom Sonnenschein der Wahrheit erblühen ihre Farben, die Blätter, vom jugendlichen Geisteswind bewogt, weben reine Gedanken und der füllige Blumenkelch faßt mit Anteilnahme das Leid anderer mit wahrem Priestergeist.

Gewiß, ohn’ Fehl, hier offenbart sich – nebst Schönwuchs – der weibliche Blütenzauber Schimmerglanz, paart Prachtaufwand mit Edelsinne sich.

Nur äußerlicher Prachtaufwand, wahrlich des Himmels liebreizendes Geschenk, verschmäht mein Aug’, das nimmer sich sättigt an der Damenwelt blühender Heide, denn selbst Aphrodites Gestalt speist nur der lüsterne Blick und läßt den Schöngeist im Drang zum wahren Schönen darben.

Denn wahre Schönheit offenbart sich nur im edlern Geiste, im zarten Blütenstaub, der als duftende Entsendung zu seinen geistigen Heimatgründen windet, der Blüte vergänglicher Schöne schlicht entsagt und ihr entflieht.

Ja, ich spreche ihn heilig, der Erde Grund, in dem Blume Samen keimte und früh schon seine feinen Wurzeln schlug, aus kühlem Erdreich in einsten Kindestagen doch empor sich rang zur vollen Reife.

Heil Dir, Flora, für den spendenden Schoß fruchtbarer Erde und Dir Helios sei’s gedankt für die milde Flut lichter Segensgabe, die erst der Knospe Riegel brechen ließ.

Vergangner Krankheit rauer Stürme Heer vermochte die ranke Blume wohl zu beugen, nicht aber zu brechen, gewann dadurch an Kraft- und Geistesfülle.
Edle Gesinnung senkte sich mit goldner Gravur in die kindbewahrten Herzenstafeln und der Seele Jubelklang singt im Weltenlärme sein eignes leises Lied paradiesischen Lautens.

Möge diese liebschallende Melodie, R., Dir nie verstummen, möge der zuweilen leidgehemmte Fuß auf Deinem Lebenspfad treu jener heiligen Spur gewollten Himmelsgeschickes folgen und sich nie beirren lassen.

Mit nunmehr endendem Federschwunge

Ralph

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