Lyrik ~ Klinge
    Versuch einer Dichtung            

22 
 März 
 
2018

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Mnemosynes Geleit

Streifzüge eines Gedankenvagabunden

 
Zwiespalt des göttlichen Wahnsinns
Friedrich Hölderlin
[1]Mündlichen Überlieferungen zufolge, dass Ernst Zimmer, bei dem der an Schizophrenie erkränkte Hölderlin in Pflege gegeben wurde, die Aufzeichnungen Hölderlins aus den Jahren des „Tübinger Turms“ in großen Mengen post mortem vernichtet haben soll. Etwa fünfzig Gedichte aus den späteren Jahren im Tübinger Turm sind überliefert. Sicher ist, dass dadurch von den zahlreichen Gedichten, die in der ersten Zeit im Tübinger Turm entstanden sind, die meisten verloren gingen. „[…] In ...weiter lesen

 
Aus den Aufzeichnungen
eines göttlich Wahnsinnigen


 


Vorwelt
 



⚘  Orpheus‘ Gesänge (Traum und Wirklichkeit)

Morpheus‘ Schoß
Elysions Friedensgrund

Eherne Welt
Demeters Dunkelpfade

☼  II. Apollons Günstlinge (Ideenwelt vs. Skulpturen)

Hephaistos‘ Kunstschmiede
Artefakte göttlicher Macht

Pygmalions Werkstatt
Die Modellierung des Unfassbaren

🍂  III. Ares‘ Siegeszüge (dynamisch vs. statisch)

Caissas Liebesgeschenke
Ares‘ Eroberungskünste

Skulpturen des Adamas
Naturen des menschlichen Geistes

❄  IV. Minervas Vermächtnis (Geist vs. Abbild)

Die Elemente
Das Alphabet des Geistes

Das Positionsspiel
Sprachen des Geistes

Fußnoten   [ + ]

 
 
19 
 August 
 
2017


 
Venus‘ Gnadengereich

So auch begab sich Pygmalion in seine Werkstatt.

Als begnadeter Bildhauer auf dem Inselreich Zypern
mehrte er reich die Tempel
mit ehrfurchtentbietenden Götterstaturen,
gab Erscheinung der himmlischen Macht,
die seit jeher dem menschlichen Aug’ sich entzog
und nur sich dem kindlichen Herz offenbarte.

Diesem Betreben nun folgend
gedachte der Künstler edlen Verlangens
gleichsam ein Weib zu erschaffen
aus glänzendem Marmor,
denn schmerzlich war die Enttäuschung,
die erlittene, von den Frauen gewesen,
dass er nunmehr aus dem Gesteine weibliches Antlitz
still sich erhoffte,
wie’s ihm im Traume oftmalig schwärmte.

Wohl war der kühne Entschluss nun gefasst,
wohl führte nun der Meister geduldig den Meißel
und formte in stiller Schöpferbetrachtung
aus dem Steine das werdende Bild andächt’ger Versenkung…

Und siehe,
alles geriet wohl unter schaffender Hand!


Galathea

Rein wie des Vollmondes schimmerndes Haupt am bestirnten Gewölbe
prangte die schönbleiche Stirn und strahlte ins trunkene Aug’ ihm.
Milder Silberschein floss über der Wangen erhab’nes Gefilde,
wo ein lieblicher Flor seinen Zauber verströmte.

Vom Abglanz betört,
nahte die Mondgöttin [1]Die Mondgöttin Luna selbst
und Abendtau kühle entatmend,
koste mit dunstigem Hauch
sie lustvoll der Brüste Opal.

Und der leblose Stein erwachte zum Leben.

Blühend entfächterte sich nun das Auge,
die bisher verschloss’ne Knospe.
Liebestoll zuckte die zarte Braue
und schmückte gleich des Rosengeranks
das Tor zur sichtbaren Welt.
Niederstreichender Wimpernschlag
fächelte mild ambrosische Brise
und windete keusch mit goldsträhner Pracht
des Eros‘ [2]Der Liebesgott Eros genesendes Heil.

Singe, oh Seele,
der Venus‘ liebholdem Geschenk,
und preise in Versen
die fleischgeword’ne Poesie!
Oh holdes Weib,
bist Dichtung mir und Wahrheit!

Welch‘ Antlitz,
wahres Elysium weiblicher Anmut, du!

Aus deiner Lippen liebrauschendem Quell
sprudelt nun hell mir kristallene Macht,
woget als wallender Segensstrom
munter im Rudel graziler Gelüste
und schwemmt mir versöhnlich
trockenes Tal fruchtlosen Sehnens
mit paradiesischer Flut.

Wundertätig war einst des Bildhauers Meißel,
der vom Wunschbild geführt, vom Verlangen getrieben,
dem Gedanken in der Statur feste Gestaltung verlieh
und durch Gnadengereich Empfindung erlangte.
→ zu Mnemosynes Geleit
Hephaistos‘ Kunstschmiede

Fußnoten   [ + ]

 
 
23 
 November 
 
2008


 

Die Modellierung des Unfassbaren

 

Hephästos,
der Götterschmied

Hochgepriesenes Griechenland du, das längst dem Bewusstsein
uns’rer ernüchternden Tage entschwunden, zeugtest die einsten
Helden antiker Vorwelt, die allzeit verehrten. Auf deinem
Amboss stählte die Gottheit mit wuchtigem Hammer den Heros,
schmiedete funkenentfahrend und makeltilgend den göttlichen Streiter.

Wohl dem Erdensohn, der vom Götterschmied selbst, von Hephästos,
auf den Amboss gezerrt wahre Vollendung erlangt.

Fest im Zangengriff nimmt der Meister das glühende Eisen
vom kohlebeschürten Glutherd
und rückt es gefügig auf des Ambosses ebener Fläche zurecht.
Donnergleich fährt des Hammerschwungs Allmacht danieder und
zwingt das erweichte Metall zur vollendenden Form.
Abgeschreckt im Wasserbad
taucht aus der Flut es empor
und erfreuet den prüfenden Blick.

So füllt sich mit allerlei Schmiedwerk,
mit allerlei kostbarem Kriegsgerät
die Waffenkammer der Götter.

 
Allen voran preis’ ich Herakles, gehärtete Spitze des sühnenden Pfeils, der siegesbeflügelt und zielgewiss im Gigantenkampf, die ent-
scheidende Wende herbeiführte, den himmlischen Göttern zugunsten.

Siegreicher Kriegsheld,
in dir einst verklärte sich, nahm Gestaltung
der schaffende Wille und formte das Göttliche
mit dem Hammer allwaltenden Schicksals.

 
Auch Achilles durchlief des Götterschmieds heimliche Werkstatt,
war in der Griechen Armee der nie fehlende Speer zu den Mauern Trojas,
durfte sich rühmlich erzeigen, bevor ihn am skäischen Tor des
Paris’ verderblich’ Geschoss und damit sein Unheil ereilte.
Siegreicher Kriegsheld auch du!
Groß war dein furchtloser Kampfesmut, nicht minder deine Verheißung.
So empfing dein sterbliches Haupt der Unsterblichkeit Krone!

Wunderwerke vollbrachte der Schmied in geschäftigter Kammer.
Durch seiner Hände Tat verlieh er der Vorstellung selbst, dem
Reich kühner Träume, feste Natur in fassbaren Zügen.
Half er doch einst auch mit spaltender Axt dem Zeus bei der Kopfge-
burt der Athene, die in voller Rüstung Erstand’ne.

So auch begab sich Pygmalion in seine Werkstatt.

Als begnadeter Bildhauer auf dem Inselreich Zypern
mehrte er reich die Tempel mit ehrfurchtgebietenden Götterstatuen,
gab Erscheinung der himmlischen Macht,
die seit jeher dem menschlichen Aug’ sich entzog
und nur sich dem demüt’gen Herz offenbarte.
Diesem Betreben nun folgend gedachte der Künstler edlem Verlangen
gleichsam ein Weib zu erschaffen aus glänzendem Marmor, denn schmerzlich
war die Enttäuschung, die erlittene, von den Frauen gewesen,
dass er nunmehr aus dem Gesteine weibliches Antlitz
still sich erhoffte, wie’s ihm im Traume oftmalig schwärmte.

Wohl war der kühne Entschluss nun gefasst,
wohl führte nun der Meister geduldig den Meißel
und formte mit stiller Schöpferbetrachtung
aus dem Steine das werdende Bild andächt’ger Versenkung …
Und siehe, alles geriet wohl unter schaffender Hand:

Rein wie des Vollmondes schimmerndes Haupt am bestirnten Gewölbe
prangte die schönbleiche Stirn und strahlte ins trunkene Aug’ ihm.
Milder Silberschein floss über der Wangen erhab’nes Gefilde,
wo ein lieblicher Flor seinen Zauber verströmte.
Vom Abglanz betört,
nahte die Mondgöttin selbst und Abendtau kühle entatmend,
koste mit dunstigem Hauch sie lustvoll der Brüste Opal.
Und der leblose Stein erwachte zum Leben.
Blühend entfächterte sich nun das Auge, die bisher verschloss’ne
Knospe. Liebestoll zuckte die zarte Braue und schmückte
gleich dem Rosengerank das Tor zur sichtbaren Welt. Der
niederstreichende Wimpernschlag fächelte mild ambrosische Brise
und windete keusch mit goldsträhner Pracht des Eros‚ genesendes Heil.

Oh welches Antlitz, wahres Elysium weiblicher Anmut
du! Aus deiner Lippen liebrauschendem Quell
sprudelte hell ihm kristallene Macht und wogte als wallender Segensstrom
munter im Rudel graziler Gelüste
und schwemmte Pygmalions trockenes Tal
fruchtlosen Sehnens mit paradiesischer Flut.

 


 


 

Wundertätig war einst des Bildhauers Meißel,
der vom Wunschbild geführt, vom Verlangen getrieben,
dem Gedanken in der Statur feste Gestaltung verlieh
und durch Himmelsgeschick Empfindung erlangte.

 

 

23ter November 1827,  Scardanelli *