Lyrik ~ Klinge
    Versuch einer Dichtung            

19 
 Juni 
 
2019


 

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31 
 Juli 
 
2017

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Orpheus und Eurydike

 
Musik
Wolfgang Amadeus Mozart [1]Divertimento, KV 125c


[ Bemerkung zum Text ] [2] Ich distanziere mich explit zu Bezügen aus meinem privaten Umfeld, die rein zufällig wären und der Text darüberhinaus dem Jahre 2001(?) entstammt. Lediglich die Verortung im Gedichtezyklus “Mnemosynes Geleit” war angedacht.
 
Der Götter zweierlei Wohnstätte

 
Eurydike
schmeichelnd
Lorbeerduftes Sängerhaupt,
wohl windet lieblich dir Apoll
in königskrönender Manier
grünzart schmückend den Siegeskranz.

Orpheus
zärtlich erwidernd
Gleichfalls jedoch streut Flora
blühend mit liebender Hand
ins untadlig Gemüte dir
knospenquell erstand’ne Blumenzier.

Oh schöne Seele,
vom taugenährten Lippensaum
träuft [3]rinnt dir liebwallend [4]liebschallend Göttertrank
als kristallner Perlenzauber.

Eurydike
geschmeichelt
Musenentsandter,
Beseelter auf irdischem Kreise,
wie mundet köstlich mir dein Wonnetrunk,
die holden Worte süßer Traube,
weil Bacchus’ rege Winzerhand doch selbst
den Weinstock sorgend dir gepflanzt,
am Bergeshange des Olymp
in Ceres’ fruchtbarestem Schoße
sanft mit mütterlicher Acht gesenkt,
wo sein goldnes Füllhorn Helios
sich lichtesschwemmend weit ergießt
und reinster Himmelsäther wolkt.

Orpheus
einstimmend
Wo freie Wurzeln
sprossend mit Lustempfinden schlagen,
munter ins Erdreich tief sich wagen,
wo heit’res Purzeln
von scharigen Blütenpollen
entlegene Pfade erspüren wollen,
labt munter sich des Haines Wild
im gleisen Dämmertaugefild’
am schilfbewachs’nen Weiher.

Dort, oh Kind der süßen Triebe,
entschwebet deinem Lotusmund
als zarter Morgenschleier
der wahren Schönheit Nebeldunst.

Eurydike
mit einem Lächeln belehrend
Drum, erhab’ne Denkerstirn,
verschmäh’ das Zartgemüte [5]Herzensbildung nicht,
dem du auf sphärischem Geleis
im Geistesfluge kühn entschwebst!

Gleichwie der Huf des Pegasus‘
des Dichters brausen Geisterguss
entfesselnd aus dem Fels entlässt
und sprenget das steinerne Mieder,
so rauscht in Artemis’ Garten
auch mir mein Wunderquell.

Orpheus
zuflüsternd
Fürwahr,
gemählich ziehen unser beider Ströme
durchs Paradies der einen Brust
und einen sich im Ozeane
ewiger Wonnestunden.
→ zu Mnemosynes Geleit
Morpheus’ Schoß
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Fußnoten   [ + ]

 
 
28 
 Dezember 
 
2016

abgelegt in
Die Stoa | Gedankenschau

 


Orpheus ent-reißt Eurydike der Unterwelt


Dieses Bild schreckt mich ab.
Man darf mutmaßen, ob Orpheus vielleicht die Nymphe Eurydike NICHT aus dem Schattenreich führt, sondern hinter sich (h)er-zieht und sie zu seinen Lebensentwürfen/-konzepten ziehen möchte, geradezu “schleift”.

Vielleicht hatte sich Eurydike mit der Unterwelt bereits arrangiert?
Vielleicht hatte sie sich in ihren Erdentagen bereits an Orpheus’ melodiösem Säuselwind, der ihm ambrosisch durch sein Harfenspiel streifte, satt gelauscht?
Deutungsspielräume bleiben offen…

Man sollte die Menschen nicht zu sich er-ziehen, sondern sich mehr be-ziehen, auf gemeinsame Bezugspunkte, auf übereinstimmende Interessensfelder und auf Herzen hoffen, die den gleichen oder ähnlichen Blickwinkel auf eine Sache mit einem teilen. Und dieser Blickwinkel mag noch so schräg sein, für Gedankenexperimente gibt es kein zu schräg.
Es ist besser, alleine zu bleiben und – wie im Falle Orpheus’ – zu den Tieren und Pflanzen zu singen, als Menschen auf seine Seite zu ziehen.

(Hin- und H)Er-Ziehung funktioniert nicht und mein pädagogischer Ehrgeiz geht diesbezüglich mittlerweile asymptotisch gegen Null!

Denn was sich von einem absondern will, sich an anderen Quellen laben möchte, wird dies auch tun.
Bäche werden hinab eilen, man kann und darf sie nicht aufhalten, weil es in ihrer Natur liegt.
Was einem immer bleibt, sind die treuen Zisternen Hoffnung verheißender Frische.

Wie Orpheus gilt es, dem angestimmten Harfenspiel mit seiner Lebensmelodie treu zu bleiben.

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