Lyrik ~ Klinge
    Versuch einer Dichtung            

2 
 September 
 
2018


 

Bildquelle: Quelle


MUSIK
Felix Mendelssohn Bartholdy [1]Sommernachtstraum (Nocturne)

ine palmu
noctema
arjentas

ine rizomi
voyeto del flori
ulu sepalo
promenas

ine rizomi
multe floras
multe odoras

 

 
Ich dachte, QUELLE hätte Insolvenz angemeldet und gäbe es nicht mehr?
Irgendwie scheint doch noch nicht der Quelle-Versand versandet zu sein.

Zumindest war das Versandhaus Ideenlieferant für diesen Beitrag, QUELLE der Eingebung minder.

Fußnoten   [ + ]

 
 
29 
 April 
 
2018


 

DICHTUNG Ovid
LESUNG Peter Simonischeck
BEREITSTELLUNG Lyrik & Musik


Anmerkung zum Werk:

Der 3000 Jahre alten Geschichte nach ist Narziss der schöne Sohn des Flussgottes Kephissos und der Nymphe Leiriope. Kephissos ließ Leiriope schwanger zurück. Nach der Geburt ihres Sohnes suchte die junge Mutter den Wahrsager Teiresias auf, um ihn zu fragen, ob dem Knaben ein langes Leben beschieden sei. “ So lange, bis er sich selbst kennenlernt“ – das war die Antwort. Leiriope konnte diese Worte nicht deuten und schenkte ihnen keine weitere Beachtung.

Aufgrund seiner Schönheit wurde Narziss von Männern wie Frauen umworben, die er allesamt verschmähte und grob abwies. Er zeigte sich unberührbar und hartherzig, ließ niemanden an sich heran und widerstand jeder Annäherung. Besonders verliebt hatte sich die Bergnymphe Echo in den schönen Narziss. Als sie ihm ihre Liebe gestand, wies er sie schroff zurück. Echo versteckte sich daraufhin in den Wäldern, lebte einsam, wurde menschenscheu und nahm keine Nahrung mehr zu sich bis sie schließlich verstarb.

Als Narziss eines Tages an einer klaren Quelle seinen Durst stillen wollte, beugte er sich über das Wasser und erblickte darin das Bild eines wunderschönen Jünglings. Er war entzückt von diesem Anblick, konnte aber nicht erkennen, dass er es selbst war und verliebte sich in das Bild. Bei dem Versuch, sich dem geliebten Gesicht im Wasser zu nähern, sich mit seinem Ebenbild zu vereinen, beugte er sich voller Liebesschmerz immer tiefer und tiefer über das Wasser bis er in den See stürzte und ertrank.

In seinem dritten Buch beginnt Ovid mit dem Orakel des Tiresias über Narcissus, welches besagt: „Narcissus wird alt werden, wenn er sich nicht kennt.“ Da der schöne Jüngling in fünf Jahren nur drei Jahre älter wird, begehren ihn viele Männer und Frauen. Allerdings wohnt ein hartherziger Hochmut in seiner zarten Gestalt. Echo, welche das Schicksal hatte nur Gehörtes wiederholen zu können, verliebt sich auch in Narcissus. Ihre Beeinträchtigung beruht auf einer Bestrafung der Juno, da diese jedes Mal, als sie kurz davor war die Nymphen in JuppitersArmen zu ertappen, von der geschwätzigen Echo in ein Gespräch verwickelt wurde. Echo erblickt den Hirsche jagenden Narcissus und ihr Herz entbrennt in Liebe. Als Narcissus sich einmal im Wald verirrt, ruft er um Hilfe und die Nymphe antwortet immer mit seinen letzten Worten. Schließlich fällt sie ihm um den Hals. Er aber lässt nicht zu, dass jemand Macht über ihn hat, lehnt ihre Liebe ab und flieht. Aus Liebeskummer zieht sich Echo in den Wald zurück, verbirgt ihr Gesicht und Laub und lebt in einsamen Höhlen. Einzig und allein ihre Stimme bleibt erhalten.

„…Doch die Liebe bleibt und wächst noch aus Schmerz über die Zurückweisung. Sorgen gönnen ihr keinen Schlaf und zehren den Leib jämmerlich aus; Magerkeit läßt die Haut schrumpfen, in die Luft entschwindet aller Saft des Körpers, nur Stimme und Gebein sind übrig. Die Stimme bleibt, das Gebein soll sich in Stein verwandelt haben. Seitdem ist sie in Wäldern verborgen und läßt sich auf keinem Berg blicken. Alle können sie hören. In ihr lebt nur der Klang.“

Die Metamorphose des Narcissus beschreibt Ovid besonders genau. Er lässt sich an einer Quelle nieder, um den Durst vom Jagen zu stillen. Als er das Spiegelbild seiner Schönheit erblickt, hält er die Wellen für einen Körper und begehrt sich selbst.

„…Nichts ahnend begehrt er sich selbst, empfindet und erregt Wohlgefallen, wirbt und wird umworben, entzündet Liebesglut und wird zugleich von ihr verzehrt. Wie oft gab er dem trügerischen Quell vergebliche Küsse! Wie oft tauchte er, um den Hals, den er sah, zu erhaschen, die Arme mitten ins Wasser und konnte sich nicht ergreifen! Er weiß nicht, was er sieht; doch was er sieht, setzt ihn in Flammen.“

Schließlich bemerkt Narcissus, dass er sich in sein eigenes Abbild verliebt hat und realisiert die Ausweglosigkeit, in der er sich befindet, und damit verbunden seinen baldigen Tod. Er fleht sein Spiegelbild an, doch nicht wegzugehen, schlägt sich selbst auf die Brust und schmilzt anschließend vor Liebe dahin. Zahlreiche Nymphen und auch Echo beklagen seinen Abgang – an der Stelle seines Todes ist kein Leib mehr, nur mehr eine gelbe Blume, eine Narzisse, zu finden. Die Narzisse ist einerseits ein Symbol für die Überwindung des Todes und der Wiedergeburt, andererseits steht sie aber auch, hier in Bezug auf Ovids Metamorphose, für Selbstliebe und Eitelkeit.

Quelle: Lyrik & Musik

 
 
7 
 August 
 
2017

Schlagwörter

0

 

INTERPRETATION Christoph Hackenberg
QUELLE zeno.org



 

[205]
Willst Du zur Ruhe kommen, flieh, o Freund,
Die ärgste Feindin, die Persönlichkeit!
Sie täuschet Dich mit Nebelträumen, engt
Dir Geist und Herz und quält mit Sorgen Dich,
Vergiftet Dir das Blut und raubet Dir
Den freien Athem, daß Du, in Dir selbst
Verdorrend, dumpf erstickst von eigner Luft.
Sag an: was ist in Dir Persönlichkeit?

Als in der Mutter Schooß von Zweien Du
Das Leben nahmst und, unbewußt Dir selbst,
An fremdem Herzen, eine Pflanze, hingst,
Zum Thier gediehest und ein Menschenkind
(So saget man) die Welt erblicktest: Du
Erblicktest sie noch nicht; sie sahe Dich,
Von Deiner Mutter lange noch ein Theil,
Der ihren Athem, ihre Küsse trank
Und an dem Lebensquell, an ihrer Brust,
Empfindung lernete. Sie trennte Dich
Allmählig von der Mutter, eignete
In tausend der Gestalten Dir sich zu,
In tausend der Gefühle Dich ihr zu,
Den immer Neuen, immer Wechselnden.
Wie wuchs das Kind? Es strebte Fuß und Hand
Und Ohr und Auge spähend, immer neu
Zu formen sich. Und so gediehest Du
Zum Knaben, Jünglinge, zum Mann und Greis.
Im Jünglinge, was war vom Kinde noch?
Was war im Knaben schon vom Greis und Mann?

Mit jedem Alter tauschtest Du Dich um;
Kein Theil des Körpers war derselbe mehr.
Du täuschtest Dich mit Dir; Dein Spiegel selbst
Enthüllte Dir ein andres, neues Bild.

[205]
Verlangtest Du, ein Jüngling, nach der Brust
Der Mutter? Als die Liebe Dich ergriff,
Sahst Du die Braut wie Deine Schwester an?
Und als der Traum der Ehre fort Dich riß,
Verlangtest in die Windeln Du zurück?
Schmeckt Dir die Zuckerbirne, wie sie Dir,
Dem Kinde, schmeckte? Und die innre Welt
Der Regungen, der lichten Phantasei,
Des Anblicks aller Dinge, ist sie noch
Dieselbe Dir, wie sie dem Knaben war?

Ermanne Dich! Das Leben ist ein Strom
Von wechselnden Gestalten. Welle treibt
Die Welle, die sie hebet und begräbt.
Derselbe Strom, und keinen Augenblick,
An keinem Ort, in keinem Tropfen mehr
Derselbe, von der Quelle bis zum Meer.

Und solch ein Trugbild soll Dir Grundgebäu
Von Deiner Pflicht und Hoffnung, Deinem Glück
Und Unglück sein? Auf einen Schatten willst
Du stützen Dich? und einer Wahngestalt
Gedanken, Wirkung, Zweck des Lebens weihn?
Ermanne Dich! Nein, Du gehörst nicht Dir;
Dem großen, guten All gehörest Du.
Du hast von ihm empfangen und empfängst;
Du mußt ihm geben, nicht das Deine nur,
Dich selbst, Dich selbst; denn sieh, Du liegst, ein Kind,
Ein ewig Kind, an dieser Mutter Brust
Und hangst an ihrem Herzen. Abgetrennt
Von allem Lebenden, was Dich umgab
Und noch umgiebt, Dich nähret und erquickt,

Was wärest Du? Kein Ich. Ein jeder Tropf
In Deinem Lebenssaft, in Deinem Blut
Ein jedes Kügelchen, in Deinem Geist
Und Herzen jeder regende Gedank‘,
Und Fertigkeit, Gewöhnung, Schluß und That
(Ein Triebwerk, das Du übend selbst nicht kennst),

Jedwedes Wort der Lippe, jeder Zug
Des Angesichtes ist ein fremdes Gut,
Dir angeeignet, doch nur zum Gebrauch.
So, immer wechselnd, stets verändert, schleicht

[206]
Der Eigner fremden Gutes durch die Welt.
Er leget Kleider und Gewohnheit ab,
Verändert Sprache, Sitten, Meinungen,
Wie sie der Zeiten rastlos gehnder Schritt
Ihm aufdringt, wie die große Mutter ihm
In ihrem Schooße bildet Herz und Haupt.
Was ist von Deinen zehentausenden
Gedanken Dein? Das Reich der Genien,
Ein großer untheilbarer Ocean,
Als Strom und Tropfe floß er auch in Dich
Und bildete Dein Eigenstes. Was ist
Von Deinen zehen-zehentausenden
Empfindungen das Deine? Lieb‘ und Noth,
Nachahmung und Gewohnheit, Zeit und Raum,
Verdruß und Langeweile haben Dir
Es angeformt und angegossen, daß
In Deinem Leim Du neu es formen sollst
Fürs große, gute, ja fürs bessre All. –

Dahin strebt jegliche Begier, dahin
Jedweder Trieb der lebenden Natur,
Verlangen, Wunsch und Sehnen, Thätigkeit
Und Neugier und Bewunderung und Braut-
Und Mutterliebe, daß vom innern Keim
Die Knospe sich zur Blum‘ entfalt‘ und einst
Die Blum‘ in tausend Früchten wieder blüh‘.
Den großen Wandelgang des ew’gen Alls
Befördert Luft und Sonne, Nacht und Tag.
Das Ich erstirbt, damit das Ganze sei.
Was ist’s, das Du mit Deinem armen Ich
Der Nachwelt hinterlässest? Deinen Namen?
Und hieß‘ er Raphael: an Raphael’s
Gemälden selbst vergess‘ ich gern den Mann
Und ruf‘ entzückt: »Ein Engel hat’s gemalt.«

Dein Ich? Wie lange kann und wird es denn
Die Nachwelt nennen? Und am Namen liegt’s?
So nennet sie mit Dir auch Mävius
Und Bavus, Stax und Nero-Herostrat.

[207]
Nur wenn, uneingedenk des engen Ichs,
Dein Geist in allen Seelen lebt, Dein Herz
In tausend Herzen schläget, dann bist Du
Ein Ewiger, Allwirkender, ein Gott,
Und ach, wie Gott, unsichtbar-namenlos.
Persönlichkeit, die man den Werken eindrückt,
Die kleinliche, vertilgt im besten Werk
Den allgemeinen, ew’gen Genius,
Das große Leben der Unsterblichkeit.

So lasset denn im Wirken und Gemüth
Das Ich uns mildern, daß das bessre Du
Und Er und Wir und Ihr und Sie es sanft
Auslöschen und uns von der bösen Unart
Des harten Ichs unmerklich sanft befrein!
In allen Pflichten sei uns erste Pflicht
Vergessenheit sein selber! So geräth
Uns unser Werk, und süß ist jede That,
Die uns dem trägen Stolz entnimmt, uns frei
Und groß und ewig und allwirkend macht.
Verschlungen in ein weites Labyrinth
Der Strebenden, sei unser Geist ein Ton
Im Chorgesang der Schöpfung, unser Herz
Ein lebend Rad im Werke der Natur!

Wenn einst mein Genius die Fackel senkt,
So bitt‘ ich ihn vielleicht um Manches, nur
Nicht um mein Ich. Was schenkt er mir damit?
Das Kind? den Jüngling? oder gar den Greis?
Verblühet sind sie, und ich trinke froh
Die Schale Lethens. Mein Elysium
Soll kein vergangner Traum von Mißgeschick
Und kleinem krüpplichten Verdienst entweihn.

Den Göttern weih‘ ich mich, wie Decius,
Mit tiefem Dank und unermeßlichem
Vertrauen auf die reich belohnende,
Vielkeimige, verjüngende Natur.
Ich hab‘ ihr wahrlich etwas Kleineres
Zu geben nicht, als was sie selbst mir gab
Und ich von ihr erwarb, mein armes Ich.